Transport

Reisebericht: Drei Wochen lang im Boot den Amazonas überqueren

geschrieben von Marinela Potor

6800 Kilometer lang führt der Amazonas durch den südamerikanischen Regenwald. Der zweitlängste Fluss der Welt schlängelt sich von seiner Quelle, dem Mismi Berg in Peru, bis hin zum Atlantischen Ozean in Brasilien. Dazwischen: kleine Dörfer, Dschungel und natürlich Wasser, Wasser und noch mehr Wasser. Wie fühlt es sich eigentlich an, diesen gewaltigen Fluss mit einem Boot zu überqueren?

Im Boot über den Amazonas: Nicht mehr lebensgefährlich, aber immer noch ein Abenteuer

Einmal den Amazonas mit einem Boot zu überqueren. Was für ein Abenteuer! Der erste (von dem wir es sicher wissen), der dieses Wagnis eingegangen ist, war der Entdecker Francisco de Orellana. Er segelte Ende 1541 in Quito, Peru los und erreichte den Atlantischen Ozean am 11. Februar 1542. Das klingt viel glatter als es lief und wer einmal ein Gefühl für die Verrücktheit dieser Mission bekommen will, sollte sich den Film „Fitzcarraldo“ von Werner Herzog anschauen.

Doch auch ohne feindliche Stämme, lebensgefährliche Seuchen und einer Reise ins völlig Unbekannte ist eine Bootsüberquerung des Amazonas auch heute noch ein Abenteuer. Ich habe diese Reise 2012 gemacht und kann sie allen empfehlen, die ein Erlebnis irgendwo zwischen Entdeckerdrang und völliger Entspannung suchen.

Amazonasverlauf

Amazonasverlauf. Quelle: NASA

Erste Station: Von Yurimaguas, Peru nach Iquitos, Peru

Die erste Station auf dieser insgesamt dreiwöchigen Reise war die Stadt Yurimaguas in Peru. Die Stadt im peruanischen Regenwald liegt am Ufer des Río Huallaga, einem Quellfluss des Amazonas. Schiffe fahren von hier aus in den Norden, in die Amazonasstadt Iquitos. Dort sollte unsere „Amazonas Cruise“ offiziell beginnen.

Unser Bus nach Yurimaguas hatte Verspätung und so kamen wir dort knapp eine Stunde vor Abfahrt des Schiffes an. Ein Motorrad-Taxifahrer erbarmte sich unserer und hetzte mit uns von Laden zu Laden. Denn: So eine Bootsfahrt muss vorbereitet werden. Auf dem Schiff gab es zwar Essen, man musste aber sein eigenes Geschirr mitbringen. So kauften wir Tupperdosen, Besteck, Plastikbecher und einige Snacks für die dreitägige Fahrt.

Doch der wichtigste Kauf waren natürlich die Hängematten. Auf den Amazonas-Booten kann man zwar  Kabinen mit Bett mieten. Doch wo läge der Charme einer solchen Reise, wenn man sie nicht in einer Hängematte mit Blick auf´s Wasser verbringen würde?! Auch hier half uns unser freundlicher Fahrer weiter und so gingen wir 30 Minuten vor Abfahrt tatsächlich komplett ausgerüstet an Bord.

Hier ein kleiner Tipp für alle, die möglicherweise die gleiche Route wählen: Es gibt am Schiffseingang einen Tisch, an dem der Kapitän sitzt und Fahrkarten verkauft. Neben ihm hängt eine Liste mit „offiziellen“ Preisen. Ignoriert das! Kauft euer Ticket nicht beim Borden des Schiffs. Die Einheimischen wissen das und gehen einfach am Tresen vorbei. Sie zahlen erst später, wenn das Schiff den Anker gelichtet hat und ein Ticketinspektor herumgeht. Hier zahlt man dann nur noch die Hälfte.

Wir wussten das leider nicht und zahlten so gewissenhaft unsere doppelt so teuren Fahrkarten. Danach suchten wir uns einen günstigen Platz auf dem Schiff aus. Das Schiff muss man sich als große offene Fläche vorstellen, mit Metallstangen versehen. An diesen können Passagiere ihre Hängematten befestigen. Von hier hat man dann im Liegen eine perfekte Sicht auf den Fluss.

Aussicht von der Hängematte

Aussicht von der Hängematte

Die Bootsfahrt dauerte etwa 2,5 Tage und es gab sogar relativ saubere Toiletten und Duschen (wenn man kein Problem damit hat, sich mit braunem Flusswasser zu waschen). Ich war sehr positiv überrascht: Das Boot wurde sauber gehalten, das Essen war zwar monoton (morgens Haferflocken, mittags und abends Reis), aber insgesamt in Ordnung – und die Fahrt an sich war sehr malerisch. Man hat tatsächlich nichts anderes zu tun als in seiner Hängematte zu liegen, ein Buch zu lesen oder sich beim Beinevertreten auf dem Schiff mit anderen Fahrgästen zu unterhalten.

Unser erstes Schiff

Unser erstes Schiff

Zweite Station: Von Iquitos, Peru nach Tabatinga, Brasilien

Dieses Boot bringt die Passagiere wie gesagt nach Iquitos, der größten Stadt der Welt, die nicht per Land erreicht werden kann. Iquitos liegt am Amazonas und ist in jedem Sinne ein verrückter Ort, mitten im peruanischen Dschungel.

Mitten im Dschungel: Iquitos

Mitten im Dschungel: Iquitos

Von Pseudo-Schamanen und aufgeregten Marktfrauen über zwielichtige Gestalten und Drogenhändler bis hin zu Pärchen auf Hochzeitsreise findet man hier wirklich alles.

Wuseliges Iquitos

Wuseliges Iquitos

Viele fliegen auch nach Iquitos und starten ihre Amazonasfahrt direkt von hier aus. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um von Iquitos zur nächsten Station, der Dreiländer-Grenze von Laetitia (Kolumbien), Santa Rosa (Peru) und Tabatinga (Brasilien) zu gelangen. Es gibt (teurere) Schnellboote, die diese Fahrt in etwa 10 Stunden für etwa 60 Euro absolvieren.

Und dann gibt es die langsamen Boote, die an vielen kleinen Amazonasdörfern halten und Ware, Tiere und Personen auf- und abladen. Diese Fahrt dauert typischerweise drei Tage und kostete damals etwa 20 Euro.

Diese 40 Euro Preisunterschied hatten es aber auch wahrlich in sich. Wir hatten ziemliches Pech mit unserem Boot. Je nach Tag und Abfahrtszeit, kann man verschiedene Bootstypen mit einem jeweils komplett anderem Qualitätsstandard zugewiesen bekommen. Unser Boot sah so aus, als wäre es eigentlich dafür gedacht, Tiere zu transportieren und nicht Menschen.

Die Reling existierte eigentlich nicht, sodass unsere Rucksäcke neben den Hängematten ständig durchnässt wurden. Tiere gab es auf dem Boot definitiv auch, Kühe und Hühner, die für ein sehr interessantes Aroma sorgten.

Zweite Bootsfahrt: Tierische Passagiere inbegrifen

Zweite Bootsfahrt: Tierische Passagiere inbegrifen

Ein Badezimmer gab es auch, allerdings war das schon vor der Abfahrt in einem derart ekeligen Zustand, dass wir während unserer Fahrt versuchten so wenig wie möglich zu essen und zu trinken, um ja nicht auf´s Klo gehen zu müssen. Bei dem miserablen Essen (das so aussah, als wäre es mit Flusswasser zubereitet worden), war das auch keine große Anstrengung. Duschen kam hier absolut nicht in Frage, da wären wir am Ende wahrscheinlich schmutziger heraus gekommen.

Die anderen Passagiere hatten auch nicht gerade die höchsten Hygienestandards: Da pinkelten Kinder anderen Gästen direkt auf das Gepäck und der Müll wurde entweder auf dem Boden oder in den Fluss geworfen.

Doch das war noch nicht mal das Schlimmste. Das Unangenehmste an der Fahrt war die Anzahl der Fahrgäste. Während wir auf unserem ersten Boot sehr viel Raum zwischen den Hängematten hatten, wurde dieses Boot mit jedem Halt voller.

Mit jedem Halt wurde das Boot voller

Mit jedem Halt wurde das Boot voller

Immer wenn wir dachten: „Jetzt ist hier absolut kein Platz mehr für weitere Hängematten,“ wurden wir eines Besseren belehrt. So hatte man jedes Mal wenn man aufwachte, einen neuen Arm oder ein unbekanntes Hinterteil im Gesicht hängen.

Wohin vor lauter Hängematten?

Wohin vor lauter Hängematten

Einerseits bin ich sehr froh, dass ich diese Erfahrung einmal mitgemacht habe. Allerdings würde ich bei einer weiteren Reise definitiv das Schnellboot nehmen.

Dritte Station: Von Tabatinga nach Manaus

Nach unserer Ankunft in Tabatinga (und nach drei sehr intensiven Duschen in unserem Hotel), schauten wir uns ein wenig dieses Dreiländereck mitten im amazonischen Dschugel etwas genauer an. Tabatinga und Laetitia sind nahezu dieselbe Stadt und so merkten wir auch nie, wann wir in Brasilien und wann in Kolumbien waren (außer an der Sprache natürlich).

Santa Rosa liegt auf der anderen Seite des Wassers und schien ein ziemlich gottverlassenes Nest zu sein, sodass wir hier tatsächlich nur unsere Pässe stempeln ließen und unsere restliche Zeit in Tabatinga und Laetitia verbrachten. Wer mag, kann hier auch Touren in den Dschungel buchen. Mein Eindruck war, dass die Preise hier ähnlich wie in Iquitos oder sogar günstiger waren – und die Qualität der Touren besser.

Für uns hieß es aber nach einer Nacht: Auf nach Manaus. Wir kauften unsere Tickets für Amazonas Boot Nummer drei. Wenn ich mich richtig erinnere, lag der Preis bei umgerechnet 50 Euro pro Person, inklusive Mahlzeiten. Auch diese Fahrt sollte drei Tage dauern (in umgekehrter Richtung fährt man gegen den Strom und brauch doppelt so lange).

Dies war wahrscheinlich der entspannteste und schönste Reiseabschnitt: Das Boot war sauber, die Toiletten auch, es gab sogar eine Bar und ein Café an Bord, das Essen war lecker und für die Hängematten hatte man ebenfalls sehr viel Platz. Mit den netten Mitfahrern wurde dies insgesamt eine sehr vergnügliche Fahrt.

Menschen in Booten: Das wohl häufigste Bild auf dem Amazonas

Menschen in Booten: Das wohl häufigste Bild auf dem Amazonas

Vierte und letzte Station: Von Manaus nach Belem

Manaus ist eine interessante Stadt, mit einem weltberühmten Opernhaus, Museen und Geschäften. Es lohnt sich durchaus, hier einige Tage anzuhalten und den ersten Eindruck einer größeren brasilianischen Stadt zu genießen.

Manaus: Einen Zwischenstopp wert

Manaus: Einen Zwischenstopp wert

Wir landeten damals im Januar in Manaus – und damit mitten in den Vorbereitungsfeiern für den Karneval. Das hieß: Jede Nacht gab es Musik, Tanz und gute Stimmung.

Von hier kann man dann entweder eine weitere Zwischenstation in Santarem einlegen oder das Boot direkt zum atlantischen Ozean nach Belem buchen. Wir entschieden uns für die letzte Variante. Diese Fahrt dauert fünf Tage – es gibt allerdings kein Essen an Bord, zumindest nicht gratis, sondern nur im teuren Bordrestaurant.

Nach dem Anbringen unserer Hängematten, blieb ich beim Gepäck, während mein Freund einen kleinen Ausflug unternahm, um Proviant zu besorgen. Wir fragten wann das Schiff abführe. In einer halben Stunde, sagte man uns. Da wir mittlerweile den Dreh mit den Abfahrtszeiten heraus hatten, fragten wir nochmals: „Wann fährt das Boot wirklich ab?“ „Okay, frühestens in einer Stunde.“

Mit dieser Information verließ mein Freund das Boot. Bis ich nach 30 Minuten aufschreckte, da wir offensichtlich den Anker gelöst hatten. Mein Freund war nicht an Bord. Ich hatte all seine Unterlagen und unser Geld, er das gesamte Essen für fünf Tage – und natürlich keine Möglichkeit, uns irgendwie miteinander in Verbindung zu setzten. Nach einer kleinen Panikattacke fragte ich herum, was man jetzt tun könnte. „Nicht viel,“ sagte der Kapitän, „er muss halt das nächste Boot nehmen.“ Das nächste Boot nach Belem fuhr erst in zwei Tagen wieder. Während ich noch überlegte, ob ich doch in Santarem auf ihn warten sollte, oder ob ich ihn IRGENDWIE (per Flaschenpost???) kontaktieren konnte, sah ich ein kleines Schnellboot auf unser Schiff zurasen. Darin saß – zum Glück – mein Freund … mit unserem Essen.

Auf einigen Booten muss man Proviant mitbringen

Auf einigen Booten muss man Proviant mitbringen

Ab hier war die Fahrt dann tatsächlich sehr entspannt. Es gab mehr freien Platz als Passagiere an Bord, eine Bar und Musik am Abend. Wir hatten auch Steckdosen auf dem Schiff, sodass wir innerhalb von fünf Tagen die ersten beiden Staffeln von „The Wire“ mehr oder weniger in einem durch guckten.

Hier sahen wir dann auch endlich die berühmten rosa Flussdelfine im Amazonas. Mit weniger Fahrgästen, war dies wohl auch der ruhigste Abschnitt von allen. Wir konnten uns im wahrsten Sinne des Wortes bis nach Belem treiben lassen.

Der Rhythmus an Bord geht mit der Sonne

Der Rhythmus an Bord geht mit der Sonne

Eine einmalige Reiseerfahrung

Wir waren insgesamt drei Wochen unterwegs, doch man kann die Zwischenstopps natürlich auch länger oder kürzer machen, je nachdem in welchem Rhythmus man reisen und was man alles sehen möchte.

Für mich war die Reise im Boot eine völlig neue Erfahrung. Es fühlte sich ein bisschen wie Zugfahren an: Man lässt einfach die Landschaft an sich vorüberziehen. Doch in den offenen Booten man ist natürlich viel näher an der Natur dran. Der Fluss ist ständig um einen herum, der Tagesrhythmus folgt der Sonne und dazwischen liegt eigentlich nur Entspannung.

Diese Reise eignet sich natürlich nicht, wenn ihr permanent online sein müsst. Wenn ihr aber immer wieder einige Tage ohne Internet auskommen könnt, dann ist diese Reise auch definitiv für Webworker machbar, da es eigentlich an allen Orten, an denen die Schiffe halten, auch Internetzugang gibt. Wenn ihr es einrichten könnt, würde ich diese Fahrt per Boot über den Amazonas definitiv empfehlen.

Denn es war wirklich ein einmaliges Erlebnis in der Hängematte zu liegen und einfach die Gedanken schweifen zu lassen, während der mächtige Amazonas an mir vorüberfloss.

Highlight der Reise: sich treiben lassen

Highlight der Reise: sich treiben lassen

 

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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