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Faktencheck: Ist Musik beim Autofahren ein Sicherheitsrisiko?

Egal, ob Radio oder die eigene Playlist: Musik hören gehört für die meisten von uns beim Autofahren dazu. Doch welchen Effekt hat die Musik dabei eigentlich auf unsere Fahrweise? Verbessert sie unseren Fokus oder lenkt sie uns eher ab? Ein Faktencheck. 

Für die einen ist es Punk, für die anderen Rock-Klassiker der 1970er Jahre und für wieder andere Pop-Musik oder Schlager: Die Musik, die wir beim Autofahren am liebsten hören ist so vielfältig wie die Fahrer selbst.

Doch welchen Effekt hat der Auto-Soundtrack dabei auf dich? Lenkt er dich ab oder erhöht er deine Aufmerksamkeit? Und: Gibt es Unterschiede zwischen Musik-Genres und dem Fahrverhalten?


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Musik beeinflusst Körper und Geist

So viel ist klar: Musik beeinflusst uns. Zum Einen ist Musik ein bewusster Stimmungsverstärker oder -auslöser. Fröhliche Musik macht eher glücklich, melancholische Musik drückt die Stimmung. Zum anderens wirkt sich Musik aber auch unterbewusst auf unseren Körper aus.

Schnelle, aggressive Musik erhöht in der Regel den Herzschlag und lässt dich schneller atmen als langsamere Musik. Auch scheint ein Tempo, das im Bereich unserer Herzfrequenz (60 bis 80 Schläge pro Minute) liegt, uns zu beruhigen.

Die Vermutung liegt also nahe, dass Musik beim Autofahren auch unser Verhalten hinterm Steuer beeinflusst.

Aber wie?

Musik im Auto: Ablenkung oder Anregung?

Es gibt zwei Hypothesen: die Ablenkungshypothese und die Aufmerksamkeitshypothese. Die Ablenkungshypothese besagt, dass Musik für dein Gehirn eine Ablenkung ist. Ablenkung bedeutet, dass zwei Aufgaben um die gleichen kognitiven Fähigkeiten im Gehirn konkurrieren.

Nur: Wir Menschen sind furchtbare Multitasker. Und Ablenkungen beim Fahren führen meist unweigerlich dazu, dass die Aufmerksamkeit und in dem Fall die Fahrleistung abnimmt und somit das Sicherheitsrisiko steigt. Ablenkungen beim Fahren sind wiederum eine der häufigsten Unfallursachen.

Sollte Musik uns also vom Fahren ablenken, wäre sie ein Sicherheitsrisiko.

Dann gibt es aber noch die Aufmerksamkeitshypothese. Die wiederum besagt, dass Musik anregend wirkt.

So gibt es Studien, die gezeigt haben, dass Musik beim Autofahren Stress abbauen kann und auch das Gehirn wacher hält. Tatsächlich scheint es mit Musik im Auto sogar weniger Unfälle zu geben als ohne Musik im Auto (mit der Ausnahme von Fahranfängern).

Die große Frage, die Forscher daher haben, ist: Kann man irgendwie vorhersagen, welche Musik welche dieser zwei Wirkungen auf welchen Autofahrer hat?

Schlechte Musik ist besser als keine Musik im Auto

Um das herauszufinden, hat ein Team von Wissenschaftlern aus Groningen verschiedene Studienteilnehmer gebeten, persönliche Playlists zu erstellen und diese mit negativen und positiven Emotionen zu verbinden.

Mit dieser Musik ausgerüstet fuhren die Probanden schließlich jeweils acht Minuten lang Teststrecken ab, einmal mit der positiven Playliste im Hintergrund, einmal mit der negativen und einmal ganz ohne Musik.

Währenddessen beobachteten die Forscher das Fahrverhalten, den Herzschlag und die Atmung der Fahrer.

Dabei zeigte sich, dass die Autofahrer in der Regel langsamer fuhren, wenn sie positive Musik hörten, als wenn gar keine Musik lief. Tatsächlich schienen die Fahrer anhand des Herzschlags und der Atmung sogar unruhiger ohne Musik zu sein.

Das galt sogar dann, wenn negative Musik lief. Also: Selbst Musik, die die Autofahrer nicht mochten, wirkte beruhigender auf ihren Fahrstil als gar keine Musik zu hören.

Die Forscher vermuten, dass das daran liegt, dass viele Menschen Stille als Stressfaktor empfinden und daher sogar unangenehme Geräusche als angenehmer empfunden werden als gar keine Geräusche.

Besonders interessant ist auch, dass die Musik – egal welche – die Autofahrer nicht mehr vom Fahren ablenkte als Stille. Sobald die Straßenlage komplizierter wurde, passten die Fahrer ihr Verhalten entsprechend an und fuhren vorsichtiger. Sprich: Sie richteten ihre Aufmerksamkeit automatisch stärker auf die Straße als auf die Musik, sodass keine Aufmerksamkeitskonkurrenz entstand.

Daher schließen die Forscher, dass Musik beim Autofahren sogar gesundheitliche Vorteile haben könnte.

Gleichzeitig geben die Wissenschaftler auch zu, dass die gespielte Musik insgesamt wenig anregend war. Vereinfacht gesagt: Hätten die Wissenschaftler statt netter Dudelmusik in Hintergrundlautstärke anspruchsvolle Opernarien oder dröhnenden Metal gespielt, hätte das Ergebnis vermutlich anders ausgesehen.

Zusammenfassend lässt sich also nach dieser Studie sagen: Musik im Auto beeinflusst das Fahrverhalten nicht negativ und kann sogar stressmindernd auf den Fahrer wirken, vorausgesetzt die Musik spielt eher im Hintergrund und beeinflusst den Fahrer nicht stark emotional.

Deine Persönlichkeit spielt eine große Rolle

Doch es ist nicht nur die Art der Musik, die einen Einfluss auf den Fahrstil hat. Auch die Persönlichkeit des Autofahrers spielt mit hinein. So hat ein Team von chinesischen Forschern untersucht, ob emotionale Menschen beispielsweise stärker von Musik beeinflusst werden als melancholische oder phlegmatische Menschen.

Sie stellten fest: Menschen, die ohnehin ein ruhiges Gemüt haben, bringt auch aggressive Musik nicht aus der Ruhe. Choleriker wiederum sollten dagegen wohl lieber die Finger von Punk-Rock beim Autofahren lassen.

Doch generelle Aussagen wie: Heavy Metal macht aggressiv beim Fahren und Lounge-Musik entspannt, scheinen zu stark vereinfacht.

Die Persönlichkeit des Fahrers und der individuelle Musikgeschmack scheinen genauso mit hineinzuspielen wie die Musikrichtung oder die Intensität der Musik.

Das Fazit? Es ist sehr schwierig ist, die perfekte Musikmischung fürs sichere Autofahren zu finden.

Die perfekte Playlist? Dafür gibt es jetzt einen Algorithmus!

Und genau darum gibt es mittlerweile Algorithmen, die genau das leisten können.

So hat beispielsweise die Düsseldorfer Agentur TRO in Zusammenarbeit mit Amazon Music jetzt einen Algorithmus entwickelt, mit dem eine Playlist für entspanntes Autofahren entstanden ist.

Dazu gehören Songs wie „Moon Rising“ von Jadu Heart, „Vetiver“ von Nick Mulvey oder „That Home“ von The Cinematic Orchestra.

Noch ist die Technologie nicht so intelligent, um die Playlisten perfekt an den einzelnen Autofahrer anzupassen. Doch das ist vermutlich nur eine Frage der Zeit.

Spätestens, wenn du im smarten Auto der Zukunft sitzt, das ohnehin deinen Atem, deinen Augenschlag sowie deine Herzfrequenz misst, wird es für intelligente Musikanlagen kein Problem sein, die Playliste perfekt an deine Stimmung anzupassen und so stets die „sicherste“ Musik zu spielen.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitätstrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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