REISEN ZUKUNFT

Live EO: Dieses Start-up möchte die Bahn pünktlicher machen

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Ein Start-up möchte, dass Züge endlich pünktlicher werden. (Foto: Pixabay / Didgeman)
geschrieben von Gastautor

Wieso können Züge in Deutschland eigentlich nie pünktlich sein? Doch: Nicht immer ist die Bahn Schuld. Häufig sorgen etwa umgestürzte Bäume für Verspätungen. Das Start-up Live EO hat dafür eine Lösung entwickelt. Sie könnte dafür sorgen, dass Züge pünktlicher ankommen. Ein gutes Geschäftsmodell? Start-up-Experte Christoph Hausel es sich  einmal genauer angeschaut. 

Hand aufs Herz – wir haben uns wohl alle schon einmal über Zugverspätungen oder -ausfälle geärgert. Doch was viele möglicherweise nicht wissen, die Deutsche Bahn ist nicht immer Schuld.

Ein häufiger Grund für diese Verspätungen sind nämlich beispielsweise morsche Äste oder entwurzelte Bäume im Gleis. Gerade nach heftigen Stürmen kann das schnell passieren. Bis sie wieder freigeräumt werden, sind Strecken stunden- oder gar tagelang gesperrt. Naturgewalt hin, Deutsche Bahn her: In solchen Fällen ist der Frust bei den Reisenden groß.


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Kann man denn nicht irgendwas machen, um das besser in den Griff zu bekommen? Kann „man“ – beziehungsweise – kann Live EO.

Aktuelle Lösungen gleichen Sisyphusarbeit

Sven Przywarra und Daniel Seidel haben ihr Start-up nämlich genau dafür gegründet: um die Überwachung von kritischen Infrastruktur-Netzwerken wie Bahnstrecken, Stromleitungen oder Gas- und Öl-Pipelines zu erleichtern.

Denn der bisherige Ansatz ist sehr langwierig und nicht sehr effektiv. Aktuell begutachten Experten nämlich jedes Jahr die Vegetation entlang der Strecke und fällen bei Bedarf schwache oder abgestorbene Bäume. Bei einem Schienennetz von rund 33.400 Kilometern Länge gleicht das jedoch einer Sisyphusarbeit.

Genau das möchte Live EO besser und vor allem einfacher machen.

Gründer wollten in der Raumfahrt arbeiten

Die beiden Gründer lernten sich durch Zufall bei einem Event für Raumfahrt kennen. Schnell entstand der Wunsch nach einem gemeinsamen Projekt. Ursprünglich planten sie die Entwicklung von Hardware für den Einsatz im All.

Nachdem es allerdings schon einige Unternehmen mit diesem Fokus gab, stattdessen aber große Mengen an Satellitendaten noch kaum sinnvoll genutzt wurden, beschlossen die Gründer, eine Lösung zu entwickeln, die Infrastruktur-Netze überwachen kann.

2017 wurde Live EO schließlich in Berlin gegründet. Die GmbH besteht seit August 2018. Heute hat das junge Unternehmen bereits 22 Mitarbeiter. Dazu gehören beispielsweise Raumfahrt- und Wirtschaftsingenieure sowie Geo-Infomatiker.

Live EO finanzierte sich zunächst aus Gründerstipendien, Wagniskapital und diversen Preisgeldern. So wurden die Gründer unter anderem mit dem Copernicus Masters ausgezeichnet und belegten den ersten Platz im Mindbox-Förderprogramm der Deutschen Bahn.

Die Deutsche Bahn wurde schnell zu ihrem ersten Kunden. Der Hochspannungs-Netzbetreiber 50Hertz, die Eon-Tochter Edis und AEP als erster US-amerikanischer Netzbetreiber sind ebenfalls dabei.

Dieses Jahr investierte das Venture-Capital-Unternehmen „Dieter von Holtzbrinck Ventures“ laut Przywarra außerdem einen mittleren siebenstelligen Betrag.

Was genau macht also Live EO?

Über Satellitenbilder Gefahren erkennen

Die kommerzielle Lösung von Live EO ermöglicht es, Satellitenbilder zu analysieren und zu erkennen, an welchen Stellen Gefahren für die jeweiligen Netzwerke drohen. Dazu zählen die bereits erwähnten Bäume, die zu nah an den Trassen stehen, aber auch Erdrutsche oder Baustellen in der Nähe von Öl- und Gas-Pipelines.

Die Software der beiden Gründer wertet Satellitenbilder von Pipelines, Bahn- und Stromtrassen aus. Das Bildmaterial stammt dabei von kommerziellen Satelliten-Diensten wie Up42 oder Planet.com und vom öffentlichen europäischen Erdbeobachtungsprogramm Copernicus.

Satellitenbild, Live EO

Per Satellitenbild lassen sich Gefahrenzonen erkennen. (Foto: Screenshot / Twitter)

Die Rohdaten, die außer den sichtbaren Farben einer Fotografie auch ein Infrarotspektrum enthalten, durchlaufen einen Machine-Learning-Algorithmus, der jede noch so kleine Veränderung erkennt und eine Risiko-Analyse vornimmt. Auf diese Weise entsteht eine Landkarte, die rote, gelbe und grüne Trassenabschnitte zeigt.

Darauf aufbauend werden automatisiert Missionsprofile für Drohnen und Inspektions-Teams zur weiteren Datengewinnung und Beseitigung der Risiken erstellt.

Die Erfasssung der aktuellen Situation an den kritischen Punkten und die Zusammenführung der Daten erfolgt automatisch in der Cloud. Der Clou: Durch den selbstlernenden Algorithmus können Risiko-Modelle stetig verbessert werden.

Das Monitoring selbst wird über eine Information-as-a-Service-Plattform bereitgestellt. Über das Frontend können Manager und Entscheidungsträger das gesamte Netz im Auge behalten, Risiken besser einschätzen und den Einsatz von Personal koordinieren.

Das Personal im Feld kann über die dazugehörige App Routen besser planen und die Arbeit dokumentieren.

Methode von Live EO könnte Millionen sparen

Damit hat Live EO einen mühsamen Prozess deutlich beschleunigt und verbessert.

Denn Betreiber von Infrastruktur-Netzwerken stecken normalerweise viel Zeit und Geld in die Überwachung ihrer Netzwerke. In der Regel ist das ein fast ausschließlich manuell durchgeführter Prozess, der aus aufwendigen Begehungen, Befahrungen oder kostspieligen Überfliegungen besteht.

Live EO hat sich diesem Problem angenommen und ermöglicht nun ein effizientes, kostengünstiges und weltweites Monitoring – rein auf Basis von Satellitendaten.

Diese Lösung hilft damit nicht nur Strom- und Bahnnetzbetreibern, Vegetation zu erkennen, die eine Gefahr für das Netzwerk darstellen. Sie unterstützt zudem noch Arbeitsprozesse wie das Management der Mittelverteilung oder die Einsatzplanung der Arbeitskräfte im Feld.

Auch Pipeline-Betreiber in der Öl- und Gas-Branche können mit den Daten aus dem All potenzielle Schadensquellen und kritische Höhenveränderungen rechtzeitig erkennen – und das in zeitlich deutlich kürzeren Abständen als bisher.

Schätzungen gehen davon aus, dass anhand dieser Methode allein in Deutschland achtstellige Beträge jährlich eingespart werden können.

Was taugt das Geschäftsmodell?

Live EO ist natürlich nicht das einzige New-Space-Start-up. Capella Space aus den USA konzentriert sich ähnlich wie Live EO auf Infrastruktur-Monitoring und ist dabei, eigene Radar-Satelliten-Konstellationen im All zu installieren.

Ähnlich Iceye aus Finnland. Dieses Unternehmen hat sich ebenfalls auf die radargestützte Beobachtung spezialisiert und entwickelt eigene Konstellationen.

Laut den Gründern sind diese Firmen jedoch nicht unbedingt als Konkurrenz zu betrachten, da sie sich weniger am End-User orientieren, sondern lediglich Daten an Unternehmen verkaufen, die diese dann weiterverarbeiten.

Bei Live EO hingegen erhalten Kunden bereits eine umfassende Auswertung und dazugehörige Risiko-Prognosen.

Die Zukunftspläne von Live EO sind solide. Mittelfristig gesehen will Live EO Lösungen entwickeln, die in vielen Märkten Anwendung finden können. Dazu zählt beispielsweise die Forstwirtschaft. Gerade dort sind viele Mitarbeiter im Feld unterwegs.

Die Gründer haben sich außerdem zum Ziel gesetzt, jedes große Infrastruktur-Netzwerk weltweit überwachen zu können und Europas führendes Unternehmen für Erdobservation zu werden. Mit der Investition von Dieter von Holtzbrinck Ventures sollte Live EO hier auf einem guten Weg sein.

Alles Gute kommt von oben

Alles Gute kommt in diesem Fall wirklich von oben. Live EO hat mit seiner Software eine tolle Lösung entwickelt, die großes Zukunftspotenzial hat.

Wenn man bedenkt, dass es weltweit rund 20 Millionen Kilometer Schienen, Stromtrassen und Pipelines gibt, erleichtert Live EO es Netzbetreibern deutlich, Netzwerke effizient und kostengünstig zu überwachen und zu warten.

Und ich freue mich darüber, dass der nächste Zug pünktlich kommt.

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Über den Autor

Christoph Hausel, studierter Jurist und erfahrener Kommunikationsprofi, steht zahlreichen Acceleratoren / Inkubatoren und VCs als Mentor und Experte zur Seite: next media accelerator, initiiert von der dpa, MediaLab Bayern, Münchner Ideen-Inkubator für den digitalen Journalismus, Wayra, der Startup-Track von Telefónica und den STARTUP TEENS.

2002 gründete er die Kommunikationsagentur ELEMENT C. Damals als reine PR-Agentur konzipiert, fokussiert sich ELEMENT C seit 2005 auf die interdisziplinäre Verknüpfung von PR und Design, um ein langfristiges Markenbewusstsein zu schaffen.


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Über den Autor

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