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Der Kamelflüsterer – Ein Nomadenleben mitten in Texas

geschrieben von Marinela Potor

Kamelkarawanen in Texas? Das ist kein Scherz und auch kein Marketingtrick. Tatsächlich haben Kamele haben eine lange – unbekannte – Tradition in den Wüsten der USA. Der Texaner Doug Baum lässt diese mit seinen Kameltrecks wieder aufleben.

Wenn die US-Wüste uns keine Kamele bietet, müssen wir eben die Kamele in die USA bringen. So begann vor über 150 Jahren die Geschichte der amerikanischen Wüstenkamele. In dieser Zeit gab es noch keine Eisenbahn in den Vereinigten Staaten und der Westen des Landes war eine große Unbekannte, die es zu entdecken und erobern galt.

Auf Kamelen.

Und so gelangten im Jahr 1855 rund 30.000 afrikanische Kamele per Schiff in die USA, die vor allem Soldaten und Siedlern auf ihren Weg gen Westen brachten. 161 Jahre später ist diese Generation von Kamelen zwar ausgestorben, doch die nomadische Tradition lebt weiter. Und zwar in Form von Doug Baum. Der Texaner hat es sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht, die Wüsten des US-Westens weiterhin per Kamel zu bereiten.

Ein Stück US-Geschichte, das keiner kennt

Es begann alles im Jahr 1996, als er in einem Zoo zwei Kamele kaufte. „Ich war von diesen Tieren einfach fasziniert“, erzählt er Mobility Mag. „Sie sind einerseits komplett anders als alle anderen Haus- oder Farmtiere, die wir kennen. Andererseits sind sie handzahm und domestiziert.“

Baum las so ziemlich alles, was er an Informationen über Kamele finden konnte. „Irgendwann entdeckte ich ein Buch über die militärische Geschichte der Kamele in den USA. Das habe ich regelrecht verschlungen.“ So lernte Doug Baum die Geschichte der Kamele in den USA – zugegeben, ein Stück US-Historie, das selbst Einheimischen völlig unbekannt ist.

Grund genug für Doug Baum seinen Landsleuten, diese Episode ihrer Vergangenheit näher zu bringen. Mittlerweile hat er mit verschiedenen Schulen und Museen zusammen historische Erziehungsprogramme entwickelt, um Kindern die bewegte Geschichte des Kamels im US-Westen zu zeigen. Hin und wieder sind seine Kamele sogar in Filmen oder Werbespots zu sehen.

„Ich hatte keine Ahnung von Kamelen“

Doch seine wahre Leidenschaft ist die Arbeit in der Wüste mit den traditionellen Lasttieren. Für Touristen bietet er Kameltrecks an, ganz klassisch mit Lagerfeuer und Zeltübernachtung in der Wüste.

Wüstentreck in Texas (Bild: Doug Baum)

Zehn Kamele hat er derzeit auf seiner Farm in Texas. Mit diesen Tieren bietet er über Texas Camel Corps von April bis September Wüstentouren an. Mitreiten kann dabei fast jeder, der einigermaßen fit ist, Hitze gut aushalten kann und selbstverständlich bereit ist, mehrere Stunden auf einem Kamel zu reiten. Ganz billig ist die Erfahrung allerdings nicht. Für das Übernachtungspaket (inklusive Zelt und Mahlzeiten) verlangt Baum 1050 Dollar. Doch für Menschen, die in den USA leben und unbedingt mal auf einem Kamel durch die Wüste trecken möchten, ist dies dennoch billiger als nach Afrika oder Indien zu fliegen.

Doug Baum findet die Erfahrung dennoch sehr authentisch. Dafür hat er sich auch nach und nach traditionelle Kamel-Trainingsmethoden angeeignet. „Ich hatte ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung von Kameltraining, als ich die ersten Tiere gekauft habe. Das habe ich mir anfangs alles selbst beigebracht. Inzwischen reise ich auch selbst regelmäßig nach Afrika und Asien, um von den Nomaden dort, mehr über den Umgang mit Kamelen zu lernen.“

Von Kamelen über fremde Kulturen lernen

Wie bei allem was mit Kamelen zu tun hat, saugt Baum auch hier alles begierig auf, was ihm auf seinen Reisen zu den Tieren erklärt wird. Dabei ist Kamel natürlich auch nicht gleich Kamel. Es gibt beispielsweise über 51 Arten von Kamelen mit einem Höcker oder Dromedaren. Diese Leben in Nordafrika und Indien. Kamele mit zwei Höckern hingegen kommen in Zentralasien vor. In all diese Regionen reist Doug Baum regelmäßig und lebt auch vor Ort mit lokalen Familien. Mit jeder Reise, scheint er etwas Neues über seine Lieblingstiere zu entdecken.

Erg Chebbi Dünen in Marokko (Bild: Doug Baum)

So lernte er zum Beispiel, dass die Tuareg in Mali auf Kamelen immer noch weit vorne am Hals, wie auf Pferden reiten, da sie so ursprünglich ihre Feinde besser mit Speeren angreifen konnten. Er lernte auch, dass Kamele, je nach Region, unterschiedlich gesattelt werden. Er lernte, dass Kamele verschiedene Aufgaben haben können. In einigen Regionen, wie in Somalia, wird auf Kamelen nie geritten, sie werden nur bepackt. In anderen Ländern wiederum ist das Kamel ein reines Lasttier, in anderen nutzen Nomaden es auch als Milch- und Fleischquelle.

„Jeder hat ja einen anderen Zugang zu anderen Kulturen. Bei mir war es tatsächlich durch die Kamele, dass ich mich fremden Kulturen gegenüber geöffnet habe und zum Glück nicht nur sehr viel über Kamele, sondern auch sehr viel über andere Kulturen lernen konnte – und noch immer lerne.“

Mit Beduinen in Sinai (Bild: Doug Baum)

Er bietet deswegen seit einigen Jahren auch in diesen Regionen Touren für Touristengruppen an. Dabei ist ihm wichtig, dass seine Kunden vor allem eine Sache über Kamele lernen: „Kamele sind nicht stur! In vielen Filmen werden Kamele so dargestellt, aber das ist natürlich nur, um die Szene spannender zu gestalten. In Wirklichkeit sind Kamele die liebsten und treusten Tiere der Welt!“

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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