Transport

Hört endlich auf, über die Bahn zu meckern! [Kommentar]

ÖBB Zug Bahn Landschaft
Foto: ÖBB / Philipp Horak
geschrieben von Niki Schmölz

Zug verspätet, Anschluss verpasst, grummeligen Schaffner erwischt – auf die Bahn lässt sich schnell schimpfen. Zu schnell, findet unser österreichischer Eisenbahnblogger Niki Schmölz. Dabei übersehen wir seiner Meinung nach, was die Bahn eigentlich alles für uns leistet. Ein persönliches Bahn-Plädoyer.

Ressourcenknappheit, Klimawandel, Emissionen: Darüber diskutieren nicht mehr nur Politiker oder Wissenschaftler. Sie sind auch Thema beim Bäcker oder am Familientisch. Kein Wunder, schließlich sind die Auswirkungen davon auch mittlerweile für uns alle deutlich spürbarer.

Das heißt, dass Weitermachen wie bisher keine gute Lösung ist. Wir müssen in allen Lebensbereichen ein Umdenken forcieren und einiges ändern.

Mobilität und Verkehr stehen dabei weit oben auf der Liste. Hier geht es aber nicht nur darum, umweltfreundliche Transportmittel anzubieten. Es geht um die Herausforderung, den Menschen weiterhin eine einfache, komfortable und schnelle Mobilität zu bieten und andererseits Emissionen zu reduzieren sowie den Energieverbrauch zu senken.

Tatsächlich gibt es hier schon eine gute Lösung – die Bahn.

Umweltfreundlich und effizient? Ist die Bahn schon!

Denn die Bahn bietet gerade in diesem Bereich eine Chance auf einen Systemwandel.

Das beginnt bereits bei den Emissionen.

Schauen wir dazu etwas genauer auf den Emissionsausstoß der Bahn in Österreich. In Österreich sehen wir bei einer Elektrifizierungsquote von 71 Prozent. Das bedeutet, dass bereits 92 Prozent des Bahnstroms aus erneuerbaren Energien kommt und somit über 90% der Züge emissionsfrei fahren. Ende dieses Jahres soll der Bahnstrom schon aus 100% Ökostrom kommen.

In Deutschland ist übrigens bereits der gesamte Schienenfernverkehr der Deutschen Bahn seit dem 1. Januar 2018 emissionsfrei unterwegs.

Emmissionen Vergleich Personenverkehr

Die Fernzüge der DB haben die beste Emissionsbilanz im Personenverkehr (Foto: Screenshot / Deutsche Bahn AG)

Natürlich hängt die Umweltfreundlichkeit der Bahn sehr stark von der Elektrifizierungsquote und dem Strommix ab, jedoch zeigen bereits einige Länder in Europa, was alles möglich ist und man wie lokale Emissionen auf null senken kann, wie zum Beispiel in Österreich oder eben teilweise in Deutschland.

Doch mit erneuerbaren Energien hängt man auch nicht von einer endlichen Ressource, wie Öl, Gas oder Kohle, ab. Stattdessen könnte man die Mobilität von immer knapper werdenden Ressourcen loslösen.

13 Mal klimafreundlicher als Autos

Greenpeace-Österreich Geschäftsführer Alexander Egit betonte bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit ÖBB CEO Andreas Matthä: „Der Verkehr verursacht rund ein Drittel aller Treibhausgase und ist damit der Klimakiller Nummer eins“.

Eine Bahnfahrt sei laut Greenpeace 13 Mal klimafreundlicher als die gleiche Strecke mit dem PKW und sogar 28 Mal CO2-sparender als mit dem Flugzeug.

Meiner Meinung nach ist die Bahn ein nachhaltiges System und die meisten Züge speisen beim Bremsen Energie ins Netz ein und durch moderne Zugbeeinflussungssysteme und Fahrerassistenzsysteme werden Beschleunigungs- und Bremsvorgänge optimiert auf minimalen Energieverbrauch und größtmögliche Effizienz. 

Effizienz wird bei der Bahn überhaupt groß geschrieben, vor allem in Bezug auf Flächennutzung. Dies kann man schon bei einer S-Bahn sehr gut erkennen:

Eine S-Bahn Garnitur von 150 Meter Länge befördert so viele Personen wie 436 durchschnittlich besetzte PKWs in Österreich.

VCÖ-Grafik Effizienz Schiene

436 PKWs bilden auf einer zweispurigen Fahrbahn eine über 1.000 Meter lange Schlange. (Foto: VCÖ-Mobilität mit Zukunft)

Gerade in Ballungszentren, beziehungsweise Stadtregionen könnte man mit effizienter Bahninfrastruktur Emissionen sowie Feinstaubausstoß massiv reduzieren. Außerdem stünde wieder mehr Platz für Menschen und Leben zur Verfügung.

Im Fernverkehr zwischen Städten und Verkehrsdrehscheiben kann die Bahn jetzt schon durch hohe Geschwindigkeiten, Energieeffizienz und Massentauglichkeit punkten.

Benedikt Weibel, der ehemalige Chef der Schweizerischen Bundesbahnen sprach genau dies in einem Interview mit mir an: „Es weiß kein Mensch, wie die Mobilität im Jahr 2050 aussieht, aber mit Sicherheit ist die Bahn ein zentraler Teil davon. Weil die Bahn macht etwas, was sonst kein Verkehrsmittel kann, nämlich große Massen transportieren. Wenn wir uns Länder ansehen, wo es bereits „Masse“ gibt, zum Beispiel China: Dort wurden seit 1980 ca. 20.000 km Schnellverkehrslinien gebaut.“

Mobilität neu denken

Die Bahn gibt uns auch die Möglichkeit, Mobilität völlig neu zu denken und zu erleben. Von A nach B zu kommen muss weder ein anstrengender noch ein langweiliger Prozess sein.

Ich muss weder ein Fahrzeug lenken, noch ist es eine unbrauchbare Zeitspanne. Die Zeit im Zug lässt sich vielseitig nutzen, für ein Schläfchen, zum Arbeiten, Lernen, Telefonieren, gemeinsam mit den Kindern Karten spielen, zum Meditieren oder einfach, um ein gutes Buch lesen.

Angenehmes Fahrgefühl, große Tische, Steckdosen, WLAN, Mobilfunkverstärker, On-Board-Portale mit Lesestoff, Hörbüchern, Filmen und Serien machen es möglich. Nicht vergessen, darf man hier das Bordresturant, wo man trotz 300 Kilometern pro Stunde in entspannter Atmosphäre gemütlich Essen kann.

Die Zeiten von unbequemen Sitzen, unfreundlichem Personal und langen Reisezeiten sind endgültig vorbei. Somit ist nicht nur eine angenehme Fahrt in den Urlaub garantiert, auch das Pendeln kann man ganz neue entdecken.

Wie das künftig aussehen könnte, kann man an zum Beispiel an Entwürfen der Deutschen Bahn zum „Pendlerzug der Zukunft“ erkennen.

Ich persönlich schätze diese Art des Reisens vor allem sehr, wenn es in den Urlaub geht. Entspannt und sorgenfrei am Ziel ankommen und gleich dem Alltag entfliehen, da beginnt der Urlaub am Heimatbahnhof😊!

Das klingt wie ein Werbeslogan der Bahn – ist aber für mich absolut wahr.

Konjunkturlokomotive Bahn

Die Bahn ist aber nicht nur umwelt- und kundenfreundlich, sie ist auch eine richtige Konjunkturlokomotive. Die arbeitsteilige und globalisierte Industrie ist einfach auf schnelle sowie zuverlässige Massentransportmittel angewiesen.

Beispiel Voest Alpine Stahl in Linz. Das Unternehmen lässt seinen (doch recht großen) Bedarf an Kohle, Kies, Erz und Kalk mit der Bahn aus ganz Europa anliefern. Mit dem LKW wäre es gar nicht möglich derart große Mengen zu transportieren.

Doch das ist nur ein Aspekt, warum die Bahn auch wirtschaftlich andere Transportmittel aussticht. Die Bahn ist auch ein großer Wirtschaftstreiber in Österreich.

Im Jahr 2011 erwirtschafteten 54.000 Personen im österreichischen System Bahn insgesamt einen Umsatz von 8,4 Milliarden Euro. 1,4 Prozent des österreichischen BIP 2011 entfielen somit auf das System Bahn.

Zudem kommen noch die Investitionen der Bahn in Infrastrukturen und Instandhaltung. Zwischen 2014 und 2019 schaffen die Bahninvestitionen in Österreich circa 169.000 Arbeitsplätze. Davon sind jährlich 24.000 Vollzeit-Arbeitsplätze in der heimischen Bauindustrie. Es kommt in diesem Zeitraum auch zu 11,3 Milliarden Euro direkter und indirekter Wertschöpfung in Österreich.

Die von 2012 bis 2020 jährlich geplanten und getätigten Investitionen der ÖBB im gesamten Bausektor entsprechen übrigens der Hälfte der gesamten jährlichen Wertschöpfung im Sektor Hochbau.

Der Verkehrsträger Schiene ist also jetzt schon ein wichtiger Partner im Personen- und Güterverkehr. Er ist Wirtschaftsmotor und Klimaschützer, er setzt neue Maßstäbe in Sachen Komfort und denkt Mobilität neu.

Was jetzt noch fehlt?

Einen Schulterschluss europäischer Bahnen und der europäischen Politik, um gemeinsam die Mobilität zu planen und die Zukunft Bahn zu gestalten.

Damit man das Potenzial der Bahn voll ausschöpft, das Erfolgsprodukt Schiene weiterentwickelt und ein leistungsfähiges Güter- und Personenverkehrsnetz für zukünftige Generationen schafft.

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Über den Autor

Niki Schmölz

Niki Schmölz ist Gründer von Eisenbahn.blog, wo er über die Bahn, den öffentlichen Verkehr in Österreich sowie über die #ZukunftBahn in Europa schreibt.

Niki studiert an der Technsichen Universität Wien Raumplanung und Raumordnung, beschäftigt sich dort neben Stadtplanung auch mit Infrastruktur- und Verkehrsplanung sowie mit Mobilität.

Er ist am liebsten mit der Bahn unterwegs, hat kein eigenes Auto und findet sich in letzter Zeit immer öfter im Fitnessstudio wieder - on the rails to #shreddedbahner ;)

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