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„Ein Zug wie ein Gang“: Tim Grams über den ICE 4

Tim Grams im Stellwerk (Bild: privat)
Tim Grams im Stellwerk (Bild: privat)
geschrieben von Ekki Kern

Im Netz ist er als „Der bloggende Bahner“ bekannt. Nach seiner Ausbildung zum Fahrdienstleiter arbeitet Tim Grams mittlerweile im Social-Media-Team des Personenverkehrs der Deutschen Bahn. Im Interview erzählt er Mobility Mag alle 14 Tage Spannendes aus der Bahn-Welt. Heute: Tims Erfahrungen mit dem neuen ICE 4, der derzeit noch als Testzug verkehrt.

Mobility Mag: Ich bin vergangene Woche mit dem modernisierten ICE 3 gefahren und fand, die neuen Sitze machen durch ihre Höhe den Großraumbereich wenig wohnlich. Der ICE 4 hat dieselben Sitze…

Tim Grams: Ja, sie sind ein bisschen höher als die alten, wirken aber auch insgesamt höher, weil die „Ohren“ an den Seiten sie so erscheinen lassen. Das ist ein schwieriges Thema. Vorausschicken muss man allerdings, dass diese Sitze mit zahlreichen Kunden getestet und ausgewählt wurden. Die Bahn hat also Bedürfnisse abgefragt und umgesetzt.

Das heißt, die Sitze bleiben?

Ich habe mit vielen Kunden gesprochen und gemerkt, dass die Sitze von allen Neuerungen beim ICE 4 derzeit am schlechtesten abschneiden. Viele sagen zum Beispiel, sie seien zu hart. Aber die sind ja auch neu. Ein neues Sofa ist auch härter als ein zehn Jahre altes Modell. Die Beinfreiheit ist insgesamt auch etwas kleiner geworden. Gerade im Vergleich zum ICE 1, der diesbezüglich ja extrem großzügig dimensioniert war. Um mehr Reisende transportieren zu können, hat man sich dann beim ICE-3-Redesign dazu entschieden, zunächst die Abteile, die zunächst neben den Großraum-Bereichen existierten, wegzulassen. Außerdem wurde der Klage einiger Fahrgäste, man fühle sich von links und rechts beobachtet, insofern Rechnung getragen, als man die genannten neuen Sitze installierte, die mit den „Ohren“ am oberen Seitenrand. Sie sollen garantieren, dass der Kunde sich mehr „für sich“ fühlt.

Was ist noch auffallend anders beim neuen ICE 4?

Dass der ganze Zug aus einem langen Gang besteht. Es gibt also keine Ruhebereiche mehr, und als Fahrgast kann man, wie man das von modernen S- und U-Bahnen kennt, von einem Ende bis zum anderen ohne bauliche Trennungen durchschauen. Mich hat bei meiner ersten Fahrt die schiere Anzahl der Sitze beeindruckt, weil ich das so bisher nicht kannte.

Wo fährt der ICE 4 denn im Moment schon?

Zwei Zugpaare sind im Moment zwischen München und Hamburg im Testbetrieb. Und diese sollen ab dem Fahrplanwechsel 2017/2018 in den Regelbetrieb gehen. Im Moment werden in diesen Zügen täglich Kundenumfragen durchgeführt, bei denen im Nachgang jetzt noch einmal die Bedürfnisse der Fahrgäste abgefragt werden. Ich habe auch schon mal mitgemacht.

Wie läuft das ab? Mit Papier oder Smartphone?

Mit Papier. Man bekommt einen fünfseitigen Bogen, auf dem Vorder- und Rückseite bedruckt sind. Darauf kreuzt man an, und kann auch selbst noch Notizen hinzufügen. Das finde ich grundsätzlich gut, denke aber, das man das auch hätte einfacher lösen können, mit weniger Fragen.

Was ist noch auffallend neu beim neuen ICE?
Das Bordgastronomie-Konzept wird derzeit umgestellt. Im ICE 4 gibt es erstmalig ein neu gestaltetes Bord-Bistro und ein überarbeitetes Bord-Restaurant. Insgesamt ist der neue Zug ein wirklicher Test-Zug, bei dem die Bahn viele neue Sachen einfach mal ausprobiert. Das aus Kundensicht Beste soll dann in den Serienzügen verbaut werden, und teilweise auch in den alten ICEs.

Was ist neu am Bord-Bistro?

Bislang bestand es in erster Linie aus einer Theke mit einem Steintisch. Die neue Variante ist jetzt offener gestaltet und sieht ein wenig aus wie der Tresen beim Bäcker. Hinter einer Glasscheibe liegen die Snacks.

Welche Verbindung muss man wählen, damit man ab München mal im neuen ICE sitzen kann?

Das sind die Zugpaare ICE 581/582 und ICE 786/787. Sowohl in München als auch in Hamburg steht ein ICE 1 quasi als „Backup“ bereit. Das ist auch der Grund dafür, dass man aktuell im ICE 4 trotz der verfügbaren Fahrradstellplätze noch keine Räder mitnehmen kann. Sollte nämlich aus irgendeinem Grund der „Backup-Zug“ verwendet werden, könnten die vorhandenen Räder nicht mitgenommen werden.

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Über den Autor

Ekki Kern

Ekki Kern ist Chefredakteur von Mobility Mag. Ausbildung zum Medienredakteur an der Berliner Axel Springer Akademie und bei der "Welt". Gerne unterwegs in Bahn, Bus und Auto, mag sein Rennrad und interessiert sich beruflich wie privat auch für Film, Fernsehen und Radio.

1 Kommentar

  • Was wirklich traurig ist, sind die Kleinkindabteile. Jetzt laufen alle Fahrgäste mitten durch und man kann die kleinen kaum noch auf dem Boden spielen lassen so wie früher. Wieso spielt die Bahn ihre Vorteile gegenüber dem Flugzeug nicht aus, sondern nähert sich ihm stattdessen immer weiter an?

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