Transport

Singen wir bald alle Karaoke, während das Elektroauto lädt?

Elektroauto laden
geschrieben von Marinela Potor

Ein großer Nachteil von Elektroautos ist, dass sie im Vergleich zum Tanken bei einem Dieselauto oder Benziner verhältnismäßig lange brauchen, um aufgeladen zu werden. Doch warum ist das eigentlich ein Nachteil? Der chinesische Ladestation-Betreiber Tellus Power hat aus der Not eine Tugend und aus der Ladestation ein Entertainmentcenter gemacht. Während das E-Auto Strom tankt, singen Autobesitzer fröhlich Karaoke.

Oder sie sitzen im Café und surfen gratis im Internet. Oder sie vergnügen sich in einem VR-Raum. Oder sie schauen sich einen Kinofilm an. All das bietet nämlich die neue Mega-Ladestation von Tellus Power in Shanghai. Im unteren Stockwerk werden die Autos geladen, im oberen die Fahrer unterhalten. Könnte das auch bei uns Elektroautos beliebter machen?

Die Mega-Tanke mit Karaokebar und Kino

Es ist ja schließlich kein Geheimnis: Elektroautos sind ein Nischenmarkt. Neben den geringen Reichweiten wirken auch die langen Ladezeiten für viele abschreckend. Wer will schon auf der Fahrt in den Urlaub vier Stunden an der Ladesäule warten, bis der Wagen vollgeladen ist?

Diejenigen, die in der Zwischenzeit tolle Unterhaltung geboten bekommen!

Das hat sich zumindest der chinesische Ladestation-Betreiber Tellus Power gedacht und auf 2500 m² im Stadtteils Songjiang im Westen von Shanghai eine Mega-Ladestation, inklusive Unterhaltungscenter hochgezogen. Die E-Tankstelle wird damit auch zur E(ntertainment)-Station.

Die Mega-Tanke für Elektrofahrzeuge bietet insgesamt 44 Ladestationen:

  • 13 60 kW Gleichstrom-Stationen (Ladezeit: ca. 20 Minuten)
  • 29 Wechselstrom-Stationen (Ladezeit: ca. 3 – 4 Stunden)
  • 2 Tesla-Ladepunkte

Die Anlage hat Kapazitäten, um 400 Autos pro Tag zu betanken. Ein Teil des Stroms wird aktuell noch ins lokale Netz eingespeist. Der Strom für all das kommt von Solarzellen vom Dach.

Das zeigt, wie ernst es China mit der Umstellung auf Elektromobilität ist. Die Ladestation in Shanghai ist Teil des Fünf-Jahres-Plans der Regierung, bis 2020 ein landesweites Ladenetz für fünf Millionen Elektrofahrzeuge aufzubauen.  Diese werden auch gebraucht. Im Jahr 2016 wurden 332.000 Elektroautos produziert und mittlerweile ist China das Land mit den meisten Elektroautos auf der Straße.

Wenn die Unterhaltung nicht zu den Ladestationen kommen kann,…

Auch wenn man von solchen Zahlen in Deutschland noch relativ weit entfernt ist (hier gibt es natürlich im Vergleich zu China auch wesentlich weniger Menschen, die ein Elektrofahrzeug fahren könnten), steigt der Anteil der Elektroautos. 2017 wurden 25.065 Elektroautos verkauft, das ist ein Zuwachs von 120% im Vergleich zum Vorjahr. Wenn man dazu noch die Plug-in-Hybride zählt, kommt man auf eine Gesamtzahl von 54.492 Elektrofahrzeugen. Das ist ein starker Zuwachs, verhältnismäßig macht der Anteil der Elektroautos in Deutschland aber weniger als 2% aus.

Könnten solche E-Ladestationen wie in Shanghai aber möglicherweise Skeptiker umstimmen? Ganz nach dem Motto: Wer weiß, dass er beim Laden eine ganze Menge Spaß haben kann, kauft vielleicht eher ein Elektrofahrzeug? Das glaubt in der Tat Tellus Power. Das Unternehmen hat angedeutet, auch in Deutschland eine vergleichbare Anlage bauen zu wollen und sucht angeblich schon nach geeigneten Standorten.

Die könnten in der Tat schwieriger zu finden sein als im großflächigen China. Denn der Raum in deutschen und europäischen Innenstädten ist knapp. So knapp, dass viele Städte darüber nachdenken, die Autos aus den Zentren zu verbannen. Eine Mega-Ladestation in der Innenstadt scheint also nicht sehr wahrscheinlich.

Doch man könnte das Konzept sicher umkehren, und die Ladestationen dort aufstellen, wo bereits für Entertainment gesorgt ist: an großen Einkaufszentren oder Supermärkten, auf Kinoparkplätzen, an Casinos oder im Parkhaus von IKEA.

Elektromobilität zugänglicher für ländlichen Raum?

Nach diesem Prinzip versucht auch Tesla sein Supercharger-Netzwerk aufzustellen. Tesla kooperiert mit Hotels, Restaurants, Einkaufszentren und Touristenanlagen und stellt an diesen Orten bevorzugt seine Supercharger auf. Auch hier ist der Hintergedanke: Wenn das Laden weniger wie Zeitverschwendung und mehr wie Spaß aussieht, lassen sich die E-Autos zumindest besser vermarkten.

Außerhalb der Metropolen wären Mega-Ladestationen dagegen vielleicht wirklich möglich. Was spricht denn dagegen, eine Raststätte auf der Autobahn entsprechend auszubauen? Auch im ländlichen Raum könnte eine zentrale große Ladestation Elektromobilität auch für Menschen außerhalb der urbanen Zentren praktizierbarer machen.

Nur: Dass wir dann wirklich auch hierzulande Karaoke singen, ist zu bezweifeln.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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