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Computerprobleme? Höhere Frustrationstoleranz zulegen!

geschrieben von Sonia Jaeger

Sonia Jaeger, Online-Psychologin und digitale Nomadin, schreibt auf Mobility Mag regelmäßig über die großen und kleinen Phänomene unserer mobilen Gesellschaft. Dieses Mal fragt sie sich, warum wir eigentlich ständig sauer auf unsere Computer sind.

Erinnert ihr euch noch an die Zeit, als man zwischen dem Drücken des „An“-Knopfes am Computer und dem tatsächlichen Hinsetzen und Arbeiten noch genug Zeit hatte, einen Kaffee zu kochen oder zu duschen? In der heutigen Zeit, in der unsere Laptops innerhalb von Sekunden startklar sind und wir überall und ständig online sind, vergisst man dieses Gefühl recht schnell.

Bis zu dem Tag, an dem der Computer plötzlich einfriert und nichts mehr tut. Oder das WLAN im Hotel so langsam ist, dass es einen zur Verzweiflung bringt…

Anschreien oder aus dem Fenster werfen?

Ich durfte dieses Gefühl in den letzten Wochen zur Genüge erleben, denn so schön es in Australien auch sein mag, das Internet ist wirklich eine absolute Katastrophe. Aber auch jeder, der nicht gerade am andere Ende der Welt unterwegs ist und regelmäßig mit Computern zu tun hat (und wer hat das heute nicht?), hat solche Momente schon erlebt. Wie wir darauf reagieren, ist hingegen von Mensch zu Mensch verschieden.

Während einige es schaffen, sich einfach noch einen Kaffee zu holen und von vorne zu beginnen, sind andere viel schneller dazu bereit, den Computer aus dem Fenster zu werfen. Oder zumindest anzuschreien. Oder mit Papierservietten zu bewerfen.

Ich selber habe in den letzten Monaten vermutlich alle möglichen und unmöglichen Reaktions-Varianten auf Computerprobleme am eigenen Leib erlebt. Von Frustration, über Wut, bis Resignation. Ich habe dabei viel über meine eigene Frustrationstoleranz gelernt und auch darüber, dass die Welt auch nicht untergeht, wenn ich einmal zwei Tage lang kein Telefonnetz habe.

Dabei ist mir aber auch etwas anderes klar geworden: Computerwut ist ein interessantes zeitgenössisches Phänomen.

Je jünger desto wütender

In einer US-Umfrage aus dem Jahr 2013 berichteten mehr als ein Drittel der Computernutzer, dass sie in den letzten sechs Monaten Computerwut erlebt und ihre Computer verbal oder physisch angegriffen hatten. Technische Probleme rufen bei über der Hälfte der Menschen Frustration hervor.

Besonders betroffen scheinen hiervon jüngere Menschen (18-34 Jahre alt). Im Vergleich zu den Über-35-Jährigen gaben sie an, ihre Computer aus Frustration häufiger zu verfluchen (39 Prozent vs. 25 Prozent), anzuschreien (29 Prozent vs. 12 Prozent) oder mit der Faust zu schlagen (12 Prozent vs. 2 Prozent). Etwa 7 Prozent der jungen Menschen hat der Ärger über Technikprobleme sogar schon zum Weinen gebracht.

Mein Computer – Freund oder Feind?

Es gibt viele Gründe dafür, warum uns Computerprobleme wütend machen. Wir sind es zum einen gewohnt, dass die Dinge funktionieren. Wir sind inzwischen in vielerlei Hinsicht abhängig von ihnen oder zumindest so daran gewöhnt, dass das Nichtfunktionieren unsere Routine so unterbricht, dass es Frust und Wut auslöst.

Etwas, was gestern noch problemlos funktionierte, geht nun nicht. Es unterbricht uns in unseren Vorhaben und zwingt uns, uns dem Problem zu widmen, anstatt das zu tun, was wir eigentlich vorhatten. Gerade wenn wir unter Zeitdruck stehen, schlechte Laune haben oder an etwas besonders Wichtigem arbeiten, lösen Computerprobleme besonders starke negative Reaktionen in uns aus. Auch wenn die Probleme unvorhersehbar und ohne erkennbaren Grund auftreten, ist unsere Wut meist größer, als wenn wir wissen, was schief gelaufen ist.

Ein weiterer Grund für Computer- und Handyfrust ist, dass wir den Geräten menschliche Fähigkeiten zusprechen. Wir sprechen mit ihnen, sie sind unsere treuen Begleiter bei der Arbeit und im Alltag. Wir erwarten von unseren technischen Gadgets, dass sie zuverlässig funktionieren, sich logisch und sozial angemessen verhalten. Sie hören zu, wenn wir sie brauchen, sie antworten und tun, wozu wir sie auffordern. Wenn sie dem einmal nicht Folge leisten, dann löst dies in uns ganz ähnliche Gefühle aus wie menschliches Versagen.

Wenn wir uns zum Beispiel über andere Autofahrer aufregen. Oder wenn wir sauer sind, weil der beste Freund mitten im Gespräch einschläft oder verschwindet. Dies führt dazu, dass wir dem Computer die Schuld daran geben, wenn etwas schief geht, wenn er sich nicht so verhält, wie wir es erwarten. Wir geben ihm die Schuld und werden entsprechend wütend auf den Computer, schreien ihn an oder werfen ihn im Extremfall auch mal aus dem Fenster.

Langsames Internet ist wie Horrorfilme schauen

Langsame Internetverbindungen und langsames Laden von Seiten ist vielleicht so etwas wie der neueste Auslöser der Computerwut. Denn während unsere Laptops und Smartphones heute seltener den Geist aufgeben, so kennen wir alle das nervige Warten auf das Laden der Seite, das Video oder den Download.

Ericsson hat in einer Studie herausgefunden, dass langsame Internetverbindungen unsere Herzrate und unser Stresslevel in etwa so erhöhen wie das Ansehen eines Horrorfilms. Allein ein zweisekündiges Buffern eines Videos kann unser Stresslevel verdoppeln. Bei längeren Verzögerungen sank die Herzrate dann nach dem initialen Anstieg allerdings wieder, was als Resignation interpretiert werden kann. Die Teilnehmer habe innerlich einfach schon aufgegeben.

Wir müssen an unserer Frustrationstoleranz arbeiten

Die Webdesigner unter uns können zunächst einmal dafür sorgen, dass Websites möglichst kurze Ladezeiten haben. Da sich Probleme aber natürlich nie ganz verhindern lassen, können zumindest einfache, auch für den Laien verständliche Fehlermeldungen deutlich zur Nutzerzufriedenheit beitragen. Es gibt kaum etwas Ärgerlicheres als im Nirvana des Internets zu landen, ohne Ansatzpunkt, wie es nun weiter gehen könnte. Aber schon allein der einfache Hinweis, dass eine Seite nicht (mehr) existiert, am besten gepaart mit Vorschlägen zum weiteren Vorgehen, können schon kleine Wunder bewirken.

Als Nutzer können wir natürlich auch versuchen, unsere Technik auf dem neuesten Stand zu halten, für schnelles Internet sorgen und nur noch Seiten im Internet aufsuchen, die schnell sind. Doch auch mit all diesen Maßnahmen: Die nächste Frustration kommt bestimmt!

Daher wäre eigentlich das einzig Wahre, an unserer Frustrationstoleranz zu arbeiten. Denn am Ende bringt es uns auch nichts, das Handy hinzuschmeißen (im schlimmsten Fall müssen wir uns dann auch noch um dessen Reparatur kümmern) oder auf einen Herzinfarkt zuzuarbeiten.

Das besonders Gute daran: Eine höhere Frustrationstoleranz hilft nicht nur beim Umgang mit dem Computer und Internet, sondern auch beim nächsten Chefgespräch, Abendessen mit der Familie oder Warten auf den Zug.

Dreimal tief durchatmen und wegschauen

Der wichtigste Tipp zuerst: Macht mal Pause! Atmet tief durch, holt euch einen Kaffee. Löst den Blick vom Bildschirm und schaut euch im Raum um. Nehmt die Finger von der Tastatur. Atmet tief durch. Noch einmal. Dann setzt ihr euch wieder vor den Computer. Fangt von vorne an oder macht weiter.

Denn Aufgeben bringt nichts. Im Gegenteil. Wer im Moment der Frustration aufgibt, der speichert dies als Scheitern ab. Je häufiger wir scheitern, desto weniger werden wir uns selber zutrauen. Trainiert eure Frustrationstoleranz und eure Selbstwirksamkeit, indem ihr es noch einmal probiert.

Schimpfen ist gut, aber…

Klar, es kann helfen, sich kurz verbal Luft zu machen und dem Ärger einen Raum zu geben. Das ist oft sogar besser als alles nur in sich rein zu schlucken. Aber schaut ruhig einmal genauer hin und prüft eure Sprache! Das Internet ist grauenhaft? So langsam, dass es euch zur Verzweiflung bringt und ihr würdet am liebsten sofort alles hinschmeißen? Es ist zum Verrücktwerden? Wirklich?

Schaut einmal mit etwas Abstand auf die Sachlage und eure Wortwahl. Klar, es ist frustrierend. Aber es gibt doch wirklich deutlich Schlimmeres im Leben. Da unser Befinden aber ganz wesentlich von unserer Sprache beeinflusst wird, ergibt es durchaus Sinn, auf eine (möglichst) positive Wortwahl zu achten, oder zumindest einen etwas realistischeren Blick zu entwickeln.

Auch im Zusammenhang mit Computerproblemen und langsamen Internetverbindungen gilt das bekannte Gebet: „Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

In diesem Sinne: Viel Glück!

(Ich hole mir jetzt erstmal noch einen Kaffee, während der Text hier hochgeladen wird. Sonst muss ich meinen Laptop doch noch an die Wand schmeißen…)

Habt ihr noch weitere Tipps für den Umgang mit langsamen Internet und Computerproblemen? Und was frustriert euch am meisten im Umgang mit Technik?

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Über den Autor

Sonia Jaeger

Dr. Sonia Jaeger ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin. Als digitale Nomadin bereist sie die Welt und führt dabei psychologische Beratung online, per Video und Email durch.

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