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„Völlig autonom fahrendes Fahrzeug” – Audi zeigt Konzeptfahrzeug Aicon

„Bitte recht grimmig!": Der Audi Aicon ist auf der IAA ein beliebtes Fotomotiv. (Bild: Ekkehard Kern)
Bisher beschränkt sich der Eifer der deutschen Autoindustrie hauptsächlich auf Konzept-Autos wie den Audi Aicon, hier auf der IAA 2017. (Bild: Ekkehard Kern)
geschrieben von Ekki Kern

Man wird ja wohl noch träumen dürfen: Mit der viertürigen Design-Vision Aicon stellt Audi auf der IAA ein nach eigenen Angaben „völlig autonom fahrendes Fahrzeug” vor, das ohne Lenkrad und ohne Pedalerie auskommt. Wann und ob das schicke Gefährt jemals auf die Straße kommt, bleibt aber natürlich unklar.

Der Aicon, das muss man zugeben, ist auf der diesjährigen Internationalen Automobil-Austellung (IAA) in Frankfurt der Hingucker auf dem Messestand von Audi. Als Mobilitätskonzept, sagt der Hersteller, zeige das futuristisch anmutende Konzeptfahrzeug „eine Welt von Morgen, in der die Vorzüge des Individualverkehrs von Tür zu Tür und die luxuriöse Sphäre einer First-Class-Flugzeugkabine sich miteinander verbinden”. So klingt es, wenn ein Autohersteller träumt.

Für Audi das „Prestige-Automobil von Morgen”. (Bild: Audi)

Für Audi das „Prestige-Automobil von Morgen”. (Bild: Audi)

Zum zentralen Körper des Exterieurs, erklärt Audi, werde die Kabine – große Glasflächen an Front und Heck sowie die signifikant nach außen gewölbten Seitenscheiben würden den Reisenden eine „lichte Weite des Raums” bieten. Eine klare Kante ziehe sich auf den seitlichen Fensterflächen des Aicon als harte Linie bis zur D-Säule – ein Novum im Automobildesign.

Diese Linie, sagt Audi, betone die Länge des Autos und reduziere das Volumen der Kabine gegenüber dem Gesamtkörper. Die dezent nach hinten ansteigende Schwellerpartie ist abgedunkelt und lasse das Auto auf diese Weise „geduckt” erscheinen.

Audi will „Quattro-Gene” betonen

Die ausgestellten vier Radhäuser würden die „Quattro-Gene” von Audi betonen und zugleich den Bogen zu den jüngsten Serien-Kreationen der Audi-Designer schlagen. Die Räder im 26-Zoll-Format seien so weit außen wie möglich platziert.

Die Designer hätten Front- und Heckpartie auf ein Minimum an Linien reduziert und setzten auf große durchgehende Flächen. Wie schon beim Audi E-tron-Sportback-Concept findet sich auch in der Aicon-Front der invertierte sechseckige Singleframe, der ein typisches Merkmal der kommenden Generation von Elektro-Automobilen bei Audi sei, heißt es.

Futuristisches Äußeres (Grafik: Audi)

Futuristisches Äußeres (Grafik: Audi)

Sowohl in der Front als auch im Heck verzichtet das Auto auf herkömmliche Scheinwerfer und Leuchteinheiten. Stattdessen gibt es komplett digital bespielbare Displayflächen, die aus hunderten dreieckigen Pixel-Segmenten bestehen.

Sie seien dem „AI”-Symbol von Audi dreidimensional nachempfunden. Um den Singleframe herum gruppiert finden sich großflächige Lichtfelder, in denen – ebenso wie auch am Heck – mehr als 600 3D-Pixel in räumlicher Anordnung platziert sind.

Die großen Flächen und die hohe Anzahl der Pixel erlauben vielfältige Grafiken, Animationen und Informationsdarstellungen in allen Farben. Der Audi Aicon sei damit nicht mehr an statische Tagfahrlicht-Optik gebunden, sondern passe sich Fahrsituationen und sogar seinen Passagieren an, verspricht der Hersteller.

Leuchtsegmente lassen sich zu „Pupillen” weiten

Horizontal geschnittene Leuchtsegmente rechts und links des Singleframe würden wie Augen wirken und ließen sich zu großen Pupillen weiten, oder „aggressiv zukneifen”, wie Audi es formuliert. Erkenne er Passanten oder andere Verkehrsteilnehmer, nehme er „regelrecht Blickkontakt zu ihnen auf” und folge ihnen mit seinen „Augen“.

„Bitte recht grimmig!": Der Audi Aicon ist auf der IAA ein beliebtes Fotomotiv. (Bild: Ekkehard Kern)

„Bitte recht grimmig!“: Der Audi Aicon ist auf der IAA ein beliebtes Fotomotiv. (Bild: Ekkehard Kern)

Der Aicon unterstütze seine Umwelt intelligent und weise Fußgänger oder Radfahrer mit Warn-Animationen anhand seiner Display-Flächen auf Gefahrensituationen hin. Fahrmodi wie „Kolonnenfahrt”, „Stadtfahrt” oder „Fahren in Schrittgeschwindigkeit” ließen sich visualisieren.

Beim Beschleunigen des Autos wandern horizontale Lichtstreifen von unten nach oben, beim Bremsen in umgekehrter Richtung – das Tempo nehme synchron mit dem des Automobils zu oder ab, sagt Audi.

Signale werden auf den Boden projiziert

Der Aicon leuchte mit sogenannten Beamer-Modulen hochauflösend Straße und Umgebung aus und projiziere Signale auf den Boden. Warnhinweise und Fahrzeuginformationen übermittele er auf diese Weise an Passanten, die keine direkte Sicht auf das Auto haben.

Was ein ausschließlich autonom fahrendes Automobil der Zukunft definitiv nicht mehr benötige, seien weit reichende Fernscheinwerfer, sagt Audi. Die Laser- und Radarsensorik des Konzeptfahrzeugs Aicon „sehe” auch im Dunkeln genug, finde den Weg sicher und entdecke mögliche Hindernisse frühzeitig.

Beim Verlassen des Fahrzeugs im Dunkeln aktiviere sich ein sogenannter „Lichtbegleiter“: Diese Mini-Drohne mit Scheinwerfer leuchte den Fußweg des Nutzers aus, heißt es.

Transparentes Dach

Ein „Gefühl von Offenheit und Weite” sollen vor allem die großen Glasflächen, das transparente Dach und die niedrige Gürtellinie schaffen. Besonders weit erscheine der Innenraum, wenn die beiden vorderen Einzelsitze ganz nach hinten geschoben seien, sagt Audi.

Neben den Passagieren ist auch für Gepäck Platz. (Grafik: Audi)

Neben den Passagieren ist auch für Gepäck Platz. (Grafik: Audi)

Der Aicon ist ein 2+2-Sitzer. Eine gepolsterte zweisitzige Bank ist als Sitzgelegenheit in die Rückwand integriert, die beiden vorderen Sessel sind auf maximalen Komfort und ein optimales Raumangebot ausgelegt.

Die Mitfahrer können sie auf Wunsch um bis zu 500 Millimeter in Längsrichtung zwischen vorderer und hinterer Position verschieben. Die Justierung der Sitze erfolge dabei nicht in Schienen, sondern auf einer mit hochflorigem Teppich bedeckten und in Längsrichtung beweglichen Plattform, auf der auch die Füße der Passagiere ruhen. Zusätzlich lassen sich die Einzelsitze auch um bis zu 15 Grad schwenken.

Sitze „automobile Neuinterpretation eines Möbelklassikers”

Die Architektur der Sitze sei die „automobile Neuinterpretation eines Möbelklassikers”, sagt Audi, und zwar des Lounge-Chairs. Sitzfläche und Rückenlehne seien optisch voneinander getrennt – zwei äußere Schalen tragen die hellen Polsterelemente in Kissenoptik mit rechteckig gesteppter Oberfläche.

Entspannen statt selbst fahren – das Sitzkonzept des Aicon. (Grafik: Audi)

Entspannen statt selbst fahren – das Sitzkonzept des Aicon. (Grafik: Audi)

Auf den ersten Blick fehlen beim Aicon alle Bedien- und Anzeigenelemente. Lenkrad, Pedale, Batterien von Tasten und Anzeigeinstrumenten – Fehlanzeige. Stattdessen möchte Audi das bieten, was man selbst „ruhige, weite Flächen” nennt.

Steigen Passagiere zu, komme „rasch Leben in das Interieur”, sagt der Hersteller. So leuchte auf dem vorderen Bildschirm etwa eine Begrüßung auf. Pia, von Audi als „empathische elektronische Fahrzeugassistenz” bezeichnet, habe den Mitfahrer an seinem Smartphone erkannt und aktiviere anschließend alle seine persönlichen Einstellungen: Klimaanlage und Sitzeinstellung, Innenlichtfarbe und das Layout des Infotainment-Systems passen sich individuell an.

Entspannen statt selbst fahren – das Sitzkonzept des Aicon. (Grafik: Audi)

Entspannen statt selbst fahren – das Sitzkonzept des Aicon. (Grafik: Audi)

Für den Dialog mit dem Auto stünden mehrere Eingabe-Modi zur Verfügung, sagt Audi. Neben der haptisch-manuellen Ebene gebe es auch die Sprachbedienung und das sogenannte „Eye-Tracking“, also die Blick-Erfassung durch Sensoren im vorderen Abschluss des Interieurs.

Der Passagier fixiere dabei eine Bedieneinheit im Bereich des vorderen Hauptdisplays mit den Augen und wähle diese dadurch an; mit seiner Hand oder Stimme nehme er anschließend die Feinjustierung vor.

Virtuell eingespiegeltes Head-up-Bild in der Frontscheibe

Im Aicon, verspricht Audi, könnten die Reisenden entspannt einen Film anschauen oder im Internet surfen. Videokonferenzen seien ebenso möglich wie die Interaktion über einen Social-Media-Kanal. Je nach Sitzposition wählen die Fahrgäste dabei das große vordere Display als Ausgabefläche oder darüber ein virtuell eingespiegeltes Head-up-Bild in der Frontscheibe.

Die gläsernen Dachflächen sperren auf Wunsch das Tageslicht aus, indem sie durch Anlegen elektrischer Spannung ihren Transparenzgrad verändern. Integrierte OLED-Leuchtelemente erlauben zusätzlich gezielte Lichtstimmungen oder – etwa beim Ein- und Aussteigen – eine gleichmäßige Ausleuchtung des Innenraums.

Die Technik des Konzeptfahrzeugs, erklärt Audi, gehe von einer Verkehrsinfrastruktur aus, in der autonom fahrende Automobile auf allen Straßen selbstverständlich seien. Die Verkehrsteilnehmer seien so miteinander und mit ihrer Umwelt vernetzt.

Vier Elektromotoren und Festkörperbatterien

Angetrieben werde der Aicon von einem „hocheffizienten elektrischen Antrieb”, heißt es. Insgesamt vier Elektromotoren seien im Bereich von Vorder- und Hinterachse platziert, die Energiespeicher im Unterflurbereich integriert. Es handele sich um Festkörperbatterien, die über eine erheblich höhere Energiekapazität als Lithium-Ionen-Akkus verfügen werden, sagt Audi.

Antriebs- und Sitz-Konzept des Aicon. (Grafik: Audi)

Antriebs- und Sitz-Konzept des Aicon. (Grafik: Audi)

Das Aufladen, verspricht der Hersteller, werde sich auf ein Minimum verkürzen. Denn dank eines Hochvolt-Systems mit 800 Volt lasse sich die Batterieeinheit des Aicon in weniger als 30 Minuten auf 80 Prozent ihrer Kapazität laden. Alternativ steht an Bord auch eine Einheit für das induktive – also kabellose – Laden  zur Verfügung. Beides bewerkstellige der Aicon fahrerlos – er könne in einer AI-Zone selbstständig eine Ladestation anfahren und dort ohne menschliche Unterstützung seine Batterien aufladen.

Das Fahrzeug, schwärmt Audi, verbinde die Einsatzspektren für das autonome Fahren im urbanen Umfeld und auf dem Highway mit einer „noch nicht gekannten Reichweite des elektrischen Antriebs”. Weitere „Audi-Mehrkämpfer” mit „je eigener Spezialdisziplin” würden folgen, verspricht der Hersteller.

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Über den Autor

Ekki Kern

Ekki Kern ist Chefredakteur von Mobility Mag. Ausbildung zum Medienredakteur an der Berliner Axel Springer Akademie und bei der "Welt". Gerne unterwegs in Bahn, Bus und Auto, mag sein Rennrad und interessiert sich beruflich wie privat auch für Film, Fernsehen und Radio.

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