Transport

Einsam, verlassen, depressiv: Ein Tesla-Lenkrad berichtet

Tesla_Innenraum
Bild: Tesla
geschrieben von Marinela Potor

Einsamkeit, Missbrauch und Depression: Ein Tesla-Lenkrad berichtet offen und exklusiv aus seinem Alltag.

Der neue „Tesla Model 3“ ist da! Autofahrer sind begeistert, Journalisten verliebt und die Tech-Industrie erfreut. Doch das neue Modell hat auch Schattenseiten, die bisher keiner anspricht. Wir brechen endlich das Schweigen! Exklusiv für Mobility Mag berichtet ein Tesla-Lenkrad offen und ehrlich aus seinem schwierigen Alltag.

Manchmal will ich gar nicht aufstehen

„An manchen Tagen möchte ich gar nicht aufstehen. So schrecklich ist mein Leben geworden. Ich weiß, das klingt unglaublich, wenn man in einem der beliebtesten Autos der Welt lebt. Doch der Alltag ist längst nicht so schön und idyllisch wie es auf den sozialen Netzwerken dargestellt wird.

#Model3

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Hier schaut mein Leben sehr harmonisch aus. Doch die Realität, meine Realität, ist eine ganz andere. Niemand beachtet mich mehr. Ich wurde zu einer Funktion zweiten Ranges degradiert. Anstatt, dass ich  die Geschicke des Autos lenke und steuere, wurde mir fast all meine Verantwortung geraubt. Mein Können, meine Erfahrung, mein Wissen – es verstaubt. Und warum? Nur wegen dieses unsäglichen Bildschirms!!!

Der neue Götze

Alles, wirklich alles spielt sich nur noch darauf ab. Wo wir hinfahren, in welche Richtung es geht, ja selbst was mit mir passiert wird von diesem Bildschirm kontrolliert. Ohne, dass ich etwas dagegen tun kann. Ich bin dem Ganzen ausgeliefert und muss hilflos zusehen, wie die Fahrer mich überhaupt nicht mehr beachten. Selbst wenn ein Fahrer mich natürlich noch braucht und nutzt, geschieht es mittlerweile fast ohne jegliche Emotion. Denn all die geht an den Bildschirm! Jede Einstellung, wirklich jede Entscheidung, geht vom Bildschirm aus.

All you need for now #Model3

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Wie ich diesen Bildschirm hasse!

Und mit wie viel Begeisterung die Tesla-Nutzer diesen Bildschirm anhimmeln! Er ist so neu, so aufregend, so spannend. Immer neue Lobeshymnen singen sie auf ihn. Sie huldigen ihm wie einem Gott, beten ihn an. Oh, wie ich ihn hasse! Am Schlimmsten ist es beim Einparken.

Wenn dieser Bildschirm auch noch MEINE Steuerung übernimmt. Und ich kann nichts dagegen tun. Nur einsam, vergessen und alleine vor mich hinstarren. Ich muss mich damit begnügen ein Rangierinstrument zu sein. Eine Hardware zweiter Klasse. Womit habe ich das verdient?! Und es wird von Modell zu Modell schlimmer.

Dazu muss ich sagen, dass es natürlich auch schöne Momente in meinem Leben gibt. Meist wenn ein Besitzer in seinen neuen Tesla Model 3 steigt und voller Begeisterung seine Hände um mich legt. Manchmal bekomme ich auch eine richtige Umarmung. Einige sind über mir sogar schon voller Emotionen über das neue Auto in Tränen ausgebrochen.

Inside interior of #Model3 #prototype

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Doch dann entdecken die Fahrer den Bildschirm und alles ist ganz schnell wieder vorbei.

Eine Affäre ersetzt die Liebe

Früher, ja früher, war es anders. Ich erinnere mich noch daran wie die Fahrer und ich so eng verbunden waren, dass uns nichts trennen konnte. Sie klammerten ihre Finger um mich, manchmal ganz entspannt, mal in Freude oder Angst, und manchmal sogar Panik. Doch wir waren immer ein Dream-Team! Echte, gleichberechtigte Partner. Nie hätte ich meine Fahrer im Stich gelassen, nie hätten sie mich losgelassen. Wenn sie im Auto saßen, konnte nichts zwischen uns kommen. Es war Liebe nach dem ersten Anfassen und eine Verbindung, die nie gebrochen werden konnte. Das habe ich zumindest geglaubt. Wie naiv ich doch war!

Nur wenige Automodelle später haben mich die Fahrer völlig vergessen. Für diese billige Affäre mit dem Bildschirm. Jedes Mal, wenn sie mich mit ihren Händen umklammern, flammt wieder etwas Hoffnung in mir auf. Dass sie sich wieder daran erinnern, wie eng verbunden wir waren. Dass die alte Liebe zum Steuer wieder entfacht wird. Doch vergeblich. Es hält immer nur wenige Augenblicke an, bis die Fahrer sich wieder voll und ganz auf den Bildschirm konzentrieren. Diese kurzen Hoffnungsschimmer machen es fast noch schlimmer als wenn sie mich gar nicht mehr beachten würden. Es ist zum Verzweifeln. So heule ich mich nun fast jede Nacht in den Schlaf.

Ein schleichender Tod

Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, doch viel verbleibt mir nicht. Das Zeitalter der autonomen Fahrzeuge naht. Bald schon werde ich überhaupt nicht mehr gebraucht werden. Die Autofahrer werden dann gar nicht mehr im Fahrersitz Platz nehmen, sondern während der gesamten Fahrt nur noch mit ihren großen und kleinen Bildschirmen beschäftigt sein. Ich werde nur noch ein sinnloses Accessoire sein.

Ab und zu wird wohl ein Autofahrer mal wieder seine Hände in Nostalgie um mich legen, doch das werden nur kurze, schmerzhafte Momente sein. Schmerzhaft, weil sie selten und kurzlebig sein und mich nur an die guten, alten – längst vergangenen – Zeiten erinnern werden. Das ist kein Leben mehr, das ist wie ein schleichender Tod!“

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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