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Wie ein Mode-Startup Frauen aufs Fahrrad bringt

geschrieben von Marinela Potor

Eva Mohr ist Exzentrikerin. Fahrrad-Exzentrikerin. So beschreibt sie sich selbst mit einem Augenzwinkern. Doch wer insgesamt acht Fahrräder besitzt und jedem einzelnen Gefährt liebevoll einen Namen gibt, ist zumindest fahrradverliebt. Eva Mohr hat aus dieser Begeisterung für Zweiräder einen Beruf gemacht. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Mela Holcomb gründete sie 2012 die Onlineplattform Allthatiwant. Hier vertreiben die beiden all das, was radfahrende Frauen wollen: nicht nur praktische, sondern vor allem auch schicke Outfits und Accessoires zum urbanen Fahrradfahren.

Alles begann im Jahr 2009 in Brooklyn, New York. Eva Mohr stand in der Fahrradwerkstatt ihrer Nachbarin, als sie ihren Aha-Moment hatte. Die Werkstattbesitzerin, eine Mischung aus Feministin, Fahrradfan und Mechanikerin, beschwerte sich darüber, dass die Straßenverhältnisse in New York so schrecklich seien, dass sich Frauen deshalb nicht aufs Fahrrad trauten. Eva Mohr wurde stutzig.

Sie selbst fuhr seit ihrer Kindheit im Rheinland immer schon Fahrrad und selbst die chaotische Verkehrssituation im Big Apple hatten sie nicht davon abgehalten von Manhattan nach Brooklyn zu radeln. „Mir wurde klar, dass Frauen sich deshalb vom Fahrradfahren in der Stadt scheuen, weil sie nicht verschwitzt bei der Arbeit ankommen oder sich das Kleid in der Speiche zerfetzen lassen wollen.“

Rad + Style = Allthatiwant

Aus dieser recht simplen Erkenntnis heraus startete Eva Mohr ein Blog. Hier schrieb sie über ihre zwei großen Leidenschaften, Fahrräder und Mode – und wie sich beide wunderbar miteinander kombinieren ließe. Das Blog wurde so erfolgreich, dass sie drei Jahre später mit ihrer besten Freundin Mela Holcomb beschloss, daraus ein Geschäftsmodell zu machen: Allthatiwant war geboren.

Die Onlineplattform zeigt, dass Frauen sich nun nicht mehr zwischen Rad und Style entscheiden müssen. Sie können sowohl mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren als auch gleichzeitig schick aussehen. Möglich machen es die speziell kuratierten Produkte, die auf der E-Commerce-Plattform verkauft werden.

So finden User hier spezielle Fahrradhelme, die die Frisur nicht ruinieren – oder Pedale, bei denen die Highheels nicht verrutschen oder zerkratzen. So wollen Eva Mohr und Mela Holcomb mehr Frauen vom Fahrradfahren begeistern: „Wir zeigen einfach, dass es keine Ausreden mehr gibt. Anstatt also zu sagen, dass man heute Auto fährt, weil es nieselt, kann man sich stattdessen eine stylische Regenjacke überziehen und trotzdem radeln.“

Fahrradhelm

Helm für die perfekte Firsur (Bild: Allthatiwant)

Alle Produkte, die Allthatiwant anbietet, werden vorher vom Team selbst geprüft und auf Herz und Nieren getestet. Nur das, was wirklich überzeugt, kommt in den Online-Shop. Dabei werden die Produkte nicht nur von Anbietern gekauft. Allthatiwant arbeitet auch mit Designern zusammen – und einige Produkte hat das Team sogar selbst entwickelt. „Wir sind zum Beispiel auf die Idee gekommen, einen Rockhalter aus kaputten Strumpfhosen in einer Behindertenwerkstatt in Köln zu bauen. Das ist sogar einer unserer Bestseller“, erzählt Eva Mohr stolz.

Rockhalter

Rockhalter (Bild: Allthatiwant)

Frauen bekommen so für alle möglichen und unmöglichen Probleme beim Fahrradfahren eine Lösung. Das hört bei praktischen Produkten und schicken Styles nicht auf. Auf Allthatiwant finden sich darüber hinaus Artikel zu allem, was die radfahrende Frau sonst noch so bewegt: Hautschutz bei klirrenden Außentemperaturen, Fahrrad-Kinofilme – und sogar Bike-Dates.

Keiner fährt Fahrrad, weil er die Umwelt schützen will

Kritiker könnten jetzt denken, das alles sei schrecklich banal. Unser Planet steht kurz vor dem Klimakollaps, und das sollte eigentlich jeden dazu antreiben, auf umweltfreundlichere Transportmittel wie das Fahrrad umzusteigen. Doch Eva Mohr ist sich nicht so sicher, dass diese Logik aufgeht: „Nur weil es rational ist und der Umwelt hilft, fährt kein Mensch Fahrrad. Es bringt viel mehr, wenn wir das Fahrradfahren als Lebensgefühl, als Trend etablieren. Dann steigen auch die Massen aufs Rad.“ Allthatiwant versucht daher über die Mode und ihren Lifestyle-Blog genau diese emotionale Beziehung zum Fahrrad herzustellen.

Das Geschäftsmodell ist so erfolgreich, dass das multilokale Unternehmen mittlerweile sogar Mitarbeiter in aller Welt beschäftigt. Natürlich sei eine Plattform wie Allthatiwant global gesehen nur eine kleine Verbesserung, sagt Eva Mohr. „Doch wenn wir auch nur ein Stückchen dazu beitragen können, dass wir die Welt ein klein wenig besser machen, dann ist das auch schon sehr viel wert.“

Eva Mohr und Mela Holcomb

Allthatiwant-Gründerinnen Eva Mohr und Mela Holcomb (Bild: Allthatiwant)

Das tun die jungen Gründerinnen nicht allein dadurch, dass sie mehr Frauen zum Fahrradfahren animieren. Ein Teil ihrer Einnahmen geht darüber hinaus an internationale Hilfsprojekte, die beispielsweise das Leben von Frauen in ärmlichen Regionen durch Fahrräder mobiler, freier und sicherer machen.

Es gibt noch viel zu tun

Doch auch in Deutschland ließe sich noch viel verbessern, findet Mohr. So seien die Bedingungen für Fahrradfahrer in Köln, ihrem aktuellen Wohnsitz, schrecklich und gefährlich: „Wir brauchen hier ganzheitliche Konzepte, in denen wir unser gesamtes Verkehrsnetz umdenken“, fordert sie. Dass das durchaus gehe, zeigten Fahrradstädte wie Kopenhagen.

Es gibt also noch viel zu tun. So heißt auch der Zukunftsplan bei Allthatiwant ganz klar „weitermachen“, sagt Eva Mohr. „Es ist sicher schön, als Unternehmen zu wachsen, und das wollen wir auch, aber nachhaltig und Schritt für Schritt. Denn viel wichtiger als die Einnahmen ist für uns, dass wir uns und unseren Überzeugungen treu bleiben. Denn es gibt nichts Schöneres, als wenn eine Kundin zu uns sagt: ‚Ich habe mir wegen euch ein Fahrrad gekauft!’“


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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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