Transport

Total Road Rage: Warum ich Autofahren in den USA hasse

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geschrieben von Marinela Potor

Unendliche Weiten, breite Straßen, wenig Verkehr und tolle Landschaften. So klingt es, wenn viele über das unbeschwerte Autofahren in den USA schwärmen. Das mag ja auch alles stimmen, wenn ihr im Westen der USA unterwegs seid oder abseits von großen Städten. Doch nach fünf Jahren Autofahren im Mittleren Westen kann ich nur sagen: Die spinnen doch alle, die Amis am Steuer!

Seit fünf Jahren bin ich mindestens ein Mal im Jahr mehrere Monate lang in Ohio. Mitten im Mittleren Westen der USA. In vieler Hinsicht ist Ohio ein sehr schönes Fleckchen Erde. Doch garantiert nicht, wenn es ums Autofahren geht. Die Gemächlichkeit, die den Menschen im Midwest innewohnt, führt im Straßenverkehr bei mir zur absoluten Road Rage…

Diese Spur gehört mir

Der typische Midwest-Autofahrer hat die Ruhe weg. Gehupt wird nie, selbst wenn jemand zwei grüne Ampeln nicht mitnimmt, weil er gerade telefoniert, Pokémon Go spielt oder sein Wechselgeld zählen muss. Was erstmal sehr entspannt klingt, nimmt beim Fahren ganz groteske Formen an.

So wechselt der gemächliche Midwest-Fahrer nicht die Spur. Grundsätzlich nicht. Das wäre ja zu stressig. Wenn jemand weiß, dass er in 10 Kilometern links abbiegen muss, bleibt er konstant in dieser Spur. Egal, ob die Verkehrslage es erlaubt oder nicht. Egal, ob man dadurch den gesamten Fahrfluss aufhält. Egal was passiert.

Wenn ich also beispielsweise versuche, auf dem rechten Fahrstreifen zu bleiben, weil ich langsamer fahre, und dann, sagen wir mal, einen Kilometer vor dem Abbiegen in den entsprechenden linken Streifen zu wechseln möchte, heißt das auch: Niemand lässt mich herüber. Für die Mittleren Westler ist ganz klar: Ich bin unverschämt.

Vorausschauendes Fahren heißt hier nämlich: Ich muss etliche Kilometer VORHER in die richtige Spur wechseln. Wenn ich das nicht getan habe, bin ich selbst Schuld.

Das führt dann zu solchen absurden Situationen: Ich muss auf dem Mittelstreifen halten. Die Autos auf dem Mittelstreifen hinter mir halten ebenfalls. Sie wechseln selbstverständlich NICHT in die rechte Spur, um an mir vorbeizukommen, denn man wechselt ja nicht die Spur. Es bildet sich ein Stau. Die Autos auf der linken Spur wiederum scheren sich nicht darum und ich muss einfach warten, bis eine Lücke groß genug ist, dass ich auf die andere Spur kann.

Immerhin: Niemand hupt.

Überholt wird von allen Seiten

Auf den Highways in den USA liegen die Ausfahrten mal links, mal rechts. Deswegen gibt es nur die Empfehlung, aber keine strikte Regel, dass man nur auf der linken Spur überholen muss.

So sind es die Amerikaner auch gewohnt, dass Autos sowohl von links als auch von rechts überholen können.

Gleichzeitig gibt es auch nicht die Regel, dass man auf dem linken Überholstreifen schneller fahren muss / soll als auf der rechten Spur. Auch ist es völlig legitim stundenlang auf der Mittelspur zu fahren.

Drei Stunden auf dem Mittelstreifen fahren? Völlig normal im Midwest (Bild: Marinela Potor)

Daraus resultieren zwei Dinge, die mich zur Weißglut treiben und eines Tages wohl noch zu einem Herzinfarkt führen werden: Das Wolfsrudel und (völlig unnötige) riskante Überholmanöver.

Wie die Wölfe

Das Wolfsrudel ist eine Kombination aus der Spurstarrheit der Midwesties und der Tatsache, dass man, zu jeder Zeit, wie lange man möchte, auf allen Spuren fahren kann. Es entsteht, weil ein Fahrer gerne die Mittelspur blockiert, ein anderer in 20 Kilometern eine rechte Ausfahrt hat und deswegen schon jetzt rechts fährt und ein dritter gerne seine eigene Spur hat und deshalb auf der Überholspur fährt – ohne dabei natürlich jemanden zu überholen. Denn das wäre ja stressig.

Wenn man sich das Bild von diesen drei Autos in gleichem Tempo auf einer Linie nun über drei Reihen hinweg vorstellt, hat man das klassische Wolfsrudel-Autopack aus dieser Region.

Niemand kommt dran vorbei. Wer schneller fahren möchte, hat Pech gehabt. Wer die Spur zu einer Ausfahrt nach links oder rechts wechseln will, ebenfalls. Ich habe schon mehrmals meine Ausfahrten verpasst, weil ich einfach nicht aus dem Rudel ausbrechen konnte oder in die richtige Spur gelassen wurde.

Logik, wo bist du?

Nun entstehen oft genug, genau aus diesem Verhalten heraus, sehr riskante Überholmanöver. So kommen sie mir zumindest vor. Ich habe allerdings auch das Gefühl, dass ich die einzige bin, die fast einen Nervenzusammenbruch dabei bekommt.

Vielleicht verstehe ich auch einfach nicht, was vor sich geht. Denn tatsächlich habe ich beim Überholen auf Highways im Mittleren Westen in all den Jahren noch keine Logik gefunden. Die Autos fahren auf den Highways zehn Minuten lang auf drei Spuren in der gleichen Geschwindigkeit nebeneinander her (siehe Wolfsrudel), ohne dass es jemanden zu stören scheint.

Bis sich dann jemand – ohne triftigen Grund – überlegt: “Ich gebe jetzt mal Gas.” Vielleicht läuft gerade ein schnelles Lied im Radio oder jemand bekommt plötzlich Hunger oder man ist vom Ausblick auf die gleichen zwei Autos rechts und links seit 30 Kilometern gelangweilt.

Das passiert natürlich meist genau dann, wenn ein anderes Auto gerade ebenfalls zum Überholen ansetzt oder sich überlegt: “Ich wechsele jetzt mal die Spur.” Wie gesagt, bisher habe ich noch nicht entschlüsseln können, wann und warum dies passiert.

Das Ergebnis ist jedenfalls Folgendes: Es versuchen (mindestens) drei Autos gleichzeitig, Spuren zu wechseln oder sich zu überholen (natürlich von allen Seiten), was entweder in einem Fast-Unfall oder in einem Riesenstau und bei mir mit ganz zittrigen, schweißnassen Händen endet.

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Erst Wolfsrudel, dann Riesenstau (Bild: Marinela Potor)

Blinker sind überflüssig, Spiegel braucht man nicht

Nun wäre dieses merkwürdige Überholverhalten vielleicht nicht ganz so nervenaufreibend, wenn die Amerikaner ihre Blinker oder Spiegel benutzen würden. Doch irgendwie scheint hier die Devise zu gelten: Die anderen werden schon wissen, wohin ich fahre.

Spiegel scheinen auch eher als sinnloses Accessoire verstanden zu werden, sodass es ständig passiert, dass die Fahrer vor ihren seltsamen Überholversuchen weder in den Rück- noch Seitenspiegel blicken.

Wenn man aber – wie ich – einfach nicht versteht, wann, wo und wer von wo überholt, und dann auch noch niemand den Blinker benutzt oder in die Spiegel schaut, dann ist das Chaos perfekt.

Und dann hupen sie doch!

Als ob das alles nicht schon verrückt genug sei, gibt es dann noch die Momente, in denen selbst den Autofahrern im Mittleren Westen der USA der Geduldsfaden reißt. Warum auch immer. Denn auch hier habe ich noch kein wirkliches Muster erkennen können. In solchen Momenten ist dann alles möglich.

Dann schert ein Auto ohne Grund ganz knapp vor einem ein ein. Oohne zu blinken natürlich. Dann bremst der Fahrer vor einem völlig grundlos ganz abrupt ab, sodass man beinahe hinein brettert. Dann fährt jemand auf gleicher Höhe auf und macht wilde Handzeichen, die man nicht versteht. Und dann wird plötzlich aus dem Nichts heraus auch noch gehupt.

Ich habe es mittlerweile einfach aufgegeben, die Autofahrer im Mittleren Westen verstehen zu wollen. Vielleicht sollte ich mich lieber an die alte Weisheit halten: Wenn in Rom, tu wie die Römer. Und wenn im Mittleren Westen, vergiss einfach alle Regeln zum Autofahren, die du je gelernt hast.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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