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Simplify your digital life: Lerne, nein zu sagen!

geschrieben von Marinela Potor

Vor etwa 30 Jahren beherrschte ich die Kunst des Neinsagens zur Perfektion: „Nein, ich mag die Hose nicht anziehen!“, „Nein, ich will keinen Mittagsschlaf machen!“, „Nein, ich will jetzt nicht zur Oma fahren!“ Ich wusste immer genau, was ich wollte und was mir in dem Moment gut tat. Was meine Eltern damals sicherlich zur Weißglut getrieben hat, ist eine Eigenschaft, die mir irgendwo zwischen Kindergarten und Freiberuflerdasein völlig abhanden gekommen ist – und die wir als digitale Nomaden ganz dringend wieder lernen müssen.

Das Dilemma der Jasager

Ich bin sicherlich nicht die einzige Freiberuflerin oder digitale Nomadin, der es so geht. Wie oft habt ihr Aufträge angenommen, obwohl ihr eigentlich keine Zeit dazu hattet? Wie oft habt ihr Projekten zugesagt, die euch weder Spaß gemacht, noch beruflich weiter gebracht haben? Wie oft habt ihr „ja“ zu Kunden gesagt, obwohl die Bezahlung unter eurer absoluten Untergrenze lag? Wer sich wie die meisten digitalen Nomaden selbständig macht, egal ob als Freelancer oder mit einem eigenen Business, kennt dieses Dilemma. Und es ist ja durchaus nachvollziehbar! Es gibt keine Einkommenssicherheit. Wer weiß, ob wir nächsten Monat überhaupt noch Kunden haben. Und von irgendwas muss man ja schließlich seine nächtlichen Pizza-Orgien leckeren Salate bezahlen. Doch so widersprüchlich es auch klingen mag, der Weg zum erfolgreichen digitalen Nomaden liegt in der Fähigkeit, an entscheidender Stelle „nein“ sagen zu können. Ich behaupte sogar, der Unterschied zwischen einem erfolgreichen digitalen Nomaden und einem, der nur so vor sich hin dümpelt, ist die Kunst des Neinsagens. Damit meine ich natürlich nicht wahlloses Ablehnen von Allem und Jedem, sondern ganz bewusstes Neinsagen.

Nein zu niedrigen Preisen

Das erste „Nein“ sollte den niedrigen Preisen gelten. Zu viele digitale Nomaden verkaufen sich unter Wert. Natürlich, wenn ihr wirklich kein Geld mehr habt, um euch ein Brötchen zu kaufen, dann ist ganz klar, dass ihr jeden Auftrag erstmal annehmt. Auch wenn ihr noch keine Erfahrung habt, seid ihr wahrscheinlich versucht, euren Stundensatz sehr niedrig anzusetzen. Ein oder zwei Mal ist das in Ordnung, doch genau hier liegt auf Dauer eine große Gefahr: Je öfter ihr Aufträge annehmt, die für euch nicht lukrativ sind, umso schlechter werdet ihr zukünftig finanziell dastehen. Warum? Weil eure Kunden sich daran gewöhnt haben, dass ihr Minimalpreise verlangt und auch weil ihr durch dauerhaft niedrige Preise von Kunden, die euch mehr zahlen würden, gar nicht erst wahrgenommen (oder schlimmer: nicht ernst genommen) werdet.

Bevor ihr also zu allen Preisangeboten direkt „ja“ sagt, denkt kurz nach! In welcher Preisklasse wollt ihr euch positionieren? Welchen Kundenstamm strebt ihr an? Ich vermute mal, dass euer Ziel nicht der Niedriglohnsektor ist. Genau! Warum solltet ihr also eure hochwertigen Dienste zu Spottpreisen verkaufen? Je mehr Niedriglohnaufträge ihr annehmt, umso weniger Zeit und Energie habt ihr für die wirklich interessanten und lohnenswerten Projekte. Wenn ein Kunde euch ein niedriges Angebot macht, habt den Mut, es abzulehnen. Erklärt genau, warum eure Leistung mehr wert ist und wie ihr euch von der Masse abhebt. Wenn es nicht dieser Kunde ist, der euren Wert erkennt, dann der nächste oder übernächste. Außerdem hält euch natürlich auch nichts davon ab, selbst Marktrecherche zu betreiben, und den Kunden, die euch zusagen, interessante Vorschläge zu schicken. Wer als digitaler Nomade lernt, die niedrigen Preise abzulehnen, wird am Ende mit viel lukrativeren Jobs belohnt.

Nein zu Projekten, die euch nicht weiterbringen

Es gibt für digitale Nomaden nicht nur eine Preisfalle, sondern auch eine Projektfalle. Stellt euch vor, ihr möchtet euch als Onlinecoach für Startups eine Karriere aufbauen. Da kommt ein Angebot von einem Kunden herein, der euch für sein Social Media Marketing gewinnen möchte. Die Bezahlung ist okay, zeitlich ist es kein Problem – und dennoch solltet ihr hier „nein“ sagen. Es ist immer leicht, zu dem „ja“ zu sagen, was einem direkt serviert wird. Es klingt doch so viel einfacher, zum 297. Mal einem Unternehmen beim Social Media Marketing zu helfen, als ins kalte Wasser als selbständiger Onlinecoach zu springen. Nur: So kommt ihr beruflich nie weiter. Habt den Mut, Projekte, die euch weder beruflich noch persönlich weiterbringen, abzulehnen. Schaut euch jeden Auftrag, jeden Kunden ganz genau an und überlegt: Was kann ich durch diesen Auftrag lernen? Wie steigert dies meine Kompetenzen? Welche Fähigkeiten, die ich weiterentwickeln möchte, kann ich hier einbringen? Welche Vorteile bringt mir dies für zukünftige Projekte? Wenn die Antwort ist, dass ihr mit einem Auftrag nur weiter auf der Stelle tretet, solltet ihr ihn besser ablehnen.

Nein zu Freundschaftsangeboten

Das ist eine ganz trickreiche Kategorie und ich kann von mir nicht unbedingt behaupten, dass ich das Neinsagen hier immer so konsequent durchziehe, wie ich es sollte. Bekannte fragen mich ständig, ob ich ihnen „mal eben“ ihren Lebenslauf übersetzen kann oder, ob ich nicht Zeit habe, ihre Doktorarbeit „schnell“ Korrektur zu lesen. Bei sehr engen und lieben Freunden mache ich das gerne, doch für den Rest musste ich lernen, „nein“ zu sagen. Übersetzungen sind nie „mal eben“ erledigt. Ich brauche Stunden für eine gute Übersetzung. Auch das Korrekturlesen ist etwas, das viel Zeit in Anspruch nimmt und nicht „schnell“ beim Warten auf den Bus erledigt werden kann.

Meine Devise ist: Wenn es eine Dienstleistung ist, für die ich normalerweise bezahlt werde, bekommen auch Bekannte nichts geschenkt. Ich bekomme schließlich auch nicht ständig Gratis-Essen, nur weil mein Freund in einem Restaurant kellnert. Ob ihr euren Freunden und Bekannten einen Freundschaftspreis anbieten wollt, bleibt euch überlassen – doch bietet eure Dienste nie gratis an. Hier muss man nicht unhöflich oder pampig werden, sondern oft reicht es, wenn man seinen Bekannten erklärt, wie viel Arbeit in ein Projekt gesteckt wird und dass man dies leider nicht umsonst machen kann. Entweder, eure Freunde verstehen das und lernen damit eure Arbeit zu schätzen oder sie sehen es nicht ein – dann habt ihr aber zumindest eine Person weniger, die euch um kostenlose Dienste bittet.

Neinsagen ist für mich nach wie vor eine der schwierigsten Herausforderungen in meinem Leben als Freelancer und als digitale Nomadin. Doch jedes Mal, wenn ich es schaffe, mich an meine eigenen Ratschläge zu halten, werde ich durch spannende Projekte und gut zahlende Aufträge belohnt.


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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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