Future Start-ups

BestMile: „Die Autoindustrie versteht nicht, wie autonome Fahrzeuge funktionieren“

geschrieben von Marinela Potor

Flottenmanagement-Software klingt ungefähr so sexy wie Badewannenfaltwand. Doch hinter dem etwas sperrigen Namen verbirgt sich eine spannende Technologie: Die reibungslose Koordination von fahrerlosen Autos. Vorreiter in diesem Bereich ist das Schweizer Start-up BestMile. Sein Slogan: „Cloud-Intelligenz für autonome Fahrzeuge“.

Was passiert, wenn eine Flotte von Roboterautos ohne Koordination durch eine Stadt wuselt? Chaos. Denn selbst wenn autonome Fahrzeuge sich eigenständig bewegen können, heißt das noch lange nicht, dass sie sich „im Schwarm” effizient organisieren können.

Genau hier setzt das Schweizer Start-up BestMile an. Das Unternehmen will so etwas wie das Gehirn hinter den selbstfahrenden Autos sein. „Man könnte uns mit einem Kontrollturm am Flughafen vergleichen“, sagt Maud Simon, Operations Managerin von BestMile, im Gespräch mit Mobility Mag. „Anstatt dass jedes Fahrzeug auf gut Glück losfährt, koordinieren wir die Fahrten an zentraler Stelle, um den gesamten Prozess so effizient und reibungslos wie möglich zu gestalten.“

BestMile gilt als „heißes“ Mobilitäts-Start-up

BestMile ist aus einem Universitätsprojekt an der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) entstanden und hat sich mittlerweile zum eigenständigen Unternehmen entwickelt. Erst kürzlich sicherte sich das Start-up eine Finanzspritze von zwei Millionen Euro.

Anne Mellano und Raphaël Gindrat, die beiden Gründer von BestMile (Bild: BestMile)

Kein Wunder, denn tatsächlich ist BestMile bisher das einzige Unternehmen, dass sich die Frage nach der Koordination von selbstfahrenden Autoflotten gestellt hat. Das liegt möglicherweise auch daran, dass Autobauer sich im autonomen Bereich bislang vorwiegend auf kommerzielle PKWs konzentriert haben. Flotten von simplen und langsamen selbstfahrenden Fahrzeugen wie etwa das E-Shuttle von Navya waren für die großen Konzerne eher uninteressant. Genau in diese Lücke dringt BestMile mit ihrem Modell einer Cloud-Plattform für autonome Fahrzeuge.

Ihr Fokus ist dabei die Sharing Economy. Also Fahrzeuge, die entweder von privaten oder kommunalen Anbietern für den öffentlichen Transport zur Verfügung gestellt werden. Das kann eine Taxiflotte sein, die Nutzer im Stil von Uber per App bestellen können. Das kann aber auch ein Minibus wie die Modelle „SmartShuttle“ von PostAuto sein. BestMile stellt dabei die Fahrzeuge nicht selbst her, das Start-up übernimmt lediglich die Koordination dieser.

Zu den aktuellen Kunden von BestMile gehören Transitagenturen wie PostAuto, Shuttleunternehmen und schweizer Transportagenturen wie zum Beispiel TPF. Theoretisch kann aber jedes autonome Fahrzeug an die Plattform angeschlossen werden.

Schwarmintelligenz für autonome Fahrzeuge

Ziel ist es dabei, dass die Fahrzeuge dieser Kunden so koordiniert werden, dass sie sowohl flexibel und nutzerfreundlich als auch wirtschaftlich sind.

Über einen Algorithmus werden hier Fahrzeiten, Routen sowie Ladezeiten für die Transportmittel errechnet, ausgewertet und anschließend für Fahrten mit Passagieren koordiniert. Das ist komplizierter als es klingt, erklärt Maud Simon „Wir werten an zentraler Stelle, all die relevanten Daten aus, die die autonomen Fahrzeuge auf ihren Routen sammeln. Dazu gehören Informationen zu Straßenverhältnissen, Daten von Straßenkarten, Fahrzeiten, Anzahl der Passagiere, Wartezeiten an Haltestellen oder Batteriestand der E-Fahrzeuge. Die Herausforderung dabei ist, dass wir das alles in Echtzeit tun.“

Die schnellste Route ist nicht immer die beste

Mit diesen Informationen berechnet BestMile, ebenfalls in Echtzeit, die bestmögliche Aufteilung der Flotte. „Denn es kann zum Beispiel sein, dass die schnellste Route, nicht die beste ist, weil dann alle Fahrzeuge im Stau stehen würden. Anders als bei autonomen Autos, die nicht miteinander koordiniert werden, können wir solche Probleme also von vorneherein vermeiden.“

Simon weiß dabei aber auch, dass es eigentlich nie möglich ist, die allerbeste Route für alle Fahrzeuge einer Flotte zu finden. Denn dazu gibt es zu viele Variablen. Um all diese auszuwerten, bräuchte ein Algorithmus etwa 2000 Jahre, sagt sie. Und selbst dann kann sich die Verkehrssituation plötzlich komplett ändern und es müsste wieder eine neue beste Route berechnet werden. So beschränkt sich BestMile auf eine realistischere Aufgabe: Die Optimierung der Flottenkoordination.

So funktioniert die Cloud-Plattform von BestMile (Grafik: BestMile)

All das erfolgt über ein cloudbasiertes System, auf dem die Daten zusammengetragen werden. Theoretisch kann der von BestMile entwickelte Algorithmus das Flottenmanagement ohne menschliche Hilfe organisieren, auch wenn die jeweiligen Transportfirmen und auch BestMile derzeit noch Aufsichtspersonen haben, die den Prozess überwachen. Die Server von BestMile sind dafür auf den ganzen Globus verteilt, damit eine konstante Internetverbindung garantiert werden kann.

Autoindustrie sieht Probleme erst jetzt

Die Idee des Start-ups scheint aufzugehen. Im ersten Praxistest mit sechs Shuttles an der EPFL Lausanne war der Campus der Universität das Testfeld. Studenten konnten per App die autonomen E-Shuttles bestellen und sich herumkutschieren lassen. Diese Fahrten wiederum wurden zentral von BestMile koordiniert. Das war 2015, also zu einem Zeitpunkt, zu dem autonome Fahrzeuge noch als Vision einer fernen Zukunft galten. Doch Maud Simon glaubt nicht, dass das der einzige Grund ist, warum bisher noch niemand die gleiche Idee wie BestMile hatte.

„Die Autoindustrie versteht nicht, wie autonome Fahrzeuge funktionieren. Viele haben gedacht, sie könnten einfach ihre Autos auf die Straße schicken und fertig. Erst jetzt, nachdem sie die ersten Praxistests durchführen, stellen auch sie sich endlich die Frage, wie man all diese Autos eigentlich koordinieren kann.“ Denn die Tests der Autokonzerne haben auch die vielen Hindernisse auf dem Weg zum autonomen Fahrzeug deutlich gemacht.

Menschliche Fahrer + autonome Autos = Chaos

Eins dieser Probleme ist die Zielführung der Fahrzeuge. Autonome Autos können nur an die Orte fahren, die sie per 3D-Karten vorprogrammiert bekommen. Für Autobauer ist das ein Problem. Denn um ein kommerzielles Modell weltweit verkaufen zu können, müssten sie Kunden versichern können, dass das Auto an wirklich jeden Winkel der Welt fahren kann. Dazu werden nicht nur sehr präzise, sondern auch konstant aktualisierte Karten gebraucht. Mit den aktuellen Karten ist das noch sehr schwierig.

Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum autonomen Verkehr ist das Zusammenspiel zwischen autonomen und nicht-autonomen Fahrzeugen. Denn solange fahrerlose Autos und herkömmliche PKWs gemeinsam auf der Straße fahren, sind Unfälle vorprogrammiert. Menschliche Fahrer sind unberechenbar, fahren riskant und beachten nicht alle Regeln. Also das komplette Gegenteil zu einem fahrerlosen Auto. Ein autonomes Fahrzeug kann das nach aktuellem Stand der Technik unmöglich alles einkalkulieren. Nach Meinung vieler Experten wird dies deshalb zu zwei möglichen Szenarien führen: Unfall oder Dauerstau.

Maud Simon glaubt daher, dass viele Konzerne die autonome Technologie erstmal in einem kontrollierteren Szenario in der Praxis testen werden. „Viele Städte haben angekündigt, ihre Innenstädte für Privatautos zu sperren. Das ist die ideale Spielwiese für autonome Fahrzeuge. Ich glaube, die meisten werden deshalb auch zunächst Flottensysteme für den öffentlichen Transport testen.“

„Der Kampf ist jetzt!“

Das ist zumindest die Hoffnung von BestMile. Denn damit hätten sie sich schon als einer der größten Player etabliert. Erste Unternehmen haben zwar schon angekündigt, dass sie ähnliche Koordinationssysteme herausbringen wollen. Doch BestMile hat den Vorteil des First Movers – noch. Um den auszunutzen, hat das Start-up mittlerweile nicht nur einen weiteren Firmensitz in San Francisco aufgemacht. BestMile hat sich auch eine der begehrtesten „Trophäen“ der autonomen Szene gesichert: Eine Genehmigungen zum Testen von fahrerlosen Autos in der kalifornischen GomentumStation.

Doch das ist nur der Anfang, versichert Maud Simon. Das Unternehmen sucht derzeit nach weiteren Investoren. Die angestrebte Summe ist dabei keineswegs bescheiden. Das Start-up möchte 15 bis 20 Millionen Euro sammeln. Das klingt nach viel Geld, aber die Branche bewegt sich derzeit rasend schnell, erklärt Simon. „Zwischen jetzt und 2020 wird sich entscheiden, wer die Player der Zukunft sind. Wenn wir mithalten wollen, brauchen wir Kapital. Auch wenn es dramatisch klingt, aber der Kampf ist jetzt!“

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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