Transport

Macht Reisen süchtig?

geschrieben von Sonia Jaeger

Reisen macht süchtig! Diesen Satz kennen wir wohl alle und gerade Langzeitreisende würden ihn vermutlich auch sofort unterschreiben. Denn je mehr neue Länder, Kulturen und Menschen wir kennenlernen, desto länger wird auch die Liste neuer Orte, an die wir gerne reisen möchten. Das Fernweh ist dabei oft größer als das Heimweh und stellt sich selbst dann ein, wenn wir gerade im Paradies sind. Wer viel reist, will in der Regel noch mehr reisen. Immer mehr. Macht Reisen also tatsächlich süchtig?

Was ist eine Sucht und woran erkennt man sie?

Historisch betrachtet war der Begriff „Sucht“ den substanzgebundenen Abhängigkeiten, wie der Alkohol- oder Drogenabhängigkeit vorbehalten. In diesem Sinne ist Reisen also ganz bestimmt keine Sucht, denn wir konsumieren beim Reisen keine süchtig machende Substanz. Das Reisen selbst ist das, was vermeintlich süchtig macht. Es handelt sich also vielmehr um ein süchtig machendes Verhalten.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Wissenschaft und die Psychiatrie nun vermehrt auch mit solchen exzessiven Verhaltensweisen beschäftigt. Hierbei lag der Fokus insbesondere auf dem pathologischen Glücksspiel oder auch dem exzessiven spielen von Videospielen. Aber auch das Internet, Sex oder Einkaufen können in suchtähnlichem Verhalten ausarten. In den aktuell gültigen Diagnosekriterien der WHO, dem ICD-10, die in Deutschland angewendet werden, wird die Verhaltenssucht den Störungen der Impulskontrolle zugeordnet und damit getrennt von den substanzgebundenen Süchten aufgeführt:

„Sie sind durch wiederholte Handlungen ohne vernünftige Motivation gekennzeichnet, die nicht kontrolliert werden können und die meist die Interessen des betroffenen Patienten oder anderer Menschen schädigen. Der betroffene Patient berichtet von impulshaftem Verhalten.“

Diese diagnostische Kategorie stellt aktuell eher eine „Restekategorie“ dar, für Störungen, die nicht andernorts eingeordnet werden können. Reisesucht fällt damit in die gleiche Kategorie wie zum Beispiel das impulshafte Ausreißen von Haaren (Trichotillomanie) .

In der neuesten Fassung des in den USA und in der Forschung häufig verwendeten Diagnostischen Manuals DSM-V wird nun erstmalig auch ganz konkret von Verhaltenssüchten gesprochen. Hierbei wird aktuell nur das pathologische Glücksspiel als Sucht diagnostiziert, andere Störungen wie etwa die Internetsucht bedürfen der weiteren Erforschung. Es konnte jedoch gezeigt werden, dass pathologisches Glücksspiel durch ähnliche Gehirnprozesse bezüglich der Impulskontrolle und dem Belohnungseffekt gekennzeichnet ist wie der Konsum von Drogen, somit kann ein Verhalten also tatsächlich eine Sucht darstellen.

Reisen als Verhaltenssucht?

Aber schauen wir uns das mit dem Reisen und der Reisesucht noch mal genauer an. Es gibt einige Verhaltenssüchte, die stark erforscht werden und es trotzdem noch nicht in die diagnostischen Manuale geschafft haben. Ist die Reisesucht also vielleicht so ähnlich wie die Kaufsucht oder die Internetsucht?

Es gibt drei Kernmerkmale einer Verhaltenssucht:

  1. das starke Verlangen ein bestimmtes Verhalten auszuüben
  2. die Verleugnung der schädlichen Konsequenzen
  3. das Scheitern beim Versuch das Verhalten zu verändern oder nicht auszuüben

Und damit zeigt sich dann auch, dass Reisesucht eher keine wirkliche Sucht sein kann, ganz egal wie gerne wir davon sprechen. Das erste Kriterium mag zustimmen, und auch das zweite mag je nach Perspektive auch noch zutreffen, aber noch ist mir kein Langzeitreisender begegnet, der versucht hat mit dem Reisen aufzuhören und daran gescheitert ist.

Es mag zwar Menschen geben, die Schwierigkeiten haben sich nach einer langen Reise wieder zu Hause einzuleben, aber von der Therapiegruppe für Reisesüchtige sind doch noch ein ganzes Stückchen entfernt. Was nicht heißen soll, dass viel Reisen nicht auch mit psychischen Problemen einhergehen mag, aber dazu später mehr.

Reisesucht und das Entdeckergen

Zunächst einmal zu der Frage: Was ist es, was beim Reisen Glücksgefühle auslöst und süchtig machen kann? Ist es das Reisen selbst (Fliegen, Zugfahren, Busfahren) oder das Entdecken neuer Orte oder vielmehr das Planen und vorbereiten der nächsten Reise? Welchen Kick gibt uns das Reisen denn genau?

Im Zentrum unseres Belohnungssystems steht das Dopamin. Aber wodurch genau wird unser dopaminerges System beim Reisen eigentlich aktiviert? Und warum beschreiben sich so viele Langzeitreisende als rastlos, wenn Sie länger an einem Ort bleiben?

Ein Element könnte hierbei ein Genmutation spielen, eine Mutation genau jenes Genes DRD4. Dieses ist für die Produktion von Dopamin verantwortlich. So wurde eine Variation dieses Gens, die bei etwa 20 % der Menschen vorkommt, wiederholt mit vermehrter Rastlosigkeit und Risikobereitschaft in Verbindung gebracht. Wer diese Genvariante hat, wird also eher dazu neigen viel zu Reisen oder risikobehaftetes Verhalten auszuüben.

Gleichzeitig ist es aber viel zu einfach das ständige Reisen mit einer einzelnen Genvariante zu erklären. Denn wahrscheinlich kennen wir alle Menschen, die unglaublich gerne reisen und dennoch ein geregeltes Leben an einem Ort verbringen. Und genauso gibt es Menschen, die rastlos und risikobereit sind, ohne je ihr Heimatland zu verlassen.

Den Problemen entfliehen

Genauso gibt es aber auch unglaublich viele unterschiedliche psychologische Gründe für das Langzeitreisen. Und ja, manche Menschen fühlen sich getrieben und rastlos, wenn sie länger an einem Ort bleiben. Sie hoffen dann oft, durch die nächste Reise an dem nächsten Ort ihr Glück zu finden. Wer nicht lange bleibt, der muss sich oft auch nicht mit all den negativen Aspekten eines Alltags beschäftigen. Als Vielreisender ist es viel einfacher Konflikten aus dem Weg zu gehen und sich nur oberflächlich auf Kontakte einzulassen.

Der nächste Ort, die nächste Reise bringt dann wieder den erwünschten Dopaminkick und wir fühlen uns wieder für einige Zeit glücklich und zufrieden. Doch wer lernt, Problemen durch Weiterreisen aus dem Weg zu gehen, der wird es auch nicht lange am nächsten Ort aushalten. Damit kann ein Teufelskreis beginnen, aus dem nur schwer wieder herauszukommen ist. Und dann kann das Reisen tatsächlich einer Sucht im klassisch negativen Sinne ähneln.

Wie erlebt ihr das Reisen? Bringt es euch Glücksgefühle oder fühlt ihr euch eher getrieben und rastlos? Oder vielleicht auch beides? Erzählt uns in den Kommentaren von euren Erfahrungen!


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Über den Autor

Sonia Jaeger

Dr. Sonia Jaeger ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin. Als digitale Nomadin bereist sie die Welt und führt dabei psychologische Beratung online, per Video und Email durch.

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