Transport

Mit dem Fahrrad auf Weltreise: Die Welt auf zwei Rädern entdecken

geschrieben von Marinela Potor

Peter Richter ist auf Weltreise mit dem Fahrrad – und das nicht zum ersten Mal. Mobility Mag erzählt er von hilfsbereiten Türken, rücksichtslosen LKW-Fahrern und geheimnisvollen Polizisten. 

Es schien ein kalter Wintertag zu werden. ier Wind blies immer stärker und schließlich fing es auch noch an zu schneien. Das waren nicht nur ein paar harmlose Flocken. Peter Richter wusste, hier bahnte sich ein Schneesturm an. Sollte er es wagen oder lieber warten, bis das Schlimmste vorüber wäre? Wo sollte er bis dahin unterkommen? Mehrere Stunden Fahrt liegen vor ihm, von Eğirdir nach Beyşehir. Er überlegt, schwingt sich dann kurzerhand auf sein Rad und tritt so heftig wie er nur kann in die Pedale. Er radelt gegen den Schnee, gegen den Wind, gegen die eigene Müdigkeit.

Weltreisender mit bayerischer Schnauze

Drei Stunden später kommt er schließlich erschöpft am Ziel an. Was für andere wie ein großes Abenteuer klingt, ist für Peter Richter nur ein weiterer ganz normaler Tag auf seiner Weltreise mit seinem Fahrrad. Am 20. Juni 2015 ist er in Bayreuth gestartet und radelt derzeit im türkischen Winter.

Selbst das Winterwetter kann Peter Richter nicht vom Radfahren abhalten

Selbst das Winterwetter kann Peter Richter nicht vom Radfahren abhalten

Vier bis fünf Jahre hat er sich vorgenommen so zu radeln, aber er kann sich auch gut vorstellen, dass er am Ende noch länger unterwegs sein wird. Vielleicht lässt er sich dann an einem ganz neuen Ort nieder, denn nach Deutschland zieht es ihn derzeit so gar nicht zurück. Er habe schließlich lange genug für diese Reise gearbeitet: „Ich habe im Schnitt so 60 bis 80 Wochenstunden gearbeitet, um mir das nötige Geld anzusparen. Dann habe ich mir ein neues Fahrrad gekauft, all meine Sachen in meinem 4m² großen Keller verstaut und dann ging es los.“ Sein Fahrrad hat er Yatra getauft, nach dem indischen Wagenfest Ratha Yatra. Bei diesem Fest kommen Menschen aus vielen unterschiedlichen Ecken an einem Ort nach einer langen Reise zusammen. Das fand Peter Richter auch ein schönes Motto für seine Reise.

Peter und Yarta in der Schwäbischen Alb

Peter und Yarta in der Schwäbischen Alb

Bevor Peter Richter jedoch zum weltreisenden Fahrradfahrer wurde, lebte er wie seine Schwester und sein Vater in Bayreuth. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Klempner, oder im Bereich „Gas-Wasser-Scheiße“, wie er es selbst in seinem bayerischen Dialekt ausdrückt. Überhaupt nimmt Peter Richter kein Blatt vor den Mund und hat stets einen flotten Spruch auf den Lippen.

„Das Leben ist halt lebensgefährlich“, scherzt er zum Beispiel sarkastisch, als er mir davon erzählt, wie häufig Radfahrer von LKW umgefahren werden. Wir unterhalten uns über das Telefon, er ist gerade in seinem Hotel in Cappadocia in der Zentraltürkei angekommen. Für ihn ein Luxus, da er die meiste Zeit entweder in seinem Zelt campt, bei Couchsurfern unterkommt oder die Seite Warm Showers nutzt, in der Gastgeber Fahrradfahrer für eine Nacht aufnehmen. Hier in der Türkei kommt es auch nicht selten vor, dass er in einer Moschee übernachtet. Wirklich – in einer Moschee? „Ja klar, das ist gar kein Problem“, erklärt er mir. „Das sind ja jetzt nicht die großen Moscheen in den Städten, sondern kleine Einrichtungen auf dem Land – so in etwa wie Kapellen. Die sind auch stets offen, falls mal jemand beten will, und da hab ich öfter Unterschlupf gefunden, wenn es mit dem Wind und der Kälte zu viel wurde für mein Zelt.“ Ein anderer Ort, den er gerne mal für eine kleine Verschnaufpause nutzt, sind Gaststätten. „Da lege ich einfach meinen Kopf auf den Tisch und schlafe – das sind zum Teil die besten Nickerchen, die ich je gehabt habe.“

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Zwei heiße Begegnungen mit der Gastfreundlichkeit

Für Peter Richter ist es nicht das erste Mal, dass er sich mit seinem Fahrrad auf Weltreise begibt. Das letzte Mal hat er dies vor 15 Jahren getan, und ist damals von Deutschland über Iran und Pakistan bis nach Australien gefahren. Eineinhalb Jahre hat er dafür gebraucht. An viele Orte möchte er auch auf dieser Reise zurückkehren. Ganz oben auf seiner Wunschliste: Iran. Er erinnert sich an die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Menschen und auch an das Mal, als er mit der iranischen Polizei in Berührung kam.

Es waren schätzungsweise so 50 Grad Außentemperatur und er war zwei Wochen bei brüllender Hitze geradelt, ohne sich irgendwo duschen zu können. Er war in einer sehr ländlichen Gegend unterwegs und sparte sich das Wasser, das er fand, zum trinken. So kam er dann an besagte iranische Polizeistation. „Als die mich sahen, haben die mich mehr oder weniger sofort in die Dusche geschubst. Die war in der Polizeistation und das Wasser kam von einem Bottich auf dem Dach. Mit der knallenden Sonne war das Wasser natürlich bolleheiß. Ich glaube, so heiß habe ich noch nie in meinem Leben geduscht.“

Genau das Gegenteil erlebt er derzeit in der Türkei – doch nur was das Wetter angeht. Es gibt Tage, an denen es bitterkalt ist und der Wind ihm fast vom Rad bläst. Doch erstens findet er die Landschaft im Winter unglaublich faszinierend und zweitens findet er auch in dieser Witterung sehr viele Menschen, die ihm helfen. So war auf einer Strecke der Busbahnhof einer kleinen Stadt sein Ziel. Doch je länger er radelte, umso weiter schien der Busbahnhof entfernt zu sein. Auch hier radelte er bei fröstelnden Temperaturen und so langsam spürte er auch seine Füße und Zehen nicht mehr. Es sammelten sich schon Eiszapfen an seinem Rad. Der Busbahnhof dagegen war immer noch nicht in Sicht, stattdessen aber eine Moschee. So beschloss Peter Richter kurzerhand in die Moschee einzutreten – nur um festzustellen, dass es kurz vor der Gebetszeit war. Erst wollte er wieder gehen, doch die Männer winkten ihn herein. „Ich habe mich dann so respektvoll wie möglich versucht im Hintergrund zu halten, um die Betenden nicht zu stören und wollte mich eigentlich danach auch klammheimlich wieder verdrücken.“ Da hatte er aber die Rechnung ohne die betenden Männer gemacht. Die scharten sich alle neugierig um ihn und wollten alles über diesen 49-jährigen Deutschen wissen, der mitten im Winter in der Türkei mit seinem Fahrrad unterwegs war. „Schließlich haben sie einen Bottich mit Wasser heiß gemacht und ich habe dann darin meine eiskalten Füße wieder aufwärmen können.“

Kleine Moscheen bieten Peter Richter oft einen Fluchtort im kalten türkischen Winter

Kleine Moscheen bieten Peter Richter oft einen Fluchtort im kalten türkischen Winter

Je härter die Strecke, desto besser

Die Gastfreundlichkeit der Menschen, die ihm auf seiner Reise begegnen, beeindruckt ihn immer wieder. So bekommt er sehr oft Lebensmittel zugesteckt, wurde zum Tee eingeladen („Ich habe so viel Tee in der Türkei getrunken, das glaubt man gar nicht!“) und in einer Bäckerei hat ihm einmal der Besitzer alle Sesamkringel, die er kaufen wollte, geschenkt. Überall wo er hinkommt, seien die Menschen erstaunt, einen Touristen zu dieser Jahreszeit zu sehen – noch dazu auf einem Fahrrad. „Ich glaube, viele halten mich auch einfach für völlig verrückt,“ amüsiert sich Peter Richter. Doch das stört ihn nicht weiter, er ist es gewohnt, dass seine ungewöhnliche Reisemethode viel Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Er reist insgesamt mit 50 Kilo Gepäck im Schlepptau, dazu kommt noch sein eigenes Gewicht. Von Ersatzteilen für sein Rad und Werkzeug über Campingkocher und Zelt bis hin zu seinem Laptop hat er alles dabei, was man so für eine mehrjährige Fahrradtour braucht. Das Essen besorgt er sich auf den Märkten, meist Reis, Nudeln und Gemüse. Fleisch gibt es derzeit eher selten. So hat er auch seit seiner Abreise fast 15 Kilo abgenommen, sodass es immer schwieriger für ihn wird, seine Last auf dem Fahrrad anzutreten. Doch er hat es ja nicht eilig. Er nimmt sich alle Zeit der Welt, um an Orten anzuhalten, die ihm gefallen, Fotos zu machen und sich mit den Menschen vor Ort zu unterhalten.

Genau deshalb findet er auch, dass ein Fahrrad das ideale Transportmittel für eine Reise ist: „Es ist schnell genug, um von Ort zu Ort zu kommen und langsam genug, um die Landschaft auf sich wirken zu lassen. Ich kann außerdem an Orte fahren, an denen andere Reisende mit dem Bus nie hinkommen würden und ich habe auch die Zeit und Ruhe, mit den Menschen zu sprechen.“ Er gibt zu, dass er sich nicht die bequemste Art zu Reisen ausgesucht hat, aber es gehe ihm auch nicht darum, eine kuschelige Reise zu haben. Vielmehr genieße er es auch, dass er sich abstrampeln muss und dass es nicht immer leicht ist. Das Gefühl, am Ende etwas aus eigener Kraft geschafft zu haben, ist so einfach größer.

„Am meisten Angst habe ich vor dem Verkehr“

Seine Reiseroute, die ihn bisher über Österreich, den Balkan und die Türkei geführt hat, soll weiter über Georgien, Armenien, Iran, Kasachstan, Russland und die Mongolei bis nach China gehen. Auch Japan, Indien und die Philippinen könnten mögliche Reiseziele werden. Nur Pakistan möchte er diesmal auslassen, an dieses Land hat er aus seiner ersten Reise keine besonders guten Erinnerungen. „Die Landschaft war unglaublich, aber vor allem im Norden war es mit den Menschen sehr problematisch. Da haben die Kinder mit Steinen nach mir geworfen, also das muss ich mir nicht nochmal antun.“

Abgesehen davon kann er sich aber an keine größeren Enttäuschungen auf seinen Reisen erinnern. Es gäbe mal hier und dort einzelne Menschen, von denen er enttäuscht sei, aber eigentlich überwiegen definitiv die positiven Erfahrungen: „Wenn man so eine Reise angeht, muss man auch wissen, worauf man sich einlässt. Wenn man da ganz bewusst an alles herangeht, erlebt man auch nicht so viele Enttäuschungen.“ So erinnert er sich dann auch eher an viele kleine schöne Begegnungen auf seiner Reise. In Graz hat er beispielsweise jemandem aus seinem Heimatort getroffen und in Bosnien wurde aus einer zweifelhaften Begegnung mit einem Polizisten ein freundschaftliches Beisammensein.

Solche Begegnungen scheinen alle Straßen, die Peter Richter befährt, zu pflastern. Kein Wunder also, dass er sagt, das Schlimmste, was ihm bisher passiert sei, seien zwei liebe Straßenhunde aus Georgien: „Das waren zwei ganz, ganz nette Hunde, aber leider habe ich den Fehler gemacht, ihnen Essen zu geben und so wollten sie dann auch nicht mehr von mir lassen. Die Straße war in dem Ort auch richtig schlecht, sodass ich ihnen auch nicht schnell davon radeln konnte. Erst als jemand einen Hund festgehalten hat, konnte ich sie so abhängen.“ Es klingt immer noch ein wenig Trauer in seiner Stimme mit, wenn er sich daran erinnert, dass er die beiden Weggefährten zurück lassen musste.

Auf seiner aktuellen Reise kann er sich nur an ein Erlebnis erinnern, das etwas unangenehmer war – auf einer Olivenfarm bei Izmir, in der Türkei. Peter Richter bekam hier gratis Kost und Logis und half im Gegenzug bei der Ernte mit. „Das war richtige Knochenarbeit, das kann ich dir sagen! Tja, und dann weiß ich selbst nicht genau was passiert ist, aber ich bin einfach umgekippt.“ Trotzdem macht er sich keine Sorgen, dass ihn sein Körper im Stich lassen könnte. Wirklich Angst hat er eigentlich nur vor dem Verkehr. Vor allem die LKW-Fahrer geben seiner Meinung nach nicht wirklich acht und fahren viel zu schnell. So hat ihn einmal auch ein Lastwagen angefahren, zum Glück ist aber nichts Schlimmes passiert. Und falls mal doch etwas Schlimmes passieren sollte? „Ach, da mache ich mir nicht so viele Gedanken. Da wird es hoffentlich schon jemanden geben, der mich dann ins Krankenhaus bringt, falls ich das aus eigener Kraft nicht mehr schaffen sollte.“

Einen langfristigen Plan gibt es nicht

So denkt er auch nicht gerne an all die schlimmen Dinge, die passieren könnte, sondern freut sich lieber auf außergewöhnliche Landschaften und schicksalhafte Begegnungen. Seine nächsten Reiseziele lauten erstmal Georgien und Armenien und danach soll es dann endlich in seinen geliebten Iran gehen. Bis Fernost hat er sich bisher seine Reise grob ausgemalt, was danach passieren soll, weiß er selbst noch nicht genau. „Klar, irgendwann wird sicherlich der Punkt kommen, an dem ich mir eine langfristigere Strategie überlegen muss, aber ich glaube, wenn ich dann in der Situation bin, wird das ganz flott gehen.“


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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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