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Das Unternehmen, das fahrerlose Autos möglich macht – und keiner kennt

Autonomes Auto mit Kartensystem von HERE
Bild: HERE
geschrieben von Marinela Potor

Was fährt in vier von fünf Autos auf dieser Welt mit und keiner kennt es? Die Technologie von HERE. Während das Unternehmen wahrscheinlich jedem, der in irgendeiner Form mit Mobilität zu tun hat, ein Begriff ist, ist HERE bei Verbrauchern weitgehend unbekannt. Der globale Konzern, der seit mehr als 30 Jahren Navigationssoftware entwickelt, agiert genauso wie seine Technologie – unauffällig, aber mit großer Wirkung.

Die Geschichte von HERE beginnt im Jahr 1985, als sich das Unternehmen gründet. Nach ein paar Namenswechseln etabliert sich das Unternehmen als „Navteq“.

Von Anfang an konzentriert sich Navteq auf die Entwicklung von Ortungstechnologien. Aufgrund dieses Know-hows wird Navteq 2007 von Nokia Maps gekauft. Neben Navteq kauft Nokia zu dieser Zeit verschiedene kleine Unternehmen, die sich auf Ortung, Karten, Suchfunktionen sowie Reisen spezialisiert haben. Diese werden gemeinsam mit Navteq 2012 unter dem Namen „HERE“ zusammengefasst.

3D-Karte Frankfurt HERE

3D-Karte von Frankfurt. HERE hat 30 Jahren Expertise in digitaler Kartografie (Bild: HERE)

 

Wie HERE zum Wunderkind der deutschen Autoindustrie wurde

2015 tun sich die deutschen Autobauer Audi, BMW und Mercedes zusammen, um HERE zu kaufen. Zwei Jahre später erwirbt Intel 15% der Anteile, im Januar 2018 erwerben Bosch und Continental gemeinsam 10%. Das japanische Unternehmen Pioneer hält 1% der Anteile. Damit wird HERE aktuell zu 74% von deutschen Unternehmen kontrolliert.

Doch warum interessieren sich gerade deutsche Autohersteller und Zulieferer so sehr für HERE?

Die Ortungssoftware von HERE ist vor allem für Navigationsgeräte sehr gefragt und die meisten Autos dieser Welt fahren mit dieser Technologie.

Doch die Investitionen der deutschen Konzerne hat vor allem mit einem Trend zu tun: der Automatisierung der Fahrzeuge.

Ohne Karte, kein fahrerloses Auto

Wenn ein fahrerloses Auto die Insassen sicher transportieren soll, muss es seine Umgebung in Echtzeit erkennen und die empfangenen Informationen extrem schnell verarbeiten können. Dazu brauchen autonome Fahrzeuge vor allem zwei Dinge – Echtzeitdaten und sehr sehr genaue Umgebungskarten.

Autonome Fahrzeuge können zwar Informationen über ihre eigenen Sensoren und Kameras wahrnehmen, doch bei hohen Geschwindigkeiten beträgt der Sichthorizont dieser Sensoren etwa drei Sekunden. Das ist nicht besonders viel Zeit zum Manövrieren.

Hochpräzise Karten wie die von HERE, die auch Echtzeitdaten an die Autos senden, bieten daher so etwas wie einen erweiterten Sensor für die Fahrzeuge.

Sagen wir mal, ein fahrerloses Auto fährt auf der Autobahn hinter einem langsamen LKW und will diesen nun überholen. Dafür muss es vorher mehrere Fragen richtig beantworten können: Gibt es eine Überholspur? Wo ist diese? Wie stark muss ich beschleunigen, um zu überholen? Überschreite ich damit etwa die erlaubte Geschwindigkeit? Überholt gerade ein anderes Auto hinter mir?

Menschliche Autofahrer klären solche Situtationen in Sekunden. Doch ein paar Sensoren am Auto sind damit gerade bei hohem Tempo schnell überfordert.

Wenn das Auto aber bereits auf eine detaillierte Karte im System zurückgreifen kann, die Informationen zu Spuren, Tempolimits und weiteren Autos in der Nähe in Echtzeit liefern kann, können all die relevanten Informationen viel schneller verarbeitet werden und fahrerlose Autos agieren präziser.

fahrerloses Auto überholt LKW HERE

Ein Überholvorgang ist für Menschen relativ einfach, für fahrerlose Autos dagegen hochkomplex (Bild: HERE)

Ein solches Kartensystem zu entwickeln ist alles andere als einfach – und genau deshalb ist HERE, das sich seit über 30 Jahren genau darauf spezialisiert, aktuell so gefragt. Das Unternehmen entwickelt eine Vielzahl solcher Kartensysteme für automatisierte Fahrzeuge.

Der Stau-Vorwarner

Das „Traffic Safety Warning“ von HERE ist ein solches Beispiel. Das System sammelt konstant Verkehrsdaten und aktualisiert diese jede Minute. Damit bekommen Autofahrer konstant Informationen zur aktuellen Verkehrslage sowie Hinweise dazu, wie sie Staus umfahren können, die sich gerade auf ihrer Strecke bilden.

Das schlägt so ziemlich jede Stauschau im Radio und ist aktueller und präziser als das Navigationssystem von Google Maps.

Kommunizierende Autos

Etwas elaborierter ist die „Sensor Ingestion Interface Specification“ von HERE. Auch hierbei werden Verkehrsdaten in Echtzeit gesammelt. Diese werden dann zu einer Cloud hochgeladen. Darauf können wiederum alle Autos zugreifen, die mit dem smarten Verkehrssystem verbunden sind.

Damit können Autofahrer frühzeitig vor Unfällen oder Hindernissen auf der Straße gewarnt werden. So bildet die „Sensor Ingestion Interface Specification“ ein gemeinsames Kommunikationssystem für Autos.

Scheibenwischer an Fahrer: Da vorne ist Glatteis

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt „Live Roads“. Hierbei geht es ebenfalls um das Kartieren von Verkehrsdaten, um Fahrern und Autos vor Gefahren, Unfällen oder Schlechtwetterzonen zu warnen. Hierbei sammelt HERE zum Beispiel Daten von Scheibenwischern und Autoreifen, um so Autofahrer etwa vor Glatteis zu warnen.

Um automatisierte Fahrzeugen beizubringen, wie Menschen fahren, hat HERE das Projekt „Humanized Driving“ ins Leben gerufen. Während wir fahren, wird unser Fahrverhalten beobachtet und für automatisierte Systeme übersetzt.

Die große HERE-Cloud

All diese verschiedenen Datenbanken sollen, so das Ziel, in einer großen HERE-Cloud zusammenkommen. So könnten Autos nicht nur für sich und Ihre Insassen Informationen sammeln und verarbeiten. Fahrzeuge könnten konstant miteinander kommunizieren.

Alle wollen gewinnen, doch der Sieger steht schon fest

Kameras hin, Sensoren her, DAS ist es was automatisiertes Fahren wirklich straßentauglich machen wird. Denn so gut ein einzelnes Fahrzeug auch alleine in der Wüste fahren kann, wenn die Fahrzeuge relevante Verkehrsinformationen nicht schnell genug verarbeiten und sich nicht untereinander austauschen können, sind selbstfahrende Autos im echten Straßenverkehr ziemlich aufgeschmissen.

Genau deshalb sammeln große Technologie-Unternehmen wie Google, Tesla, Uber oder Baidu so fanatisch Kartendaten für ihre eigenen autonomen Fahrzeuge. Und deshalb ist die deutsche Autoindustrie so interessiert an einem Unternehmen wie HERE.

Denn anders als die Tech-Konzerne haben sie nämlich weder die Mittel noch das Wissen, um solche Karten zu entwickeln. Zumindest nicht so schnell wie die Konkurrenz. HERE soll ihnen daher helfen, den verpatzten Vorsprung wieder aufzuholen.

Währenddessen kann HERE sich entspannt zurücklehnen. Denn das Unternehmen weiß: Ganz gleich welcher Konzern die ersten fahrerlosen Privatautos auf die Straße bringt, die Technologie dazu kommt aller Wahrscheinlichkeit nach von HERE.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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