Transport

Erfahrungsbericht: Meine drei verrücktesten Mitfahrgelegenheiten

geschrieben von Marinela Potor

Mitfahrgelegenheiten sind nicht nur eine günstige Möglichkeit, um unkompliziert von A nach B zu kommen. Man kann dabei auch ganz schön verrückte Menschen kennenlernen.

Menschen können sehr seltsam sein. Gut, das ist vielleicht keine Sokratische Erkenntnis. Wahr ist sie aber trotzdem. Vor allem, wenn ihr so oft wie ich Mitfahrgelegenheiten nutzt und diese Theorie in der Praxis erleben könnt. Zugegeben, 80 Prozent meiner Fahrten bei Mitfahrzentrale, Blablacar & Co. waren recht ereignislos und fallen entweder in die Kategorie „gemütlich auf dem Rücksitz geschlafen“ oder „nett unterhalten“. Doch ich möchte euch nicht die restlichen 20 Prozent vorenthalten. Die wahren Perlen der Mitfahrgelegenheiten.

Wenn man sich mal wieder wundert, was es doch alles für, ähm, ja, ungewöhnliche Menschen gibt. Und wenn ich ehrlich bin, sind es auch genau diese Menschen, die den Zauber von Rideshares für mich ausmachen. Aus der Schatztruhe meiner außergewöhnlichen Mitfahrerlebnisse, habe ich deshalb die drei verrücktesten für euch herausgepickt.

Die Stripperin

Mitfahrgelegenheiten sind ein bisschen wie Überraschungseier. Auch wenn man gut schüttelt und die Profile genau anschaut, man weiß nie ganz genau, auf wen man treffen wird. Ein solches Rideshare-Überraschungsei war auch meine Fahrt aus der slowenischen Hauptstadt Ljublijana ins italienische Triest.

Es war bereits vor der Fahrt klar, dass meine Fahrerin und ich, so gut wie gar nicht miteinander kommunizieren konnten. Sie war Ungarin und sprach auch noch italienisch. An Englisch war gar nicht zu denken und selbst meine Versuche, mein Schriftspanisch irgendwie mit Google Translate ins Italienische übersetzen zu lassen, schienen nicht besonders erfolgreich.

So hatte ich mich eigentlich auf eine recht schweigsame Fahrt eingestellt.

Umso verwunderter war ich, dass sie nicht, wie besprochen, alleine unterwegs war, sondern noch eine Freundin mit dabei hatte. Diese sprach ebenfalls nur ungarisch und italienisch. Die beiden Damen waren schätzungsweise um die 55 Jahre alt und mit Pelzmantel, Lippenstift und hautengen schwarzen Abendkleidern für eine Autofahrt vielleicht etwas mehr aufgetakelt als der Durchschnittsfahrer. Aber gut, sie waren hier und boten mir ihren Rücksitz an, da will man ja nicht über die Kleiderwahl meckern.

Viel zu sagen hatte ich auch fast auf der ganzen Fahrt nichts, da sich die beiden ununterbrochen auf ungarisch unterhielten und ich dementsprechend wenig verstand. Ich hatte mich also gemütlich auf der Rückbank eingerichtet und beobachtete die vorbeifahrende Landschaft. So weit, so erwartet.

Bis kurz nach der italienischen Grenze. Hier lieferte meine Fahrerin ihre Freundin zu Hause ab und bot mir den Beifahrersitz an. Irgendwie bekamen wir es dann aus einer Mischung aus englisch, spanisch und italienisch hin so etwas wie eine Kommunikation in Gang zu bringen. Ich verstand so viel, dass sie deshalb so schick angezogen war, weil sie direkt im Anschluss arbeiten gehen musste. Offensichtlich hatte jemand ihre Schicht getauscht und sie schien recht verärgert darüber. Als ich mich freundlich erkundigte, in welchem Restaurant sie denn arbeite, schaute sie mich sehr erstaunt an. „Restaurant? Nein, nein! Ich bin keine Kellnerin.“ Oh je, da hatte ich wohl etwas falsch verstanden. Hoffentlich war ich damit nicht ins Fettnäpfchen getreten. „Wo arbeiten Sie denn?“, fragte ich sie daher. Die verblüffend offene Antwort: „Ich bin Stripperin.“

Ich war mir nicht sicher, ob ich mich hier im Sprachwirrwarr verhört hatte. Doch nach längerem Hin und Her war klar: Sie und ihre Freundin waren vor rund 30 Jahren nach Italien ausgewandert, „um im Westen viel Geld zu verdienen.“ Das Strippen sei auch gar nicht so schwierig, nur für das Poledancing müsse man sehr viel üben. Und es nerve halt, wie die Schichten kurzfristig getauscht würden. Ich versuchte wirklich sehr angestrengt, das Bild von meiner Fahrerin im Stringtanga an der Stange wieder aus meinem Kopf zu verbannen. Vergeblich.

Alles was ich in dem Moment noch denken konnte war: Mensch, hätte ich das früher gewusst! Ich hätte so viele Fragen gehabt. Man trifft schließlich nicht alle Mitfahrgelegenheiten lang professionelle Stripper! Doch leider waren wir damit auch schon in Triest angekommen und ich erfuhr leider keine weiteren Details mehr. Schade!

Mitfahrlektion Nummer eins: Frage deine Fahrer stets nach ihrem Beruf und sei auf alles gefasst!

Der spanische Hitler-Fan

Eine weitere unvergessliche Fahrt erlebten mein Freund und ich vor einigen Jahren bei einer Mitfahrgelegenheit von Granada nach Valencia in Spanien. Alles begann völlig unspektakulär, mit einem jungen Soldaten, der übers Wochenende zu seiner Familie fahren wollte. Er berichtete von seiner Zeit beim Militär, mein Freund und ich von unseren Reisen durch Spanien. „Interessant“ wurde es eigentlich erst, als mein Freund ihn recht beiläufig fragte, ob er als Valencianer auch katalanisch spreche.

Es folgten ein eiskalter Blick und eine mehrstündige Hasstirade auf alle „Separatistenterroristen“ in Spanien. Nun mag man ja von den Unabhängigkeitsbewegungen in Spanien denken was man möchte, und über diese Themen lässt sich sicher auch vortrefflich debattieren. Doch erstens hatten wir uns auf eine entspannte Autofahrt eingestellt und nicht auf eine hochpolitische Diskussion. Und zweitens gab es in diesem Fall keinen Raum für Gegenmeinungen oder überhaupt irgendeine Meinungsäußerung, da unser Fahrer sich derart in Rage geredet hatte, dass wir eigentlich nur noch stumm zu allem nicken konnten. „Egoistisches Pack“, „Iditoten“ und „Franco hätte die schon zurechtgebogen“ waren noch mit die freundlichsten Statements, die unser Fahrer für die Menschen hinter den regionalen Unabhängigkeitsforderungen in seinem Land übrig hatte.

Das ist dann der Moment, in dem man unruhig auf dem Sitz hin- und herrutscht und alle zwei Minuten nachguckt, wie weit es denn noch bis zum Ziel ist. Als dann rund 30 Minuten vor Valencia unser Fahrer auch noch den großen Bogen von Spaniens ehemaligem Diktator Franco zu Hitler schlug. Die beiden hätten es schon richtig gemacht. Disziplin sei noch groß geschrieben worden und sie hätten für Recht und Ordnung im Land gesorgt. Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass ich mir als Deutsche Loblieder auf Adolf Hitler anhören muss. Doch spätestens als unser Diktatorfan auf die Rassentheorie eingehen möchte und ihm dann spontan auffällt, dass mein Freund Afro-Amerikaner ist, wird es RICHTIG unangenehm.

Ich male mir drei mögliche Szenarien aus:

  1. Der Fahrer fängt an, auf meinen Freund einzuprügeln und wir landen im Straßengraben.
  2. Mein Freund rastet aus und wir landen im Graben.
  3. Wir werden mitten auf der Autobahn aus dem Auto geworfen und müssen ohne unser Gepäck nach Valencia trampen.

Glücklicherweise klingelt genau hier das Handy unseres Fahrers. Nach einem fünfminütigen Telefonat ist er anscheinend zumindest wieder soweit besänftigt, dass er uns – nun stillschweigend – noch die restlichen Kilometer zum Ziel fährt.

Mitfahrlektion Nummer zwei: Unterschätze nie, wie hilfreich das Telefonieren beim Fahren sein kann!

Der Hundeversteher

Ein Mitfahr-Erlebnis der animalistischen Art wiederum bot eine Fahrt von Hannover nach Dortmund. Hier hatte ich mir die Mitfahrlektion Nummer eins zu Herzen genommen und direkt gefragt, was mein Fahrer denn beruflich so mache.

Um so überraschender war die Antwort. Nein, er war kein Stripper. Aber wusstet ihr, dass es Menschen gibt, deren Beruf es ist, die Reinrassigkeit von Hunden zu bewerten? Für sehr viel Geld. Hundegutachter oder Hundesachverständige heißen diese Menschen. Ein Beruf, von dem ich vor dieser Fahrt noch nie etwas gehört hatte. Wenn ich meinem Fahrer glauben darf, erfordert dieser Job eine mehrjährige Ausbildung. Er selbst hatte noch verschiedene Fortbildungen gemacht, um vor Gericht als Hundegutachter aussagen zu dürfen (ja, es gibt wirklich Gerichtsverfahren über die Reinrassigkeit von Hunden!), und auch um selbst andere Hundegutachter ausbilden zu können.

All das erzählte er mir mit der Nonchalance eines Millionärs auf seiner Segelyacht. „Na klar fahre ich 500 Kilometer, um mir einen Pudel anzuschauen. Ist doch völlig normal. Dafür werde ich schließlich auch bezahlt.“ Natürlich. Verzeihung!

Da er in mir offensichtlich eine absolute Novizin in Sachen „Hundesachverständige“ (das muss wohl das deutscheste Wort sein, das ich je gehört habe!) neben sich sitzen hatte, ging er immer weiter ins Detail. So habe ich etwa gelernt, dass ein Mischlingshund in der Branche nur verächtlich angeschaut wird, während reinrassige Hunde für viel Geld ver- und gekauft werden. Ich habe gelernt, dass Polizeihunde, je nach Aufgabenfeld, alle ein sehr unterschiedliches Training bekommen. Ich habe auch gelernt, dass man allein mit der Fortpflanzung dieser reinrassigen Hunde sehr viel Geld verdienen kann.

So besaß mein Fahrer anscheinend „einen Eins-a-Schäferhund“, dessen Sperma ihm wohl immer wieder ein nettes Sümmchen bescherte. Doch all das seien „nur Peanuts“, wenn man dies mit den Summen vergleiche, die er im Ausland mit seiner Expertise verdienen könne.

So erzählte er mir, dass er in nur wenigen Monaten mal wieder in die Ukraine fliege. Vom Flug über seine Unterkunft bis hin zum Essen werde ihm alles bezahlt, nur damit er als Richter bei einem Hundewettbewerb die Vierbeiner bewerte. Kein Wunder, dass er die Gastfreundlichkeit von Osteuropäern besonders hervorhob. Auch in die USA sei er schon eingeflogen worden, um dort einen Hund für einen Kunden zu bewerten.

Hundegutachter sind offensichtlich ein absoluter Nischenberuf, der weltweit sehr gefragt und exzellent bezahlt ist. Hätte ich das mal vor dem Literatur-Studium gewusst!

Mitfahrlektion Nummer drei: Der deutsche Schäferhund ist die beste Hunderasse der Welt.

Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr auch schon so verrückte Menschen bei euren Mitfahrgelegenheiten kennengelernt? Was sind eure außergewöhnlichsten Geschichten? Schreibt uns gerne in die Kommentare, was ihr als Fahrer oder Mitfahrer schon alles erlebt habt.

Auch interessant: Mitfahrgelegenheiten im Netz, Teil 2 – Fünf kostenlose Alternativen zu Blablacar


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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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