Basics

Du willst digitaler Nomade werden? Diese Eigenschaften brauchst du dazu!

SANY0634_JPG / Tim Dobson / Flickr (CC BY 4.0)
geschrieben von Marinela Potor

Nicht jeder hat das Zeug, um digitaler Nomade zu werden. Neben dem Offensichtlichen – einem Onlinejob von dem du leben kannst – brauchen digitale Nomaden aber auch ganz bestimmte Soft Skills. Nur wer diese Eigenschaften mitbringt, wird mit diesem Lebensstil auch glücklich.

Die Biegsamkeit einer rumänischen Turnerin

Die erste und wichtigste Eigenschaft, die ihr als digitale Nomaden mitbringen müsst, ist Flexibilität. Denn wer die Freiheit unseres Lebensstil voll auskosten will, muss selbst sehr flexibel sein.

Flexibilität im Job

Egal ob als Freelancer, Onlineunternehmer oder ortsunabhängige Angestellte – diese Jobs haben es in sich. Kunden erwarten ein 40-seitiges Paper genau dann, wenn ihr eure Fahrradreise durch den Allgäu starten wollt. Oder der Server bricht genau dann zusammen, wenn ihr euren Rucksack für Bali fertig gepackt habt. Oder euer Chef verlangt von euch eine Nachtschicht genau dann, wenn ihr todmüde von eurem Tauchkurs wiederkommt. Mit anderen Worten: Die Freiheit, die ihr in eurem Leben liebt, wird von euch auch in eurer Arbeit gefordert.

Flexibilität im Leben

Als digitale Nomaden seit ihr oft auf Reisen – das ist ja schließlich mit der Hauptgrund für diese Lebensweise. Wir wollen im deutschen Winter am Strand sitzen und während der Monsun-Saison im Trockenen. Doch wenn ich eins auf Reisen gelernt habe: Erstens kommt es anders und zweitens als ihr denkt.

Pläne sind schön und gut, doch sie funktionieren nicht so gut unterwegs. Mir ist es beispielsweise einmal passiert, dass Deutschland von einem Schneesturm heimgesucht wurde und ich nicht wie geplant mit dem Zug zum Flughafen konnte. So musste ich spontan um 22 Uhr abends meine ganzen Reisepläne umstellen.

Dann gibt es natürlich die tausend Dinge, die in anderen Ländern anders laufen, und rein gar nichts mit deutscher Planung zu tun haben: Busfahrzeiten, Ticketkauf, Wartezeiten. Oder die nette Frau im Hostel, die verspricht, das WLAN sei klasse – nur um dann Stunden später zuzugeben, dass sie die Internetrechnung für diesen Monat noch nicht bezahlt hat.

Auf Reisen geht eben alles drunter und drüber und was daraus entsteht sind hinterher auch die besten Erfahrungen. Doch wer mit solchem Chaos nicht umgehen kann, ist für ein Dauerleben auf Achse nicht geeignet.

Die Belastbarkeit einer massiven Brücke

Wer als digitaler Nomade an allen Orten der Welt zu Hause ist, muss nicht nur flexibel sein, er muss auch gut mit Stress umgehen können. Deadlines sind oft mehr als knapp, euer WLAN fällt in den unmöglichsten Momenten weg und ihr müsst oft ganz spontan alle Pläne über den Haufen hauen.

Hier müsst ihr euch nicht nur schnell anpassen, sondern auch mit solchen Stressfaktoren gut umgehen können. Denn wer wenig vorausplanen kann, wenig Verlässlichkeit im Leben sowie in der Arbeit (und bei den Finanzen!) hat, bei dem ist Dauerstress vorprogrammiert. Wenn ihr also unter Druck nicht arbeiten könnt oder solcher Stress bei euch massive Akne auslöst, wenn euch ein solcher Dauerzustand eher lähmt statt anspornt, solltet ihr euren sesshaften Alltag lieber nicht aufgeben.

Die Disziplin eines preußischen Soldaten

Ohne Selbstdisziplin funktioniert ein Leben als digitaler Nomade nicht. Niemand schreibt euch eure Arbeitszeit vor, niemand sagt euch, wann ihr am Schreibtisch sitzen sollt und niemand kontrolliert, ob ihr auch tatsächlich eure Arbeit macht. Was für freiheitsliebende Nomaden wie mich ein Traum ist, kann für Menschen mit wenig Selbstdisziplin das berufliche Aus bedeuten. Denn wenn ihr nicht selbst euer Popöchen hochbekommt, verliert ihr erst Kunden, dann euren Ruf und schließlich eure Einkünfte.

Eins der schönsten Vorteile unseres Lebens ist, dass wir uns aussuchen können von wo wir arbeiten. Natürlich suchen wir uns dabei die für uns schönsten Orte der Welt aus. Doch glaubt mir, es ist gar nicht so leicht sich zum Arbeiten zu zwingen, wenn vor einem die herrlichste Bergkulisse liegt. Oder eingesperrt am Laptop zu sitzen, wenn draußen der Palmenstrand lockt.

Wer dafür nicht stark genug ist und solchen „Versuchungen” nicht widerstehen kann, sollte sich das Lebensmodell „Onlinejob“ lieber nochmal überlegen.

Die Arbeitswut eines Duracell-Hasen

Erinnert ihr euch an den Hasen aus der Duracell Werbung? Der läuft und läuft und läuft … So ähnlich wird es euch auch einen guten Teil des Jahres als digitale Nomaden gehen. Intensive Arbeitsphasen wechseln sich oft mit Ruhephasen ab. Während wir alle die relaxte Zeit genießen, ist es genau so wichtig, in der heißen Phase so richtig durchpowern zu können und das oft 14 Stunden am Tag, mit sehr wenig Schlaf. Wer das nicht kann oder will, zu faul oder zu nachlässig ist, kann sich kaum eine selbständige Existenz auf Reisen aufbauen.

Die Aufgeschlossenheit einer weit offenen Tür

Digitale Nomaden müssen offen sein. Damit meine ich nicht extrovertiert, sondern eine mentale Einstellung. Ihr geht als digitale Nomaden neue berufliche und gesellschaftliche Wege, da solltet ihr auch bereit sein, neue Impulse aufnehmen zu können. Sie werden euch auf euren Reisen begegnen, in euren Jobs und im Austausch mit anderen Menschen. Das können positive Impulse sein, aber auch Misstrauen und Kritik.

Solchen widersprüchlichen Erfahrungen müsst ihr aufgeschlossen gegenüberstehen. Nicht jede Kritik ist berechtigt, aber vielleicht können wir trotzdem etwas davon lernen. Nicht jedes Lob ist ehrlich gemeint, bringt uns aber möglicherweise dennoch weiter. Menschen haben nun mal unterschiedliche Ansichten und das ist auch gut so.

Für mich sind digitale Nomaden diejenigen, die das Privileg haben, besonders oft anderen Kulturen und fremden Menschen ausgesetzt zu sein. Als Ortsunabhängige und Vielreisende werden wir oft aus unseren gewohnten Bahnen geworfen und mit Neuem konfrontiert. Wer das nicht als Mehrwert sieht, so schockierend es auch manchmal sein mag, und sich von anderen Mentalitäten nur abschottet, der sollte lieber in seinen eigenen vier Wänden bleiben.

Die materielle Gleichgültigkeit eines Buddhisten

Als digitaler Nomade besteht euer Hab und Gut im Regelfall aus einem großen Rucksack und einem Handgepäck. Viel mehr wollt ihr – glaubt mir – auf Reisen gar nicht auf euren Rücken schleppen. Doch das heißt auch, dass ihr nicht zu sehr an materiellen Dingen hängen dürft. Ihr müsst nicht unbedingt absolute Minimalisten sein, doch wer seine High Heels, seinen Tennisschläger und seine gesamte Gaming-Ausrüstung auf eine brasilianische Insel mitschleppen will, hat spätestens nach drei Kilometern Fußmarsch ein Problem.

Ihr könnt einfach nicht so viel tragen, sodass man ganz klar Prioritäten setzen muss. Meistens gewinnt dann das Praktische. Die Allzweckjacke ist viel nützlicher als der schicke Blazer. Joggen lässt sich einfacher überall auf der Welt umsetzen als Golf. Ihr müsst also, zumindest wenn ihr reisende Nomaden sein wollt, auf vieles verzichten, was ihr im sesshaften Alltag gewohnt seid. Wenn ihr langfristig unterwegs seid, sogar dauerhaft. Könnt ihr das? Oder seid ihr ohne eure Sneaker-Sammlung völlig aufgeschmissen? Das solltet ihr euch gut überlegen, bevor ihr euch dazu entscheidet, als digitaler Nomade die Welt zu erkunden.

Die Selbstgenügsamkeit einer Straßenkatze

Als digitale Nomaden müsst ihr gut mit euch alleine sein können. Selbst wenn ihr mit eurem Partner reist, arbeitet ihr schließlich alleine an eurem Laptop oder ihr habt frei und euer Partner muss arbeiten und ihr müsst euch dann wirklich selbst genügen können.

Darüber hinaus seid ihr häufig an neuen Orten, an denen ihr noch niemanden kennt. Es darf euch also nicht innerlich zerreißen, wenn eure Familie oder eure „Squad“ nicht ständig um euch ist. Bekanntschaften kann man zwar auf Reisen schnell schließen, doch wahre, tiefe Freundschaften sind selten. Selbst wenn ihr euren Seelenverwandten trifft, einer von euch wird früher oder später weiterziehen und ihr müsst lernen, Fernbeziehungen führen zu können. Das ist emotional nicht ganz leicht.

Wer also ohne sein soziales Umfeld nicht glücklich ist, sollte sein Nest auch besser nicht dauerhaft verlassen.

Tauge ich zum digitalen Nomaden?

Natürlich sind all diese Beispiele ein wenig extrem. Schließlich könnt ihr sehr wohl digitale Nomaden sein und euren festen Wohnsitz in Karlsruhe haben. Kein Ortsunabhängiger muss dauernd auf Achse sein oder all sein Hab und Gut verkaufen. Doch wer den Traum des digitalen Nomaden leben will, sollte sich vorher bewusst machen, was da im schlimmsten Fall auf ihn zukommt und was er bereit ist, aufzugeben und was eben nicht.

So könnt ihr für euch selbst vorab definieren, wie weit ihr den Weg der ortsunabhängigen Webworker gehen wollt – und ob ihr überhaupt zum digitalen Nomaden taugt.


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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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