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Fahrradprofessor: „Das Fahrrad muss gleichberechtigt berücksichtigt werden“

Dennis Knese, Fahrradprofessor, University of Applied Sciences Frankfurt
Dennis Knese ist einer der neuesten Fahrradprofessoren in Deutschland. (Foto: Friederike Mannig / Frankfurt UAS)

Was ist bitte ein Fahrradprofessor? Genau das wollten wir auch von Dennis Knese wissen. Er startet zum Wintersemester an der Frankfurter University of Applied Sciences eine brandneue Professur dazu. Wir haben mit ihm über seine neue Stelle, Radverkehr als Studienfach und die Situation für Fahrräder in Deutschland gesprochen.

In den Niederlanden gibt es sie schon. Und auch für Deutschland haben Grünen-Politiker es schon länger gefordert: Fahrradprofessoren. Nun hat das Bundesverkehrsministerium in einer neuen Förderinitiative sieben neue Stiftungsprofessuren geschaffen. Sie alle haben den Fokus „Fahrrad.“

Einer dieser neuen „Fahrradprofessoren“ ist Dennis Knese. Momentan arbeitet er noch bei der Gesellschaft Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Zum Wintersemester 2020 startet er aber seine Arbeit als „Fahrradprofessor“ an der University of Applied Sciences (UAS) in Frankfurt am Main.


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Wir haben mit ihm über Radverkehr als Studienfach, die Verkehrssituation in Deutschland und Alternativen zum Auto gesprochen.

Was ist ein Fahrradprofessor?

Mobility Mag: Herr Knese, woher kommt Ihre Begeisterung für nachhaltige Mobilität?

Dennis Knese: Für mich gibt es kein spannenderes Themenfeld, welches eine so immanente Bedeutung für viele Gesellschaftsbereiche hat – von der Teilhabe am öffentlichen Leben, über Klimaschutz, Luft- und Lebensqualität, Gesundheit, bis hin zur Schaffung von Arbeitsplätzen und Wirtschaftskraft – und gleichzeitig vor so erheblichen Veränderungen in den kommenden Jahren steht.

Diese Faszination war der Grund, warum ich mich bereits in meinen Bachelor- und Masterarbeiten mit Themen der nachhaltigen Mobilität auseinandergesetzt habe.

Was macht Sie zum Radprof(i)?

Wenngleich mein Hauptfokus in den vergangenen Jahren nicht immer auf dem Radverkehr lag, so spielte er stets eine wichtige Rolle. Ich beschäftige mich seit rund 15 Jahren mit nachhaltiger Mobilität und integrierten Verkehrssystemen.

Das Fahrrad ist aus meiner Sicht ein essenzieller Bestandteil nachhaltiger Stadt- und Verkehrsplanung. Im Rahmen meiner Promotion habe ich mich beispielsweise mit Radschnellwegen in Deutschland und Europa befasst. Auch in Projekten mit der GIZ ging es um die Stärkung von Radverkehr in verschiedenen Ländern und Kontexten.

Zudem versuche ich mein Know-how in einem Arbeitskreis der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen einzubringen, der Empfehlungen für den Aufbau von Infrastruktur für Elektrofahrräder erarbeitet.

„Rad-Verkehr polarisiert“

Wie würden Sie die Verkehrssituation für Fahrräder und Radfahrer in Deutschland beschreiben?

Das Thema (Rad-)Verkehr polarisiert. Verkehrsmittel werden schließlich in den politischen und nicht-politischen Diskussionen häufig gegeneinander ausgespielt. Fakt ist, dass die Stadtflächen, also auch die Straßen, allen Menschen gleichermaßen gehören sollten.

Wir sehen jedoch, dass die Verkehrspolitik jahrzehntelang das Auto priorisiert hat, sodass heute mehr als die Hälfte der Verkehrsflächen für Kraftfahrzeuge reserviert sind – ein Großteil davon für parkende Fahrzeuge, die über 23 Stunden am Tag nicht bewegt werden.

Natürlich ist die Situation regional sehr unterschiedlich und in den vergangenen Jahren wurden Verbesserungen erzielt.

In welcher Form?

Das sehen wir am steigenden Radverkehrsanteil, insbesondere in den großen Städten. Dennoch glaube ich, dass noch viel Luft nach oben ist, wie zum Beispiel der Beginn der Corona-Krise gezeigt hat, als mehr Menschen mit dem Fahrrad unterwegs waren.

Das wird auch durch die Forderungen von immer mehr Bevölkerungsgruppen nach verbesserten Bedingungen für Fußgänger und Radfahrer sichtbar.

Autofahren weniger attraktiv machen

Was muss sich in diesem Bereich Ihrer Meinung nach künftig noch ändern?

Das Fahrrad muss als gleichberechtigtes Verkehrsmittel in der Gesetzgebung, der Verkehrspolitik und der Planung berücksichtigt werden. Wenn wir die Anzahl der Kraftfahrzeuge reduzieren möchten, müssen wir einerseits attraktive Alternativen schaffen.

Wie könnten diese Ihrer Meinung nach aussehen?

Dazu gehören zum Beispiel durchgängige Radwegenetze mit breiten Radwegen und sicheren Abstellanlagen, eine intermodale Verknüpfung zwischen den Verkehrsmitteln, Anreize von Arbeitgebern zur Nutzung des Fahrrads oder auch Radlogistik-Konzepte.

Denn insbesondere im Lieferverkehr sehe ich hohe Potenziale zu einem erhöhten Radverkehrsanteil, nicht zuletzt durch die Möglichkeiten der Elektromobilität.

Andererseits gilt es auch, über Maßnahmen nachzudenken, die das Autofahren weniger attraktiv machen. Hier denke ich zum Beispiel an Parkraummanagement, Geschwindigkeitsbegrenzungen oder eine City-Maut.

Dabei müssen wir überlegen, wie es uns gelingen kann, die Akzeptanz und Rücksichtnahme zwischen allen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmern im Alltag wieder zu erhöhen.

Warum braucht Deutschland einen Fahrradprofessor?

Was können neue Lehrpositionen wie die „Stiftungsprofessur für Radverkehr“ für die Mobilität oder den Verkehr in Deutschland verändern?

Ziel ist es, möglichst viele Studierende für das Thema und den späteren Beruf eines Verkehrsplaners, beziehungsweise einer Verkehrsplanerin, gegebenenfalls mit Schwerpunkt Radverkehr, zu gewinnen. So können Know-how und Kapazitäten ausgebildet werden, von denen Städte, Kommunen, Verbände und Unternehmen in Zukunft profitieren können.

Zugleich sollen die neuen Professuren durch ihre Forschungsaktivitäten direkt ein starker Partner für Akteure aus der Region werden, um die Themen Radverkehr und nachhaltige Mobilität zu fördern.

So liefern beispielsweise Datensammlungen und -analysen Argumentationshilfen für die Entwicklung von spezifischen Maßnahmen. Auch können innovative Ideen von den Professuren ausgehen.

Durch die sieben Stiftungsprofessuren erhalten wir in Deutschland ein wissenschaftliches Kompetenzcluster, das in dieser Form zuvor nicht existierte.

Warum sind solche Lehrpositionen wie „Fahrradprofessor“ überhaupt notwendig?

In bisherigen Lehrveranstaltungen des Bauingenieurwesens wurden häufig traditionelle technische Grundlagen der Verkehrsplanung gelehrt, selten mit besonderem Fokus auf den nicht-motorisierten Verkehr. Nun erhält der Radverkehr mehr Aufmerksamkeit in der Lehre.

Spezifische Radverkehrsthemen können stärker vertieft, neue Methoden können vermittelt, Probleme können disziplinübergreifend untersucht und Konzepte können im Rahmen von Studienprojekten entwickelt werden.

Auch die Verknüpfung zwischen Lehre und anwendungsorientierter Forschung ist wichtig, um die Komplexität der Themen in der Praxis zu vermitteln und Handlungskompetenzen zu entwickeln.

Mit Studenten Fahrrad fahren

Wie kann man sich als Studierender das Radverkehrsstudium vorstellen?

Bei uns an der Frankfurt University of Applied Sciences werden wir das Thema Radverkehr in verschiedene Studiengänge integrieren – das reicht vom klassischen Bauingenieurwesen, über Wirtschaft und Logistik, bis hin zu einem eigenen Master-Studiengang „Nachhaltige Mobilität“, den wir gemeinsam mit der Hochschule Rhein Main entwickeln.

Je nach Studiengang wird es unterschiedliche Schwerpunkte geben. Zum einen geht es natürlich um die technischen Grundlagen der Radverkehrsplanung. Gleichzeitig möchte ich aber neue Akzente setzen, indem innovative Themen aufgegriffen werden und ein starker Fokus auf interdisziplinäre Aspekte gelegt wird.

Radverkehr hat viele Facetten, die mit ingenieurs-, wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen oder auch rechtlichen Perspektiven beleuchtet werden können.

Unheimlich wichtig ist für mich der Praxisbezug und die Interaktion. Ich möchte mit den Studierenden auf die Straße gehen, konkrete Fallbeispiele analysieren und gemeinsam Ideen entwickeln.

Hier werde ich natürlich auch versuchen, mit externen Partnern zusammenzuarbeiten, um weiteren Fachinput und Erfahrungen aus der Praxis einzubeziehen – aus Deutschland wie aus dem Ausland.

Kann man sich das dann so vorstellen, dass der Fahrradprofessor mit seinen Studenten Fahrrad fährt?

Ich kann mir durchaus vorstellen, in Kooperation mit dem Frankfurter Radfahrbüro häufig gemeldete Gefahrenstellen zu begehen, dort Erhebungen durchzuführen und Konzepte zur Verbesserung der Situation zu entwickeln.

Möglich ist auch in das Flottenmanagement von Logistikbetrieben einzutauchen, die einen Teil ihrer Ware mit dem Fahrrad transportieren. Darüber hinaus könnte man zum Beispiel auch eine Fahrrad-Exkursion in eine Vorzeigestadt wie Münster oder Utrecht anzubieten, um weitere Beispiele guter Radverkehrsplanung zu erfahren.

Wie ist man als Fahrradprofessor selbst unterwegs?

Welchen Stellenwert hat das Fahrrad eigentlich in Ihrem Privatleben?

Ich komme gebürtig aus Lingen im niedersächsischen Emsland, einer von jeher fahrradaffinen Region. Ich bin mein Leben lang mit dem Fahrrad zur Schule oder zum Sport gefahren. Seit dem Studium bin ich aber multimodal unterwegs.

Das heißt, ich nutze das Verkehrsmittel, welches ich für den jeweiligen Zweck am geeignetsten ansehe – zumeist das Fahrrad oder den ÖPNV. Ein eigenes Auto besitze ich nicht, miete mir aber beispielsweise für Urlaubsreisen gelegentlich eines.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitätstrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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