Transport

Berliner Bikesharing im Praxistest: Lidl-Bike vs. nextbike, was ist besser?

geschrieben von Dirk von Schneidemesser

Seit einigen Monaten hat Berlin sage und schreibe zwei Bikesharing-Systeme. Seit der Einführung von nextbike im Mai hat Lidl-Bike im Fahrradverleih der Hauptstadt Konkurrenz bekommen. Fahrradaktivist und Wahlberliner Dirk von Schneidemesser hat die beiden Systeme für uns getestet.

Jetzt hat Berlin also zwei Bikesharing-Angebote. Lidl-Bike und nextbike. Bevor sie beide am Start waren, habe ich schon meinen Senf zum Thema Fahrradverleih in Berlin dazugegeben. Jetzt wollte ich wissen: Wie sind die beiden Fahrradverleihe im direkten Vergleich?

Da wäre zunächst einmal Lidl-Bike, eine Kooperation von Bahn und Lidl. Und dann gibt es nextbike, das im Auftrag der Stadt das System betreibt und dafür einen kleinen Zuschuss erhält. Ich habe beide Systeme ausprobiert.

Alles im freien Fluss

Bevor ich zum eigentlichen Gebrauch komme, noch ein paar Worte zu den beiden Bikesharing-Systemen. Ich war eigentlich immer davon überzeugt, dass Radverleihsysteme besser funktionieren, wenn sie an Stationen gebunden sind – sprich, man leiht die Fahrräder aus und gibt sie an festen Stationen des Fahrradverleihsystems zurück. Dann überzeugte mich aber Bikeshare-Guru Colin Hughes in einem Gespräch, dass Free-Floating-Radverleihsysteme auch funktionieren könnten. Könnten.

Wie sieht das nun in Berlin aus, wo sowohl Lidl-Bike als auch nextbike de facto als Free-Floating-Systeme operieren? Bei Lidl-Bike war es immerhin von vorneherein so geplant. Der Bikesharer bietet einen Rabatt, wenn man die Fahrräder in ausgewiesenen Zonen abgibt. Das Problem dabei: Diese sind nicht unbedingt an für Nutzer günstigen Verkehrsknoten angesiedelt, sondern in der Nähe von Lidl-Filialen.

Das neue System von nextbike sollte im Gegensatz dazu eigentlich stationsgebunden sein. Eigentlich. Doch bisher haben die Betreiber es nicht auf die Reihe gekriegt, die 700 versprochenen Stationen (oder auch nur eine halbwegs akzeptable Anzahl) hinzustellen.

Nextbike beklagt die langsame Arbeit bei den Bezirken. Diese sind dafür verantwortlich, die Orte für Stationen abzusegnen, und brauchen offensichtlich länger als gedacht. Doch langsame Bürokratie dürfte eigentlich keine Überraschung sein. Bis es also genug Stationen gibt, dürfen Nutzerinnen und Nutzer das Fahrrad überall stehen lassen wo sie wollen. In der Praxis hat Berlin also zwei Free-Floating-Systeme. Wie funktionieren sie nun?

Lidl-Bike vs. nextbike: Der Praxistest

Die kurze Antwort: Beide Systeme sind okay, aber es ist noch viel Luft nach oben.

Die App: Sehr ähnlich, sehr gut

Beide Systeme verfügen über Apps, die den Zugang zu den Fahrrädern relativ reibungslos machen. Sie benutzen unterschiedliche Farben, im Endeffekt ist die Anwendung aber sehr ähnlich. Bei den Lidl-Bikes sind die Bordcomputer vorne, bei nextbike hinten. Auf solche Kleinigkeiten kommt es mir aber nicht an. Insgesamt also: Daumen hoch für beide Apps, sie funktionieren.

Verfügbarkeit: Mehr Lidl-Bikes, aber insgesamt unbefriedigend

Hier könnten beide Anbieter ihren Service erheblich verbessern. Denn wenn man kein Fahrrad sucht, stehen sie einem im Weg. Wenn eins gesucht wird, ist oft nur eines vom falschen System in der Nähe. Bisher sind die Lidl-Bikes tatsächlich einfacher zu finden. Es gibt wohl einfach noch mehr davon.

Bei nextbike fehlen die Räder, doch die Lidl-Bikes lauern schon im Hintergrund (Bild: Dirk von Schneidemesser)

Ein besonders nerviges Problem haben aber beide: Nutzer sperren die Räder (warum auch immer?!) in ihre Innenhöfe. Und Berlin hat viele davon – die meist abgeschlossen sind. Man braucht also einen Schlüssel, um an diese Hof-Fahrräder zu kommen. Wenn ich nun der App zum nächsten Fahrrad folge und entdecke, dass es hinter verschlossener Tür im Hof steht, bin ich dann doch sehr verärgert.

Zustand: nextbike hat die besseren Räder

Im direkten Vergleich sind die Lidl-Bikes öfter beschädigt oder in schlechterem Zustand. Vielleicht liegt das daran, dass die nextbikes noch ein kleines bisschen neuer sind oder vielleicht sind sie tatsächlich robuster. Unzählige Male fand ich Lidl-Bikes mit kaputten Schutzblechstreben vor und oft auch noch viel Schlimmeres. Bei nextbike ist so etwas kaum der Fall.

Das war mal irgendwann ein Lidl-Bike… (Bild: Dirk von Schneidemesser)

nextbike mit besserem System, doch Lidl-Bike funktioniert besser

Ich könnte mir vorstellen, dass nextbike irgendwann in der Zukunft das bessere System anbietet. Wenn alle nextbikes in Berlin angekommen sind, soll das System über 5.000 Fahrräder verfügen (und 700 Stationen, aber das glaube ich erst, wenn ich sie sehe).

Das eigentliche Problem ist aber der (mangelnde) politische Willen. Obwohl die SPD-geführte Rot-Rot-Grüne Koalition in Berlin sich Fahrradverkehr groß auf die Fahnen geschrieben hat, kauft man ihnen das nicht so ganz ab.

Fahrradverleihsysteme müssten wie der ÖPNV gedacht werden: Eine Fahrkarte ermöglicht Zugang zu allen Fahrrädern, es gäbe viele davon und das Ganze dürfte auch durchaus von der Stadt stärker finanziell unterstützt werden.

Immerhin ist Bikesharing in Berlin, verglichen mit U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahn oder Busverkehr noch verhältnismäßig günstig. Aber noch wird Fahrradverkehr in Berlin (und in ganz Deutschland) kaum als eine Alternative zum „richtigen“ Verkehr (sprich: Autoverkehr) wahrgenommen. Das wird sich in der Hauptstadt kaum ändern, bis nextbike die noch fehlenden 3.000 Räder nach Berlin bringt.

Bis dahin würde ich im direkten Vergleich Lidl-Bike wählen, wenn mich für ein System entscheiden müsste.

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Über den Autor

Dirk von Schneidemesser

Dirk von Schneidemesser ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hertie School of Governance in Berlin. Dort forscht er zu politischer Kommunikation innerhalb einer dynamischen Medienlandschaft. Schwerpunkte seiner Forschung sind Wahlkampagnen und lokalpolitische Diskurse, etwa zum Thema Bikesharing.

Darüber hinaus genießt er Radfahren in all seinen Facetten, was sich gut mit einer seiner anderen großen Leidenschaften ergänzt – Kuchen.

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