Transport

Was hat der ÖPNV in Wien, was andere nicht haben?

Wien Hauptbahnhof
geschrieben von Niki Schmölz

Die österreichische Hauptstadt Wien hat rund 1,9 Millionen Einwohner und gilt in Sachen „öffentlicher Verkehr“ als eine der führenden Städte weltweit. Bus, U-Bahn und Straßenbahn bringen in Wien jeden Tag 2,6 Millionen Menschen ans Ziel. Doch warum sind in Wien die Öffis so beliebt und wie sieht die Zukunft des Verkehrs in der lebenswertesten Stadt der Welt aus? Eisenbahnblogger und Wiener Niki Schmölz hat sich dazu mal Gedanken gemacht.

Wien gilt als ÖPNV-Hauptstadt der Welt. Das kommt nicht von ungefähr. Anders als die meisten Städte setzt Wien darauf, Autofahren so unattraktiv wie möglich und das Nutzen der öffentlichen Verkehrsmittel so einfach es nur geht zu machen.

Die Wiener Linien: Erste Adresse für Mobilität

Wenn wir über den ÖPNV in Wien sprechen wollen, kommen wir um die Wiener Linien nicht herum. Die Wiener Linien sind der Verkehrsbetrieb in Wien und laut eigenen Angaben die erste Adresse für Mobilität in der Millionenstadt. Sie bauen und betreiben das Netz von U-Bahn, Bus und Straßenbahn.

Die Wiener Linien sind ein Tochterunternehmen der Wiener Stadtwerke GmbH, somit ist die Stadt Wien Eigentümer und bezuschusst den Betrieb um bestmöglichen Service zu sozial verträglichen Preisen anbieten zu können. Mit über 8700 Mitarbeitern sind sie der größte Arbeitgeber der Stadt.

Aber im Wiener Verkehr spielen auch die S-Bahn und Regionalzüge der Österreichischen Bundesbahnen eine ganz wichtige Rolle. Diese verbinden nämlich das Wiener Umland schnell mit Bahnhöfen, Öffi-Knotenpunkten und zentralen Punkten in der Stadt.

„Wir haben die Autofahrer genervt“

Die Verkehrspolitik in den meisten Städten und Ländern sieht so aus: „Wenn Stau ist, bauen wir Straßen, bei Parkplatznot mehr Stellplätze.“ Wien hat vor Jahren schon einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Dies erklärt Hermann Knoflacher, ehemaliger Verkehrs- und Stadtplaner in Wien, Professor an der TU Wien mit den Lehrschwerpunkten Raum- und Verkehrsplanung. Prof. Knoflacher ist Vorsitzender des Fahrgastbeirates der Wiener Linien und gab dem Spiegel Anfang dieses Jahres ein Interview, in dem der folgende Kernsatz fiel:

Wir haben die Autofahrer genervt. Wir haben Straßen verengt und systematisch Stau erzeugt.

An Straßenbahnhaltestellen seien Gehsteige bis zu den Ausstiegen vorgezogen worden, sodass die Autofahrer warten müssten, bis das Ein- und Aussteigen beendet sei und sie um die Verkehrshalbinsel „herumkurven“ müssten.

Man habe bewusst Stau erzeugt, um den Autoverkehr unattraktiv zu machen und die Leute auf den öffentlichen Verkehr zu verlagern. Knoflacher räumt aber auch ein, dass es ganz essenziell war, wirkliche Alternativen zu schaffen. Man kann nicht einfach nur das Auto unattraktiv machen, ohne den ÖPNV auszubauen.

Ein weiteres Beispiel für diese spezielle Art der Wiener Verkehrspolitik kann man bei der Errichtung eines komplett neuen Stadtteils erkennen, nämlich der Seestadt Aspern am Rande von Wien.

Bevor die Baustellen so richtig Fahrt aufgenommen hatten, war die U-Bahn bereits bis dorthin verlängert und man konnte ohne Umstieg die Innenstadt erreichen. In Wien kann man sich mit nur einem Euro pro Tag mit Bus, Straßenbahn, U-Bahn, der S-Bahn sowie allen Regional- und Fernzügen im Stadtgebiet frei bewegen.

Darüber hinaus gibt es auch die Privatbahn „Westbahn“. Prinzipiell ist auch dieses System sehr gut und günstig. Deshalb ist es schade, dass die private Westbahn nicht in das System des öffentlichen Verkehrsverbundes integriert ist, obwohl sie auch in Wien an vielen Bahnhöfen hält.

ÖPNV in Wien – ein 24/7-Konzept

Ein weiteres Konzept in Wien ist, dass man sich auf die Öffis immer und rund um die Uhr verlassen kann. So gibt es zum Beispiel in der Nacht ein Netz aus Anruf-Sammel-Taxis und sogenannten Nightlines. Das sind Buslinien die Straßenbahn, Bus und U-Bahn ersetzen. Vor Feiertagen und an Wochenenden fährt die U-Bahn die ganze Nacht hindurch.

Zu Silvester sind ebenfalls alle Öffis die ganze Nacht unterwegs, um allen Nachtschwärmern ein sicheres Heimkommen zu garantieren.

Gerade deshalb sind die Öffis in Wien auch sehr beliebt und freuen sich steigender Nachfrage. Gab es im Jahr 2005 nur 303.000 Jahreskarten im Umlauf, waren es 2016 schon 733.000.

Seit 2015 gibt es mehr Öffi-Fahrer als zugelassene PKW, somit führt beim Modal Split der ÖPNV deutlich mit 39 %, wobei das Auto bei 27 % steht.

Wien wächst, kann der ÖPNV künftig mithalten?

Durch steigende Nachfrage platzen die Öffis aus allen Nähten. Während der Rushhour macht die Fahrt mit Bus und Bahn nur noch begrenzt Spaß. Deshalb investieren die Wiener Linien und die Stadt Wien kräftig.

Auf stark frequentierten Buslinien will man schrittweise mehr XL-Busse einsetzen, die 20% mehr Platz bieten als normale Gelenkbusse. Auch eine neue U-Bahn-Linie, die U5, wird gebaut. Sie soll bestehende U-Bahn- und Buslinien entlasten und wieder für Komfort und Wohlbefinden im öffentlichen Verkehr sorgen.

Auch die Verlängerung bestehender Linien ist in Arbeit, um dem Stadtrand bessere Erreichbarkeiten zu geben. Die U5 wird übrigens die erste komplett autonom fahrende U-Bahn-Linie in Wien.

Auf der Straße geht es ebenfalls um Automatisierung. Im Stadtteil Seestadt Aspern will man selbstfahrende Minibusse einsetzen. Zurzeit befindet man sich noch in der Testphase, aber die ersten Busse wurden bereits angeschafft.

Wiens Bevölkerung wächst und die Stadt dehnt sich auch flächenmäßig immer weiter aus. Die Herausforderungen an die Wiener Verkehrs- und Stadtplanung sind groß. Es geht nicht nur darum, den Titel der lebenswertesten Stadt der Welt zu verteidigen, sondern den Wienerinnen und Wienern weiterhin zuverlässige Mobilität zu garantieren.

Außerdem geht es in meinen Augen auch darum, den motorisierten Individualverkehr aus der Kernstadt zu verbannen und mehr Wohn- und Lebensraum zu schaffen. Öffentlicher Verkehr ist zudem auch eine Antwort auf Klima- sowie Umweltprobleme und ist ein wesentlicher Pfeiler für eine bessere Luft und mehr Platz in der Stadt.

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Über den Autor

Niki Schmölz

Niki Schmölz ist Gründer von Eisenbahn.blog, wo er über die Bahn, den öffentlichen Verkehr in Österreich sowie über die #ZukunftBahn in Europa schreibt.

Niki studiert an der Technsichen Universität Wien Raumplanung und Raumordnung, beschäftigt sich dort neben Stadtplanung auch mit Infrastruktur- und Verkehrsplanung sowie mit Mobilität.

Er ist am liebsten mit der Bahn unterwegs, hat kein eigenes Auto und findet sich in letzter Zeit immer öfter im Fitnessstudio wieder - on the rails to #shreddedbahner ;)

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