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Meine kleine Welt: Über die Freiheit durch Minimalismus

Minimalismus
geschrieben von Tobias Gillen

Wie ihr ja mitbekommen habt, bin ich nicht der reisende digitale Nomade. Ich schätze meine Ortsunabhängigkeit eher im kleinen Stil, arbeite mal hier und mal dort und nur selten auch mal auf Reisen. Entsprechend ist mir eine Erkenntnis, die sicher jeden digitalen Nomaden einmal trifft, bis vor einigen Wochen verwährt geblieben: Die der Freiheit durch Minimalismus.

In der frühen Menschheitsgeschichte gab es keine Kühlschränke. Damals wurde gegessen, was gefangen wurde – und nicht, was noch von gestern übrig ist. Ich glaube, dass wir die heutigen Möglichkeiten des Aufhebens und Aufbewahrens entsprechend als etwas sehr positives ansehen. Alte Schuhe? Ach, kann man sicher irgendwann nochmal anziehen. Gelesene Bücher? Vielleicht schaue ich ja nochmal rein! T-Shirts, die man seit Jahren nicht mehr anhatte? Vielleicht nächstes Jahr! Also kommt alles ab in den Schrank. Wir horten, heben auf, sammeln. Dagegen ist per se auch nicht viel einzuwenden. Trotzdem möchte ich anregen, mal den anderen Weg auszuprobieren.

Eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent nicht brauchst.
Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg.
Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck. – Silbermond (Leichtes Gepäck)

Und der heißt Minimalismus. Minimalismus bedeutet das Fokussieren auf das Wesentliche. Wer minimalistisch lebt, denkt und arbeitet, konzentriert sich mehr auf das wirklich Wichtige und lässt eher die unwichtigen Dinge, Projekte und Gedanken los. Für mich hat die Idee eines minimalistischen Lebensstils trotz meiner wenigen Reisen in den vergangenen Wochen enorm an Reiz gewonnen. Mir ist klar geworden, dass ich viel zu viel Balast mit mir herumtrage, der mal greifbar und mal nur im Hinterkopf verhindert, dass ich mich frei(er) machen kann.

Minimalismus: Zuerst die großen Sachen loslassen

Fangen wir bei den großen Dingen an. Zum Beispiel einer Immobilie. In meinem Fall war es so, dass ich nach dem Zusammenzug mit meiner Freundin – dann zusammen mit ihr – zwei Wohnungen unterhalten habe. „Zum Tapetenwechsel“. Ha, ha. Effektiv waren wir nie in der zweiten, kleinen Wohnung in Köln. Und trotzdem haben wir sie behalten. Dort standen dann noch meine Möbel. Viele Klamotten. Kleinigkeiten. Aber auch große Dinge wie meine Waschmaschine. Wer soetwas – wie wir – nicht unbedingt braucht: Loslassen!

Du siehst dich um in deiner Wohnung, siehst ein Kabinett aus Sinnlosigkeiten.
Siehst das Ergebnis von Kaufen und Kaufen, von Dingen von denen man denkt,
man würde sie irgendwann brauchen. – Silbermond (Leichtes Gepäck)

Es ist so befreiend, nicht ständig im Hinterkopf zu haben, dass man ja noch eine Wohnung hat, Möbel und Zeugs besitzt. Aus acht großen Umzugskartons habe ich eine kleine Kiste mit den wirklich wichtigen Erinnerungen gemacht. Der Rest wurde verschenkt, gespendet, verkauft und weggeworfen. Gleiches gilt für andere Immobilientypen wie angemietete Lager- oder Büroräume, Garagen und Co. Wer es nicht wirklich braucht: Kündigen, abgeben, Geldbeutel und Nerven schonen.

Kleidung? Bücher? Staubfänger? Weg damit!

Beim Ausmisten der Umzugskartons habe ich erst den wahren Sinn und Zweck des Minimalismus verstanden. Wer ein Teil in der Hand hat und sich nicht daran erinnert, warum er es besitzt, kann wohl auch gut darauf verzichten. Das oben angesprochenen „Brauche ich bestimmt nochmal, ziehe ich bestimmt nochmal an, …“, ist einfach Unsinn. Wenn du es bist jetzt nicht getan hast, wirst du es auch nicht tun. Oder hast du in deinem Leben bisher etwas vermisst? Eben.

Nicht nur dein kleiner Hofstaat aus Plastik auch die Armee aus Schrott und Neurosen,
auf deiner Seele wächst immer mehr, hängt immer öfter Blutsaugend an deiner Kehle.
Wie geil die Vorstellung wär, das alles loszuwerden.
Alles auf einen Haufen, mit Brennpaste und Zunder. Und es lodert und brennt so schön.
Ein Feuer, in Kilometern noch zu sehen. – Silbermond (Leichtes Gepäck)

Bei Kleidung habe ich nur in „brauchbar“ und „nicht brauchbar“ unterschieden. Was noch gut war, wurde gespendet, alles andere ist auf den Müll gewandert. Bücher habe ich zunächst verschenkt. Alles was übrig geblieben ist, habe ich von Momox ankaufen lassen. Das bringt zwar nur einen Bruchteil des eigentlichen Wertes (manchmal hat man auch richtig Glück), aber es erspart den Stress, alle Bücher einzeln irgendwo zu verkaufen. Am Ende blieben 80 Euro für eine kleine Kiste voll Bücher. Und schon wieder eine Portion Balast weg.

Was tun mit Erinnerungen?

Ein Sonderfall sind die bekannten Erinnerungsstücke. Was macht man mit der Geburtstagskarte von Oma von vor vier Jahren? Oder mit dem Urlaubsmitbringsel (schöneres Wort für „Staubfänger“) aus Griechenland? Hier kommt eine Komponente ins Spiel, die wohl nur für geübte Minimalisten lösbar ist und für alle anderen – wie mich – eine Menge Überwindung bedeutet: Der emotionale Wert. Hierfür habe ich die kleine Kiste angelegt. Dort wurde alles verstaut, was ich nicht loslassen wollte. Und doch habe ich mich auch hier von einigen Sachen getrennt.

All der Dreck von gestern. All die Narben.
All die Rechnungen die viel zu lange offen rumlagen.
Lass sie los, wirf sie einfach weg.
Denn es reist sich besser, mit leichtem Gepäck. – Silbermond (Leichtes Gepäck)

Weiter geht es bei kleinen Dingen, zum Beispiel dem Wohnungsschlüssel: Warum trage ich so viele Schlüssel mit mir herum? Eingangstür, Wohnungstür, Briefkasten, Keller – und das gleiche für die zweite Wohnung nochmal. Dazu der Autoschlüssel und der Schlüssel von den Eltern. Schlüssel bedeuten Verantwortung (zum Beispiel die, die Schlüssel nicht zu verlieren). Die vier Schlüssel für die Zweitwohnung sind inzwischen weg, die Schlüssel von den Eltern, für den Briefkasten und den Keller liegen im Schlüsselkasten und werden nur bei Bedarf mitgenommen. So wurden aus 10 Schlüsseln drei: Eingang, Wohnung, Auto.

Der Kopf muss frei sein

Aller Minimalismus bringt aber nichts, wenn ich diverse Dinge, Ideen und Probleme im Hinterkopf mit mir herumtrage. Denn bei allem Wegschmeißen spielt natürlich auch der Kopf eine Rolle. Offene Diskussionen sollten geklärt werden, Ideen aufgeschrieben, To-Dos erledigt, Probleme angegangen, alte Domains gekündigt und unbeantwortete E-Mails abgearbeitet werden. Der Kopf muss frei für Neues werden, sonst funktioniert das alles nicht.

Und wer bei all dem Ausmisten noch den richtigen Soundtrack sucht – ihr erratet es schon an all den Zitaten zwischen meinem Text – dem sei doch „Leichtes Gepäck“ von Silbermond empfohlen. Besser kann man meine knapp 1.000 Worte hier nicht auf den Punkt bringen.

Wie handhabt ihr das? Versucht ihr ebenfalls, minimalistisch(er) zu leben? Habt ihr Tipps oder Erfahrungen dabei sammeln können? Verratet es uns gerne unten in den Kommentaren!


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Über den Autor

Tobias Gillen

Tobias Gillen ist Chefredakteur des Online-Magazins BASIC thinking. Als Geschäftsführer der BASIC thinking GmbH wirkt er zudem dort und bei Mobility Mag im Hintergrund.

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