Basics

Alle sind von den digitalen Nomaden genervt. Brauchen wir einen neuen Begriff?

Steven Digital Nomad / Steven Zwernik / Flickr (CC BY 4.0)
geschrieben von Marinela Potor

Brauchen die digitalen Nomaden ein Makeover? Ich frage mich dies, seitdem ich vor Kurzem diesen Artikel gelesen habe. Darin fragt die Autorin, ob wir nicht mal langsam einen neuen Begriff für die „digitalen Nomaden” brauchen. Ich habe mir dazu ein paar Gedanken gemacht.

Hassbegriff „digitale Nomaden“

Was ist eigentlich mit dem Begriff nicht in Ordnung?

Dazu muss ich etwas weiter ausholen.

Ich selbst habe viele Jahre das Leben einer digitalen Nomadin gelebt, ohne dass ich wusste, dass es diese Nomaden gab. Mir war lange nicht klar, dass dahinter ein Lifestyle, eine Bewegung, eine Gemeinschaft steckte, die diesen Lebensstil sehr laut und begeistert propagiert. Bis ich selbst gefragt wurde, darüber zu schreiben – und nun sogar ein ganzes Onlinemagazin dazu fülle.

Seitdem habe ich also selbst angefangen über „digitale Nomaden“ zu schreiben – und finde den Ausdruck einfach praktisch. Er trifft alle Aspekte unseres Lebens, unsere digitale Arbeit und unser unstetes Reiseleben, und ist daher für mich schlicht eine Möglichkeit, eine Gruppe von Menschen und ihre Lebensweise einfach zu beschreiben. Es ist bei Weitem nicht die einzige, aber eine treffende.

Die allgegenwärtigen Nomaden nerven

Warum hassen aber so viele den Begriff?

Nun bin ich bei Weitem nicht die einzige, die über dieses Thema schreibt. Wer anfängt, sich mit dem digitalen Lebensstil zu beschäftigen, wird über kurz oder lang etliche Blogs, Artikel und Webseiten rund um das Thema finden.

Nun ist es ja nicht so, als gäbe es keine anderen Gruppen, die sich genau so zahlreich im Netz tummeln: Nerds, Pokemoner, Trekkies, Modeblogger, Instagram-Husbands. Warum ist keiner von diesen Gruppen genervt?

Meine persönliche Antwort darauf ist: Weil sie sich nicht auf die gleiche Art und Weise inszenieren.

Gute Laune oder nervige Selbstdarsteller?

Als digitaler Nomade könnte man froh über den praktischen Begriff sein und dann einfach sein Leben leben. Doch viele von uns belassen es nicht dabei. Sie lieben ihr Lebenso sehr, dass sie dabei fast missionarisch allen mitteilen wollen, wie gut es ihnen geht. Ich unterstelle diesen Menschen nicht automatisch einen Selbstdarsteller-Drang oder unlautere Absichten (auch wenn es natürlich auch unter den digitalen Nomaden beides gibt). Hinter dieser lauten Selbstberieselung stecken für mich vor allem drei Gründe:

  1. Digitale Nomaden lieben ihr Leben tatsächlich und warum sollte man das nicht laut und deutlich aller Welt mitteilen?
  2. Die Akzeptanz für diesen Lebensstil ist noch nicht besonders groß, sodass viele es auch als Aufgabe ansehen, den Weg für weitere Generationen von Nomaden zu ebenen – und deswegen ebenso oft und viel über sich selbst reden.
  3. Viele digitale Nomaden verdienen ein Einkommen damit, anderen zu erklären, wie man selbst zum digitalen Nomaden wird. Da ist natürlich klar, dass man nicht aktiv ein Negativbild zeichnen will, um eventuelle Kunden zu vergraulen.

Lasst uns endlich mit euren digitalen Nomaden in Ruhe!

Bei der allgemeinen Leserschaft kommt damit an: Digitale Nomaden sind laut, sie reden dauernd über sich selbst und propagieren dabei auch noch ihre Lebensweise als den ultimativen Weg zum Glück. Hinzu kommen die Medien, die digitale Nomaden als „neue Hippies“, als „Pioniere einer neuen Generation“ oder als „Strandarbeiter“ beschreiben, und damit natürlich weiter zum hippen Image dieser Gruppe beitragen.

Wenn wir all das zusammen nehmen, passiert bei den meisten Menschen eins:

Übersättigung.

Okay, wir haben alle verstanden, dass es euch gibt, dass ihr was ganz Tolles tut und „mega-happy“ seid. Könnt ihr uns jetzt in Ruhe lassen? Genau hier wird dann aus dem eigentlich neutralen Begriff „digitaler Nomade“ für viele ein absoluter Hassbegriff.

Und nun?

Die Frage ist, was können wir – die digitalen Nomaden – dagegen tun? Sollten wir überhaupt etwas dagegen tun? Wir könnten natürlich versuchen einen neuen Ausdruck zu finden.

Doch erstens ist mir bisher keiner über den Weg gelaufen, der unseren Lifestyle genau so gut beschreibt. Ortsunabhängiger ignoriert unsere Reisen und ist nicht besonders sexy, Webworker fokussiert nur auf unsere Arbeit genau so wie Online-Entrepreneur, Weltreisender dagegen ist eigentlich etwas anderes.

Und zweitens: Würde das überhaupt etwas bringen? Selbst wenn wir nun anfangen würden, uns selbst einen neuen Namen zu geben, würden wir doch trotzdem noch alle nerven, die von uns die Nase voll haben. Sicherlich würden dann andere auch an diesem Begriff etwas zu kritisieren finden.

Andererseits finde ich auch nicht, dass wir – nur weil es einige Entnervte da draußen gibt – aufhören müssen, über die Dinge zu reden, die uns wichtig sind.

Was ist also die Alternative? Gibt es eine gute Lösung? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht! Bisher finde ich es nicht so schlimm, dass wir anderen auf den Keks gehen – denn daraus ergeben sich oft auch sehr spannende Diskussionen und es kann ja auch den Selbstgefälligen unter den digitalen Nomaden nicht schaden, sich mal zu hinterfragen.

Für mich gibt es auch nicht unbedingt „den“ digitalen Nomaden. Vielmehr sind wir sehr vielfältig und haben vom Dauerreisenden bis zum Onlineunternehmer sehr viele alternative Lebensformen für uns gefunden. Der Begriff steht für mich daher eher für eine Vielzahl von neuen, digitalen Lebenswegen, die allen offen stehen, die es wollen.

Müssen wir digitale Nomaden also einen neuen Begriff finden, weil wir andere nerven?

Meine Antwort dazu: lächeln und vom Strand-Liegestuhl aus winken!


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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

19 Kommentare

  • „Lächeln und vom Strand-Liegestuhl aus winken!“ sehr geil 😉 Was stört es die ich wenn sich eine Sau daran reibt, sage ich dazu nur. Die digitalen Nomaden die ich kenne, leben ihren Traum. Keiner der Motzkis sieht aber wirklich was dahinter steckt, das regelmäßiges Blogging eben auch „Arbeit“ ist, nur eben eine andere Art. Neid und Missgunst sind leider in unserer Gesellschaft stärker verankert als „Toll das du es geschafft hast, zeig mir doch mal wie das geht“.

    • Irgendwann kommt ja auch der Punkt, wo man es leid ist, allen ständig zu erklären, dass man nicht faul ist oder auch, dass man nicht vor irgendwelchen Problemen davonläuft, sondern einfach nur glücklich ist mit seinem Lebensentwurf.

  • alle (wer ist das eigentlich??) sind genervt. wir (und wer ist das bitte??) brauchen einen neuen Begriff.

    eine neue Worthülle weil uns (??) die alte Worthülse nicht mehr gefällt.

    kann es sein dass genau dieses alberne getue manche Leute nervt? Leute, die nichts besseres zu tun haben als sich einen Namen für ihresgleichen zu überlegen?

    wofür im Leben braucht man das?

    bitte ganz ehrlich um eine Antwort!

    für eine tolle Visitenkarten? für den Blog? zum vorstellen bei Freunden?

    diskutieren Tischler, Taxifahrer, Weltraumforscher, Barkeeper oder andere Berufsgruppen auch über einen tollen Namen?

    • Nun, alle, im Sinne von jeder Erdenbürger – sind sicher nicht genervt. Aber genug, die Kommentare hinterlassen, und sogar selbst Artikel über dieses Thema schreiben. Genug zumindest, um sich das mal selbst zu fragen.
      Wir, damit meine ich jeden, der sich in irgendeiner Form von diesem Begriff eingeschlossen fühlt, wie z.B. die Autorin, die sich das in dem Post fragt, den ich ganz am Anfang verlinke.

      Wofür braucht man Begriffe? Das ist eine SEHR philosophisch-anthropologische Frage, die du da stellst. Wittgenstein sagt, dass nichts existiert, was wir nicht mit Sprache benennen können und Dinge / Menschen in Kategorien zu stecken, ist etwas, das unser Gehirn eigentlich automatisch tut, um uns die Arbeit zu erleichtern – und auch kulturell etwas, das wir als soziale Wesen zu einem gewissen Grad brauchen. Gruppen benennen bedeutet auch „Zugehörigkeit“ ein „wir“ vs. „sie“ Gefühl. Das ist nicht immer hilfreich, oft schädlich, aber genau so menschlich. Solange man weiss, dass wir das tun, ist es ja auch okay.

      Das Reflektieren über Begriffe ist auch so alt wie die Menschheit. Warum nicht also auch über digitale Nomaden. Wobei, es waren nie die Nomaden selbst, die den Begriff erfunden haben, das geht auf die Kappe von zwei ganz anderen – und dann wurde der Begriff tatsächlich nicht von uns, sondern von anderen ÜBER uns genutzt. Genau deshalb kommen jetzt viele auf den Gedanken: „Moment Mal, so wie die MICH alle nennen, hab ich mir selber nie ausgesucht. Und mir gefällt das Wort noch nicht mal …“

      • na gut. grundsätzlich finde ich es gut dass mein Kommentar erschienen ist und du mir geantwortet hast. aber wir denken da verschieden.

        ich kann verstehen, dass Leute von vielen DN genervt sind die eben wie beschrieben überdrübercool sind und das ständig raushängen lassen und missionieren. wie bei vielen veganern eben auch.

        dass leute echt so happy sind bezweifle ich. jemand der oben beschriebenes Verhalten zeigt, hat eher ein Problem würde ich sagen.

        ich war vor kurzem 10monate auf Weltreise mit Rucksack. ich hab kaum aufs Geld geschaut, mal im Hostel, mal im Hotel oder gleich ein eigenes Apartment gemietet. ich glaub sowas nennt man heutzutage flashpacking.

        hätte ich irgendwer gefragt ob ich so einer bin hätte ich ihn entweder ignoriert oder höflich gesagt dass mich so ein Unsinn nicht interessiert. ich brauch kein Label zur außendarstellung.

        mein „Lifestyle“ braucht sich keinen Namen. er soll keinen haben. geht ja um mich als Person. und mach was mich freut.

        ach ich find das so absurd. also da werde wir wohl nicht zusammen kommen 😉

        • Wieso sollte dein Kommentar auch nicht erscheinen? Solche Beiträge sind ja dazu da, um eine Diskussion anzustossen. Und verschiedene Meinungen machen das Leben doch erst bunt 🙂

          Der Artikel hier ist ja auch nur meine Meinung. Das heisst, es gibt ’nen Haufen digitale Nomaden, die den Begriff nicht mögen und auch von den Selbstdarstellern genervt sind. Ganz ehrlich, wenn mich jemand fragt was ich mache, halte ich der Person auch selten Vorträge über den Lifestyle der digitalen Nomaden – aber das ist einfach ’ne Persönlichkeitsfrage. Manche tragen das eben nach aussen – und die riskieren natürlich immer, dass andere von ihnen genervt sind.

          Wie gesagt, zu einem gewissen Punkt kann auch ich das nachvollziehen, doch viele Kritiker sind nicht so differenziert wie du oder haben oft auch nur eine relativ oberflächliche, uninformierte Meinung – und dann gehen DIE mir auf den Keks.

  • „Hass“ ist ein großes Wort, damit würde ich raten, sparsam umzugehen. Ich glaube nicht, dass Menschen in großer Zahl digitale Nomaden (oder auch nur den Begriff) hassen. Warum sollten sie? Es ist wahrscheinlich eher so, dass missionarischer Eifer die Leute einfach nervt. (Das ist übrigens schon immer so, seit Menschengedenken, egal, für welche Religion oder für welches Weltbild geworben wurde. )
    Wenn es euch trotzdem wichtig ist, über euer Thema zu sprechen, dann haltet es aus, wenn Leute die Augen verdrehen. So schlimm ist das nicht.

    • Oh, du solltest mal einige Kommentare lesen unter den Artikeln über „digitale“, das ist wirklich oft mehr als nur ein einfaches Genervtsein. Ich kann irgendwo beide Seiten nachvollziehen. Die Missionare nerven mich auch, während ich viele Kritiker (nennen wir sie mal so) viel zu undifferenziert und einfach nur neidisch finde.

      Aber klar, das Thema lreiegt mir schon am Herzen. Darüber werde ich auch nicht aufhören zu schreiben … nur finde ich ein wenig Selbstreflexion hier und da, kann niemandem schaden 🙂

  • ich hab es von Anfang an gehasst … ich verachte übermäßige Selbstdarstellung, vor allem wenn sie so penetrant präsentiert wird. Manche haben mehr Tagesfreizeit als ihnen gut tut.

    • Ich kann teilweise nur noch mit dem Kopf schütteln, mit welcher Großspurigkeit und Naivität sich einige Lifestyle Blogger teilweise täglich neu zelebrieren. Im Grunde sind Nomaden mein tribe (bin selbst seit vielen Jahren Dauer-Reisende). Aber mich schaudert es richtig, was da teilweise als der nonplus-lifestyle verkauft wird. Wenn man älter wird, merkt man auch langsam, dass die Steuerflucht, die Komplettabmeldung und der Austritt aus der KV evt. doch nicht ganz so klug waren, aber bis dahin sind schon mind. 10.000 auf diese angeblich so „genial raffinierten“ Tipps und Tricks reingefallen. Kritik leider unerwünscht, denn damit stört man die angebliche Zen-Wolke (sprich: die dauernde Beweihräucherung von Alt-Lifestyle-Nomaden durch Neu-Lifestyle-Nomaden). Angenehme Ausnahmen gibt es immer, aber wer weniger trommelt ist halt weniger bekannt…

  • Mich stört der Begriff auch etwas. Dass sich anscheinend viele daran stören hat mich allerdings sehr überrascht.
    Mir geht es dabei wirklich nur um den Begriff, nicht um den Lebensstil – wenn es euch gut geht kann man da ja nur gratulieren.

    Mir schien immer, dass viele Artikel darüber nur erschienen sind, weil der Begriff „digitale Nomaden“ so spannend klingt. Dass Leute (dauer-)reisen und darüber bloggen wäre ja nichts neues – dank des aufregenden Begriffs kann man aber nochmal darüber schreiben, als wäre es eine Neuheit. Dabei finde ich den Begriff nicht besonders treffend.
    „Digitale Nomaden“ habe ich zum ersten Mal im Bezug auf VPN-Nutzer gehört, die ihre öffentliche IP-Adresse nach Bedarf in andere Länder „digital umziehen“ lassen. Auch da trifft die Analogie nicht wirklich, war aber sicherlich auch nicht ganz ernst gemeint. Trotzdem hat der Begriff hier mit Begriffen wie „digitale Hehlerei“ oder „digitale Bildbearbeitung“ gemein, dass das Beschriebene auch tatsächlich digital geschieht. Ihr hingegen seid nicht digital, sondern Menschen auf Fleisch und Blut, die digitale Technik nutzen, um über ihr Leben zu erzählen. Genauso sind auch eure Reisen nicht digital. Und dass ihr auf digitalem Wege über euch erzählt macht euch auch nicht digitaler als andere, denn das tut heute ja fast jeder in irgendeinem Maße.

    Ich habe irgendwo mal „storytelling nomads“ als Vorschlag für eine Alternative gelesen. Das, als nur ein Beispiel, enthält sowohl die häufigen Ortswechsel als auch eure besondere Tätigkeit und ist damit zumindest treffender – klingt aber leider nicht so neu und spannend und würde deshalb wohl wenig Anklang finden.

    Viel Erfolg weiterhin!

    • Hi John – und danke für deinen ausführlichen Kommentar.
      Hmmm, storytelling nomads finde ich sehr schön, für diejenigen, die tatsächlich Geschichten erzählen. Denn es gibt auch sehr viele, die haben mit Bloggen nichts am Hut. Die haben vielleicht eine Webseite oder arbeiten eben über’s Internet (z.B. Designer), aber Geschichten erzählen (leider?) nicht alle von uns …

      Was genau stört dich denn an dem Begriff, bzw. an dem Lebensstil? Das fände ich noch interessant …

  • in der heutigen Zeit ist Zeit knapp,
    warum brauchst Du 30 Zeilen um auf den Punkt z kommen ?
    Oder wie es mein Sohn mal sagte : Labere nicht rum, komm auf’n Punkt !!

  • Ich hab so den Eindruck, als wenn hinter all den Hater-Kommentaren eher sowas wie Neid steckt. Neid darauf, nicht die Eier gehabt zu haben oder zu haben, sich selbst auf die (innere wie äußere) Suche nach einem selbstbestimmten Lebensentwurf getraut zu haben.

    Dass das eine Menge Freiheiten aber auch Abstriche bringt, dass Unsicherheiten ein fixer Faktor in diesem Lebensentwurf ist und vieles mehr wird dann mal geflissentlich ausgeblendet.
    Wie bei dem Nachbarn, der sich ein schickes Auto gekauft hat – dafür aber seit 10 Jahren jeden Cent zur Seite gelegt hat.

    Ich wünsche mir eine Kultur, in der wir uns miteinander und füreinander freuen können – und ich wünsche mir unter den DNs mehr Empathie, wann sie jemandem „auf den Sack gehen“ und dann schlichtweg das Thema wechseln – oder den Schauplatz verlassen.

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