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Getaway will Carsharing umkrempeln: „Wir wollen das Car in Carsharing sein“

Bild: Getaway
geschrieben von Marinela Potor

Zu kompliziert, zu umständlich, zu unflexibel. So hart urteilt Edgar Scholler über das Carsharing in Deutschland. Von kommerziellen bis Peer-to-Peer Modellen, so richtig überzeugt hatte den Autoenthusiasten in der Vergangenheit kein einziges Angebot. Genau deshalb will er es nun besser machen – und hat mit Getaway sein eigenes Konzept gelauncht.

Es begann alles im Jahr 2015 bei einem Spaziergang. Genauer gesagt beim langen Gang vom Berliner Flughafen Tegel zum Carsharing-Einzugsgebiet. Edgar Scholler arbeitete zu diesem Zeitpunkt im Ausland und nutzte in Deutschland Carsharing, wenn er ein Auto brauchte. „Während ich also zu meinem Auto lief, fiel mir auf, an wie vielen parkenden Autos ich vorbeiging. Da standen etliche Privatfahrzeuge ungenutzt herum, während ich umständlich zu meinem Carsharing-Fahrzeug gehen musste.“

Was wäre, wenn man all diese Fahrzeuge in einen Fuhrpark verwandeln könnte?

Planen bedeutet Einschränkung

Seit dieser ersten Idee war Edgar Scholler überzeugt, dass er ein wirklich nutzerfreundliches Carsharing-Angebot schaffen konnte. „Die meisten dieser Angebote scheitern ja nicht an schlechter Technologie, sondern an mangelnder Akzeptanz, und weil Autobesitzer und -nutzer emotional zu wenig abgeholt werden“, sagt der Getaway-Gründer im Gespräch mit Mobility Mag. Er hatte bei der eigenen Suche gemerkt, wie umständlich Carsharing in Deutschland war. Vor allem die Peer-to-Peer-Angebote überzeugten Scholler nicht: „Da geht so viel Planung und Vorarbeit in die Autonutzung hinein und alles was Planen ist, ist eine Einschränkung.“

Zugegeben, Peer-to-Peer-Anbieter wie Drivy oder Tamyca zeichnen sich nicht gerade durch Nutzerfreundlichkeit aus. Autobesitzer müssen erstmal ein Profil erstellen. Dann gilt es einen Mietvertrag zu unterzeichnen. Dann müssen die Mietzeiten zwischen Autobesitzer und User koordiniert werden, ganz zu schweigen von der Schlüsselübergabe. Ein spontanes, flexibles Angebot sieht anders aus. Kein Wunder, dass sich die Begeisterung bei Nutzern in Deutschland bislang in Grenzen hält.

In einem Test der Stiftung Warentest schnitten die privaten Carsharing-Plattformen sehr bescheiden ab. Neben dem mangelnden Angebot, kritisierten die Tester auch lückenhafte Verträge und den umständlichen Prozess.

All das will Getaway nun nicht nur anders, sondern auch besser machen. „Wir wollen im Konzept des Peer-to-Peer Carsharing tatsächlich nur noch das Wort Car belassen. Nutzer sollen sich um gar nichts mehr kümmern müssen, sie sollen sich nicht umständlich miteinander abstimmen müssen. Sie sollen einfach nur das Angebot dann nutzen, wann sie es brauchen.“

Alles per App

So gibt es bei Getaway keine monatlichen Gebühren, keine Anmeldegebühren, keine Fixkosten und auch keine PIN-Nummern.

Alles funktioniert lediglich über die App. Wer sein Auto zur Verfügung stellen will, muss lediglich die App herunterladen und zur Registrierung nur ein Fotos seines Kfz-Scheins hochladen. Ab hier übernimmt Getaway die Verifizierung. Folgendes wird dabei geprüft:

  • Zulassung in Deutschland
  • Tachostand unter 150.000 Kilometern
  • gültigen TÜV
  • Betriebserlaubnis
  • Das Modell darf nicht älter als 15 Jahre sein
  • Zentralverriegelung

All das wird aber laut Edgar Scholler innerhalb von wenigen Minuten geprüft. Wird das Auto für die Plattform zugelassen, muss dann noch ein Safety-Kit ins Auto installiert werden. Dieses Kit ermöglicht unter anderem das Öffnen und Schließen des Autos über die App und das Orten über GPS. „Das passiert in den nächsten sieben Tagen nach der Anmeldung und dauert etwa eine Stunde. Wir schicken dazu jemanden zu dem Autobesitzer“, erklärt Scholler. Dieser muss dann nur den Autoschlüssel abgeben und kann nach dem Installieren der kleinen schwarzen Box sein Auto in den „Fuhrpark“ von Getaway integrieren.

Dazu müssen Autovermieter ihr Fahrzeug lediglich über die App als verfügbar einstellen und angeben, wann sie das Auto wieder brauchen. Das kann nach einer Stunde, nach Feierabend oder nach dem vierwöchigen Urlaub sein. Ab diesem Zeitpunkt haben Autobesitzer eigentlich keine Arbeit mehr.

Sobald ein Auto verfügbar ist, sehen Nutzer dies wiederum per App auf einer Umgebungskarte. Sie können dann ihr Wunschauto wählen, das Auto per App öffnen, den Schlüssel aus dem Handschuhfach nehmen und sofort losfahren.

Bild: Getaway

Jeder Nutzer zahlt individuellen Preis

Der Preis wird pro gefahrenem Kilometer berechnet und die Autobesitzer bestimmen diesen Preis auch selbst. So können Autobesitzer in ihrer Abwesenheit mit der Autovermietung sogar noch etwas dazu verdienen. Bei einigen ihrer Nutzer seien das sogar 700 Euro im Monat, berichtet Edgar Scholler.

Die Nutzer wiederum bezahlen beim Mieten nicht nur den Kilometerpreis, sondern sowohl die Versicherung als auch der Sprit sind im Preis enthalten. Dieser Endpreis ist übrigens immer auf den jeweiligen Nutzer und das Auto abgestimmt. Sogar die Versicherung wird individuell errechnet. „Wir haben dazu mit unserem Versicherungspartner Gothaer einen Algorithmus entwickelt, der für jeden Nutzer, je nach Einzelfall, einen individuellen Preis errechnet“, erklärt Edgar Scholler.

Wer gegen die Rahmenbedingungen verstößt und beispielsweise das Auto zu spät abgebe oder in einem Nichtraucher-Auto qualme, muss eine Strafe zahlen.

So sei der Preis insgesamt viel gerechter, findet Scholler. Getaway verdient erst dann einen Anteil an der Vermittlung, wenn ein Auto tatsächlich vermietet wurde. Noch sei das nicht profitabel, doch Scholler ist zuversichtlich, dass Getaway mit seinem Angebot Nutzer langfristig überzeugen kann.

Endlich ein Carsharing-Service für den ländlichen Raum?

Im Moment hat Getaway 1.500 Kunden und 550 Autobesitzer, die ihre Fahrzeuge teilen. Generell kann das Angebot bundesweit genutzt werden, doch aktuell ist Getaway am stärksten in Berlin vertreten, wo auch der Unternehmenssitz des Start-ups ist. Das nächste große Ziel ist aber Magdeburg, die Heimatstadt von Edgar Scholler.

Denn Getaway will vor allem dort Kunden gewinnen, wo viele Anbieter bisher gar nicht vor Ort sind: An den Randgebieten der Großstädte, in mittelgroßen Städten und im ländlichen Raum. „Das Schöne an Getway ist ja, dass das Angebot überall dort genutzt werden kann, wo Menschen sich anmelden.“

Das Angebot von Getaway klingt durchaus reizvoll. Es macht die gemeinsame Nutzung von Autos nicht nur leicht und profitabel für Besitzer, es löst auch eins der größten Mobilitätsprobleme: ungenutzte Autos.

Autos teilen ist die Zukunft der Mobilität

Aktuelle Studien zeigen, dass Autos im Schnitt 95 Prozent der Zeit ungenutzt herumstehen. Das ist nicht nur ineffizient und teuer, es erzeugt auch Platzprobleme. Denn stehende Autos erfordern Parkflächen, die in Ballungszentren immer mehr Grünflächen, Spielflächen und Raum für andere Verkehrsteilnehmer wegnehmen.

Bereits Tesla-Gründer und Dauervisionär Elon Musk hatte daher schon vorgeschlagen, stehende Autos produktiver zu nutzen. Musk hatte ein Carsharing-Modell für Teslabesitzer angekündigt, bei dem – ähnlich wie bei Getaway – Besitzer ihre ungenutzten Autos mit anderen teilen können.

Auch Unternehmen wie Turo in den USA oder BeeRides in Ungarn (und neuerdings auch in Dortmund) machen sich dieses Prinzip zunutze, indem sie parkende Autos an Flughäfen weitervermieten.

Genau hier liegt der Schlüssel zur Mobilität der Zukunft, findet Edgar Scholler: „Wenn wir es mit unserem Modell nur hinbekommen die aktuelle Durchschnitts-Auslastung von Autos in Deutschland von einer Stunde auf zwei zu erhöhen, könnten wir die Anzahl der Autos halbieren, ohne dass jemand verzichten müsste.“

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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