Future Transport

Was wäre, wenn es keine Straßenschilder mehr gäbe?

Shared Space Stoppschild
geschrieben von Marinela Potor

Totales Chaos! Das ist wahrscheinlich die erste, intuitive Antwort. Denn stellt euch eine Kreuzung vor, in der kein einziges Schild, keine Ampel und noch nicht mal ein Zebrastreifen den Verkehr regeln. Das klingt nach vorprogrammierten Unfällen. Doch Modellprojekte zeigen: Straßen ohne Regeln – Shared Space genannt – könnten viel sicherer sein.

Bohmte ist eine Gemeinde mit 13.263 Einwohnern im Landkreis Osnabrück. Dieser kleine Ort lebt seit 2008 vor, was Shared Space wirklich heißt: Eine Kreuzung für alle, keine Regeln für niemanden. Damit wurde Bohmte die erste deutsche Gemeinde, die alle Verkehrsschilder in ihrer Innenstadt abbaute. Autofahrer, Fußgänger sowie Radfahrer teilen sich dabei den gleichen Verkehrsraum, ohne dass die Vorfahrt – wie eigentlich üblich – über Schilder, Bordsteine oder Ampeln geregelt wird. Beim Shared Space werden nämlich alle Zeichen abmontiert und die Verkehrsteilnehmer regeln den Verkehrsfluss unter sich.

Das Experiment war Teil des EU-Projekts „Shared Space“, an dem sich insgesamt sieben Gemeinden aus fünf EU-Ländern beteiligt hatten. Die überraschende Erkenntnis: Je weniger Regeln es gibt, desto sicherer wird die geteilte Straße für alle Verkehrsteilnehmer.

Bohmte Kreuzung Shared Space

Eine Straße für alle: Bohmtes geteilte Kreuzung, komplett ohne Schilder (Bild: Gemeinde Bohmte)

Teamwork statt Road Rage

Shared Space ist dabei kein völlig neues Konzept. Genau genommen war jede Straße dieser Welt noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts ein Shared Space. Kutschen, Radfahrer, Fußgänger, Straßenbahnen und schließlich auch die ersten Autos teilten sich genau in dieser Manier den Raum. In einigen Teilen der Welt ist das auch heutzutage noch der Fall. Doch an den meisten Orten begannen Straßenplaner aufgrund der wachsenden Anzahl von Autos und dem steigenden Tempo dieser, mehr und mehr Regeln einzuführen. Es kamen mehr Bordsteine dazu, mehr Fußgängerüberwege und natürlich mehr Ampeln und Straßenschilder.

Der Mann, der dieses Konzept als einer der ersten infrage stellte war der 2008 verstorbene niederländische Straßenbauingenieur Hans Mondermann. Mondermann setzte sich vehement für die Wiedereinführung des geteilten Straßenraums ein und machte das Konzept des Shared Space international bekannt.  So war es auch in seinem Heimatland, genauer gesagt in der Stadt Drachten, wo er seine Idee der „nackten Straßen“ zum ersten Mal in die Praxis umsetzen konnte.

An einer belebten Kreuzung, an der täglich 22.000 Autos sowie Tausende von Fußgängern, Autofahrer und Radfahrer durchkamen, verschwanden nun alle Ampeln, und Bordsteine sowie die meisten Schilder. Denn entgegen dem, was die meisten intuitiv denken, sagt Mondermann: Es hilft dem Verkehr viel mehr, Schilder wegzunehmen als welche hinzuzufügen. Wenn Regeln und separate Bereiche wie Straße und Gehweg, die Verkehrsteilnehmer nicht mehr künstlich voneinander trennen, passiert etwas Interessantes: Die Straße wird zum gemeinsamem Raum. Anstatt also alle anderen auf der Straße als Konkurrenz zu sehen, arbeitet man vielmehr im Team.

Wenn es keine Regeln gibt, sind alle rücksichtsvoller

Der Schlüssel zum Erfolg ist dabei schlicht und ergreifend menschliche Psychologie. Denn was passiert, wenn mehrere Verkehrsteilnehmer gleichzeitig in eine Kreuzung kommen und keine Schilder ihnen sagen, was zu tun ist? Sie verlangsamen das Tempo, schauen sich aufmerksam um und fangen an, miteinander zu kommunizieren. Das Interessante dabei ist, dass der Verkehr dadurch viel flüssiger und schneller fließt als mit Schildern und Regeln. Alle verhalten sich insgesamt viel rücksichtsvoller.

Kein Autofahrer versucht mehr, in letzter Sekunde bei gelb-rot durch die Kreuzung zu brettern. Dadurch, dass Autofahrer aber nicht mehr an einer nervigen Ampel warten müssen und schneller durchkommen, sind sie auch viel eher bereit, einem Fußgänger oder Radfahrer die Vorfahrt zu lassen. Auch kein Fußgänger läuft mehr wild vor ein fahrendes Auto und löst Beinah-Unfälle durch plötzliche Bremsmanöver aus. Stattdessen lässt er den Radfahrer vorbei, und tritt dann ruhig auf die Straße, wenn gerade kein Auto kommt. Computeranalysen belegen, dass es beim Shared Space tatsächlich weniger Konflikte zwischen Verkehrsteilnehmern gibt und diese weniger gefährlich ausfallen.

Denn der Aufbau einer Straße beeinflusst auch das Verhalten der Verkehrsteilnehmer. In einem Interview mit Wired drückte Mondermann dies folgendermaßen aus: „Eine weite Straße mit vielen Schildern erzählt eine Geschichte. Sie sagt – mach nur, mach dir keine Gedanken, fahr so schnell du kannst, du musst deine Umgebung nicht beachten. Und das ist eine sehr gefährliche Botschaft.“ Eine Straße mit sehr wenigen Schildern dagegen führt zu gesteigerter Aufmerksamkeit.

Führt Shared Space wirklich zu weniger Unfällen?

So lautet zumindest die Theorie. Natürlich gibt es auch viele Zweifel an diesem Konzept. Funktioniert Shared Space auch bei viel stärker befahrenen Straßen? Die Zahlen scheinen dies zu belegen. In Drachten gab es in den vier Jahren vor der Einführung der geteilten Kreuzung insgesamt 36 Unfälle. In den beiden Jahren nach der Einführung des Shared Space ging die Zahl auf insgesamt zwei Unfälle zurück. Auch in anderen Modellprojekten scheinen die Unfallstatistiken für den geteilten Raum zu sprechen.

In der dänischen Stadt Christianfield konnte zum Beispiel durch eine schilderlose Kreuzung die Anzahl der tödlichen Unfälle pro Jahr von drei auf null senken. In der britischen Stadt Wiltshire wiederum experimentierte man damit, die Fahrbahnmarkierung wegzulassen. Das Ergebnis: 35% weniger Unfälle. Sogar in London ging die Zahl der Verkehrsunfälle mit Verletzungen um beinahe 60% zurück.

In der deutschen Gemeinde Bohmte hingegen lesen sich die Zahlen nicht ganz so eindeutig. Die Zahl der Unfälle war hier von acht Unfällen im Jahr 2007 vor dem geteilten Rondell auf 13 angestiegen. Auch schienen die Autofahrer nicht unbedingt langsamer zu fahren, ganz im Gegenteil. Es stellt sich zudem auch ein rechtliches Problem: Wenn es keine Regeln gibt und es doch mal zu einem Unfall kommt – wer ist eigentlich Schuld?

Je mehr Städte Mondermanns Konzept ausprobieren, umso mehr Probleme fallen auf. In der britischen Stadt Ashford gaben bei einer Umfrage zum Shared Space 72% der Fußgänger an, dass das neue Konzept sehr stressig für sie sei. Sogar 80% von ihnen fanden die vorige Regelung mit klar gezeichneten Fußgängerüberwegen wesentlich sicherer.

Ganz besonders stark kritisiert wurde der Shared Space im Zusammenhang mit Kindern und Menschen mit Sinnesbeinträchtigungen, insbesondere für Sehbehinderte. In der englischen Stadt Coventry verstarb sogar ein 71jähriger Rentner mit einer Sehstörung, weil er auf der geteilten Kreuzung von einem Bus angefahren wurde.

Shared-Space-Konzept muss überarbeitet werden

Experten glauben aber dennoch, dass das nicht bedeutet, dass Shared Space nicht funktioniert. Vielmehr zeigen die negativen Erfahrungen, dass das Konzept verbessert werden kann und muss. Wie das aussehen könnte, stellte das Danish Building Research Institute in einem Report vor.

Der Fokus des Berichts lag vor allem darauf, den geteilten Raum für Blinde und Sehbehinderte sicherer zu machen. Die Wissenschaftler schlagen zum Beispiel vor, einen leicht erhöhten Bordstein wieder einzuführen, der Sehbehinderte in sicherem Abstand von Autos hält. Kreuzungen könnten durch erhobene Stellen im Bordstein markiert werden. Auch könnten Blindenhunde eine Möglichkeit sein, um den Shared Space für wirklich alle Teilnehmer sicherer zu gestalten.

Tatsächlich sehen viele Verkehrsexperten im Shared Space die Zukunft im urbanen Transport. Dann allerdings nicht mit menschlichen Fahrern, sondern mit autonomen Fahrzeugen.

Glaubt ihr, dass Shared Space den Verkehr sicherer und flüssiger macht oder sind tragische Unfälle damit vorprogrammiert?

Auch spannend:


Vernetze dich mit uns!

Like uns auf Facebook oder folge uns bei Twitter


Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

Kommentieren