Mobile Living

Digitale Nomaden und der Ponyhof-Mythos

geschrieben von Marinela Potor

Das Leben der digitalen Nomaden ist immer „happy“, immer „chillig“ und immer „geil“. Richtig? Falsch! Wer mit solchen Idealvorstellungen in ein ortsunabhängiges Leben startet, wird eher früher als später bitter enttäuscht werden. Denn das Leben als wandernder Webworker hat auch verdammt viele Nachteile.

Das Leben der digitalen Nomaden ist kein Ponyhof

Ich muss euch ja nicht mehr sagen, wie glücklich ich mit meinem Leben bin. Es ist ein Weg, den ich mir selbst geebnet habe, und der mich zu 100 Prozent erfüllt. Dennoch gibt es natürlich auch im meinem Alltag Schattenseiten. Wie bei allem im Leben hat auch der Lifestyle der digitalen Nomaden viele Nachteile. Die meisten von uns wissen das natürlich und haben diesen Pfad ganz bewusst, trotz aller Probleme und Widrigkeiten gewählt, eben weil für uns die Vorteile eines selbstbestimmten Lebens einfach überwiegen.

Trotzdem wird meiner Meinung nach nicht sehr oft von den Schattenseiten unseres Lebens gesprochen. Entweder weil es für die Psyche besser ist, sich auf das Positive zu konzentrieren oder weil es auch vorteilhafter ist, ein bestimmtes Image der immerglücklichen digitalen Nomaden zu verkaufen. Dennoch sollte allen Möchtegern-Nomaden absolut klar sein: Das Leben auf digitaler Achse ist kein Ponyhof – zumindest nicht für mich!

Marinela nach Hause telefonieren

Heimweh ist eins der Dinge, die mich auf Reisen am meisten belasten. Damit ist gar nicht unbedingt Heimweh nach Deutschland gemeint, sondern eher die Sehnsucht nach einem Ort, wo meine Familie und Freunde alle an einem Fleck sind. Das ist natürlich bei einer Familie, die auf zwei Kontinenten verstreut ist, und bei Freunden, die an jedem denkbaren Fleck dieser Welt sind ein absolut unrealistischer Wunsch.

Dennoch vermisse ich ganz oft meine Eltern, ich vermisse meine Mädels in Deutschland, ich vermisse meine Freunde in Chile, ich vermisse das Leben in den USA. Das Problem dabei ist: Je mehr ich reise, umso mehr liebe Menschen und faszinierende Orte lerne ich kennen, die ich dann irgendwann vermisse. Das ist eine der schönsten aber auch der schwierigsten Facetten am digitalen Nomadendasein.

Das Los der Einsamkeit

Das Leben als digitaler Nomade kann auch ganz schön einsam sein. Viele von uns verbringen zu viele Stunden vorm Laptop und viel zu wenig Zeit mit anderen Menschen. Unsere Arbeit ist oft unser Leben, gerade in intensiven Arbeitsphasen. Wenn man dabei noch alleine unterwegs ist, und nicht wie ich das Glück hat einen Partner um sich zu haben, dann ist es sicher noch einsamer.

Zu viel Arbeit, zu wenig Schlaf

Ein Punkt, den ich immer und immer wieder betone, weil es vielen nicht so klar zu sein scheint: Digitale Nomaden arbeiten viel. Verdammt. Viel. Egal ob als Freelancer, Buchautoren oder Blogger – jeder, der sich seinen Lebensunterhalt ohne ein festes Gehalt verdient, steckt mehr Arbeitsstunden rein als ein Angestellter. In meinen heißen Arbeitsphasen sitze ich gut und gerne mal 12 bis 14 Stunden vorm Laptop und schreib mir die Finger wund. Spaß ist was anderes.

Das einzig Sichere ist die Unsicherheit

Damit sind wir auch schon direkt beim nächsten großen Nachteil unseres Lebensstils: Unser Einkommen ist nie sicher, von der Rente mal ganz abgesehen. Unsicherheit ist ein großer Teil unseres Alltags. Wir wissen nicht, welche Einträge nächsten Monat hereinkommen. Wir haben keine Ahnung, ob unser Produkt sich auch noch nach der ersten Woche verkauft. Wir können nie absehen, ob wir in drei Monaten ein finanzielles Polster haben werden. Das ständige Leben in Unsicherheit, vor allem finanzieller Art, ist einfach stressig – und das nicht nur für digitale Nomaden!

Routine? Fehlanzeige!

Webworker haben keine Routine. Sie stehen nicht um 6 Uhr morgens auf und haben um 17 Uhr Feierabend. In meinem Fall kommt noch dazu, dass mein Freund US-Amerikaner ist und ich eben Deutsche, was es für uns schwieriger macht, für einen langen Zeitraum an einem Ort zu bleiben. So ist mein ständiger Ortswechsel auch ein Zwang.

Während das im Regellfall etwas ist, was die meisten von uns lieben, kann es auch seine Nachteile haben, wenn es keine Normalität gibt. Wir alle brauchen Rituale und Stabilität, um in einen Rhythmus zu kommen. Sei es zum Arbeiten oder auch zum Entspannen. Wenn sich alles ständig ändert, kehrt auch nie Ruhe ein. Es ist sowohl viel schwieriger konzentriert zu arbeiten als auch seine Ruhephasen zu finden, wenn es keine Routine gibt.

Stress hoch drei

Neben der Instabilität, gibt es in meinem Leben vor allem drei Stressfaktoren: bürokratischen Stress, technischen Stress und sozialen Stress.

Mit dem Bürokratiestress meine ich alle legalen Feinheiten, die mit unserem Lebensstil einher kommen: Visa, Wohnsitzmeldung, Bankgeschäfte, Versicherungen. Während das schon in einem sesshaften Alltag keine Themen sind, die die meisten Menschen einen Freudentanz aufführen lassen, sind diese Punkte für Ortsunabhängige ungleich komplizierter. Oft gibt es keine klaren Regelungen oder man muss ewig lange recherchieren und nachfragen, bis man herausfindet, welcher Fall nun gilt und welchen langwierigen, bürokratischen Weg man gehen muss, damit nun alles Rechtens ist.

Der technische Stress ergibt sich aus unserer Abhängigket vom Internet. Wenn es mal nicht funktioniert, sind wir aufgeschmissen. Internet-Pannen sind daher für mich einer der größten Stressfaktoren. Wenn ich reise, muss ich mich vorher immer über die Internet-Situation informieren. Und dann passiert es IMMER irgendwo, dass das Internet dennoch ausfällt, der Strom weg ist, das Handy keinen Empfang hat oder das Hostel-WLAN nur im 2 Meter Radius um die Rezeption herum funktioniert, sodass man bis zwei Uhr morgens im Neonlicht mit seinem Laptop auf einem unbequemen Stuhl sitzen muss.

Hin und wieder kommt dann noch der soziale Stress hinzu. Damit meine ich die vielen Fragen, Vorwürfe und Erwartungen, die vor allem sesshafte Menschen an uns haben. Normalerweise perlt das an mir ab, aber manchmal (vor allem nach einer durchgearbeiteten Nacht im Neonlicht) kommen auch mir Zweifel an meinem Lebensstil auf und ich stelle alles infrage. Haben die Kritiker nicht doch Recht? Was mache ich eigentlich hier an diesem gottverdammten Ort? Sollte ich mir nicht doch ein Häuschen kaufen und bald Kinder bekommen? Und was ist eigentlich mit meiner Rente, wenn ich in 30 Jahren wegen eines Hüftschadens nicht mehr in unbequemen Plastikstühlen die Nacht durchmachen kann?

Der Hoffnungsschimmer

Keine Frage, das Leben als digitaler Nomade hat viele Nachteile. Doch wenn ihr beim Lesen jetzt total depressiv oder hoffnungslos geworden seid – keine Sorge! Digitale Nomaden wären nicht digitale Nomaden, wenn sie nicht wüssten, wie sie mit diesen Problemen umgehen könnten. Wer das nicht kann, für den ist dieser Lebensstil auch nichts!

Wie wir also trotz all dieser Schattenseiten dennoch positiv und glücklich bleiben? Fortsetzung folgt!


Vernetze dich mit uns!

Like uns auf Facebook oder folge uns bei Twitter


Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

4 Kommentare

Kommentieren