Bahn im Fokus Transport

Wenn der Notarzt zum Gleis kommen muss

Tim Grams im Stellwerk (Bild: privat)
Tim Grams im Stellwerk (Bild: privat)
geschrieben von Ekki Kern

Im Netz ist er als „Der bloggende Bahner“ bekannt. Nach seiner Ausbildung zum Fahrdienstleiter arbeitet Tim Grams mittlerweile im Social-Media-Team des Personenverkehrs der Deutschen Bahn. Im Interview erzählt er Mobility Mag alle 14 Tage Spannendes aus der Bahn-Welt. Heute: Notarzteinsatz am Gleis.

Mobility Mag: Neulich hieß es im Zug, dass ein „Notarzteinsatz am Gleis“ stattfindet und sich die Fahrt deswegen „auf unbestimmte Zeit verzögert“. Welche Rolle spielt der Fahrdienstleiter in solch einer Situation?

Tim Grams: Als Fahrdienstleiter erhält man zuerst einen Notruf vom betroffenen Lokführer, der dann ganz genau durchgibt, wo er mit seinem Zug steht, was passiert ist und was gemacht werden muss. In der Regel geht es dann natürlich darum, alle Züge, die auf der betroffenen Strecke fahren, schnellstmöglich anzuhalten.

Was genau geht da vor sich?

Der Fahrdienstleiter kümmert sich um alle Signale, die auf die Stelle, an denen der Unfall passiert ist, zuführen und stellt sie auf Halt. Anschließend ruft er die sogenannte Notfallleitstelle an und meldet die aktuelle Situation. Diese setzt sich dann mit Polizei, Feuerwehr und dem Notfallmanager der Bahn in Verbindung. Sofern es möglich ist, hält der Fahrdienstleiter dann noch einmal Rücksprache mit dem Lokführer. In schlimmeren Fällen steht dieser unter Schock. Wenn es sich um einen Suizid handelt, wird die Strecke dann natürlich gesperrt. In Absprache mit Feuerwehr und Polizei gibt der Notfallmanager den Abschnitt dann zu gegebener Zeit wieder frei.

Was genau ist die Notfallleitstelle?

Die ist im Bahn-Konzern angesiedelt und die Schnittstelle zwischen Fahrdienstleiter und Feuerwehr, Polizei, Notfallmanager sowie anderen Rettunngskräften wie THW.

Die Leitstelle ist nur intern erreichbar?

Genau. Neben dem Fahrdienstleiter können sie aber auch andere Mitarbeiter der Bahn erreichen.

Wer ist der Notfallmanager? Gibt es da alle 50 Kilometer einen Zuständigen? Oder wie muss man sich das vorstellen?

Man kann als Bahn-Mitarbeiter eine Weiterbildung zum Notfallmanager absolvieren. In der Regel sind Bezirksleiter die Notfallmanager. Bereitsschaftspläne legen fest, wer im Fall eines Notfalls zuständig ist. Dieser Notfallmanager hat in der Regel ein Auto mit Blaulicht auf dem Dach, das in speziellen Situationen natürlich auch genutzt werden darf.

Hast du während deiner Zeit als Fahrdienstleiter solche Notfallsituationen erlebt?

An einen kann ich mich noch genau erinnern. Das war am 24.12.2014 um 14:02 Uhr, also an Heiligabend. Das war mein erster Notfall. Und eine Erfahrung, die mich im ersten Moment geschockt hat. Nicht, weil es eine Situation gewesen wäre, die ich nicht kannte, sondern weil ich durch den Notruf vom Lokführer gehört habe, dass bei ihm gerade etwas ganz, ganz Schlimmes passiert ist. Allein durch den Ton und durch die Aufregung, die in diesem Notruf herüberkam, habe ich gemerkt, dass dort etwas passiert sein muss, was man sich gar nicht vorstellen kann. Natürlich muss man in solch einer Situation versuchen „cool zu bleiben“, auch wenn sich das an dieser Stelle vielleicht komisch anhört. Meine Aufgabe war es zunächst, mir genau anzuhören, was passiert ist – und diese Informationen dann korrekt weiterzuleiten und nach der Richtlinie zu handeln, was ich in meiner Ausbildung natürlich gelernt hatte.

Vielen Dank fürs Gespräch, Tim.

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Über den Autor

Ekki Kern

Ekki Kern ist Chefredakteur von Mobility Mag. Ausbildung zum Medienredakteur an der Berliner Axel Springer Akademie und bei der "Welt". Gerne unterwegs in Bahn, Bus und Auto, mag sein Rennrad und interessiert sich beruflich wie privat auch für Film, Fernsehen und Radio.

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