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Hessen und Schleswig-Holstein bauen Deutschlands erste eHighways

Siemens eHighway Oberleitung
Bild: Siemens
geschrieben von Marinela Potor

Wenn ihr euch in den kommenden Monaten fragt, warum in Schleswig-Holstein und Hessen plötzlich Straßenbahnen fahren werden, können wir euch beruhigen. Die elektrischen Oberleitungen, die hier entstehen, sind nicht etwa für Trams gedacht, sondern für LKWs.

Auf Teilstücken der A5, auf insgesamt zehn Kilometern zwischen Darmstadt und dem Frankfurter Flughafen, sowie auf sechs Kilometern der A1, sollen in einem Pilotprojekt Deutschlands erste eHighways entstehen. Damit wollen Hessen und Schleswig-Holstein – in Zusammenarbeit mit Bund, Industrie und weiteren Kooperationspartnern – zumindest einen kleinen Beitrag zum CO2-Abbau in Deutschland leisten.

eHighway könnte Reichweiten der E-Trucks verlängern

Die Oberleitungen sind für Hybrid-LKWs gedacht, die sowohl einen Dieselmotor haben als auch elektrisch fahren können. Die Oberleitungen versorgen die LKWs mit Strom, und die Batterien der Lastwagen können in dieser Zeit geladen werden.

Siemens eHighway Kalifornien Hessen Mobil

Bald auch in Deutschland: Der eHighway von Siemens im Test in Kalifornien (Bild: Hessen Mobil)

Damit könnte eine der größten Hürden bei der Elektrifizierung von LKWs überwunden werden – die geringen Reichweiten. Denn außer dem Tesla Semi (Reichweite: ca. 800 Kilometer) liegen die Reichweiten der meisten E-Trucks unter 400 Kilometern. Für viele LKW-Strecken ist das einfach zu wenig. Ein Zwischenschritt, so die Idee, könnten daher Hybridmotoren sein. Ist die Batterie aufgebraucht, stellt der Motor auf Diesel um. So könnte immerhin ein Teil der Strecke ohne Emissionen gefahren werden.

Die Oberleitungen könnten nun dafür sorgen, dass die Lastwagen länger elektrisch fahren können. Denn der Strom aus den Leitungen lädt die LKWs während der Fahrt auf und erhöht damit die Reichweiten der Laster. Das Ergebnis: Je länger die LKWs den Elektromotor nutzen können, umso weniger Emissionen entstehen.

Sollte sich in diesem Feldversuch daher herausstellen, dass durch die Oberleitungen die CO2-Ausstöße signifikant reduziert werden können, könnten eHighways künftig zum neuen Straßenbild auf deutschen Autobahnen gehören.

Eigens für den Feldversuch: Strom aus erneuerbaren Quellen

Natürlich ist dabei aber auch wichtig, aus welchen Quellen der Strom für die Oberleitungen eingespeist wird. Beim aktuellen Strommix in Deutschland käme nämlich der Großteil immer noch aus fossilen Energien. Um zu sehen, wie ein ideales Ergebnis aussehen könnte, stammt der Strom im Feldversuch der Pilotanlagen jedoch ausschließlich aus erneuerbaren Energien, sagt Martin Heiserholt von Hessen Mobil, das das Projekt in Hessen leitet, gegenüber Mobility Mag. Wie viel CO2 dabei genau eingespart wird, könne man in diesem Stadium jedoch noch nicht sagen.

Die Technologie der Oberleitungen kommt von Siemens und wird bereits in den USA und Schweden genutzt. Das Unternehmen testet unter anderem einen eHighway mit Oberleitungen in Kalifornien und in Schweden sind die von Siemens gebauten Oberleitungen bereits auf einer öffentlichen Straße in Betrieb. Nun soll der eHighway also auch nach Deutschland kommen.

LKWs für das Pilotprojekt müssen erst gebaut werden

Dabei gibt es allerdings ein kleines Problem: Es gibt aktuell keine passenden hybriden LKWs, die in Serie gebaut werden. Die E-LKWs müssen also eigens für das Pilotprojekt produziert werden. „Das Bundesumweltministerium wird diese E-LKWs für die Feldversuche bereitstellen. Für den Feldversuch in Hessen sind zunächst fünf e-Lkw zugesichert worden, die auf die beteiligten Logistikpartner verteilt werden. Es ist damit zu rechnen, dass jeder e-Lkw mehrere Fahrten täglich auf der Versuchsstrecke unternimmt“, heißt es von Hessen Mobil. In Lübeck wird eine regionale Spedition ebenfalls mit einer Handvoll Hybird-LKWs die Teststrecke mehrere Jahre lang befahren.

LKW Oberleitung eHighway Hessen Mobil

Fehlt noch: Passende LKWs für das Pilotprojekt (Bild: Hessen Mobil)

Billig ist das nicht. Allein der Bund finanziert die beiden Teilstrecken mit insgesamt 28,6 Millionen Euro. Ist das zu viel Geld für einen kleinen Tropfen auf dem brennenden Stein? Klar ist: Zwei kleine Teststrecken mit Oberleitungen machen noch keine Energiewende. Aber es ist immerhin ein Anfang, den gerade der Güterverkehr auf den Straßen in Deutschland dringend benötigt.

Er ist es nämlich, der zu einem großen Teil der Emissionen in Deutschland beiträgt. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums war der Verkehrssektor in Deutschland im Jahr 2015 für etwa 18% der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Der Gütervekehr macht davon 30% aus.

Nun werden Güter zwar auch per Schiff, Flugzeug und auf der Schiene transportiert, dennoch entstehen in Deutschland die meisten Emissionen auf der Straße. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik werden von insgesamt 4,5 Milliarden Tonnen transportierten Gütern pro Jahr (Stand: 2014), mehr als 70% auf den Straßen herumgefahren. Tendenz: steigend. Handlungsbedaruf besteht also durchaus.

Ob der eHighway dabei die Lösung oder zumindest ein Teil der Lösung wird, bleibt abzuwarten. Aktuell ist das Projekt noch in der Bauphase. 2019 soll der mehrjährige Feldversuch starten.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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