GRÜN ZUKUNFT

Smart, grün, autofrei: Deutsche Städte träumen noch – in Helsinki gibt’s das schon

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Als Smart City setzt Helsinki auf ÖPNV und weniger Autos. (Foto: City of Helsinki / Marja Väänänen)
geschrieben von Gastautor

Staus, dicke Luft, chaotischer ÖPNV: Wie können wir den Herausforderungen der Zukunft im Bereich urbaner Mobilität clever begegnen? Für Antworten lohnt sich ein Blick in Finnlands Hauptstadt. Die Smart City Helsinki macht vor, wie Städte ihren Verkehr digital und damit auch nachhaltiger regeln können. René Schwarz vom Finnland-Blog FinnTouch und selbst halber Finne ist regelmäßig in Helsinki. Er hat sich das Mobilitätskonzept vor Ort angeschaut – und ist ziemlich begeistert.

Abgasfreie Luft atmen, Bikesharing überall, per App verschiedenste Verkehrsmittel buchen – kein Wunder, dass Helsinki als weltweiter Vorreiter in Sachen Smart Mobility gilt.

Die finnische Hauptstadt hat mit „MaaS – Mobility as a Service“ denn auch ein Konzept entwickelt, das die Mobilität in Großstädten revolutionieren könnte. Dabei steht Mobilität als Dienstleistung im Zentrum.

Was genau verbirgt sich aber hinter diesem doch eher schwammigen Begriff?

Freiwillig aufs Auto verzichten

Konkret soll erreicht werden, dass möglichst viele Bürger zukünftig auf ein eigenes Auto verzichten. Dabei setzt die Smart City Helsinki jedoch nicht auf Zwang, sondern auf innovative Maßnahmen, die den öffentlichen Personennahverkehr attraktiver machen sollen.

Die Whim Mobility App* von MaaS Global etwa bündelt Informationen über sämtliche Verkehrsmittel, die für eine Wegstrecke infrage kommen könnten.

In Echtzeit kannst du als Nutzer herausfinden, ob du am besten den Bus, ein Taxi, ein Leihrad oder einen Mietwagen nutzt. Das besonders Praktische an der App ist, dass du sämtliche Mobilitätsdienstleistungen ganz unkompliziert direkt über die Anwendung bezahlen kannst.

Welch ein Plus an Nutzerkomfort! Da verwundert es kaum, dass die Whim App sich von Helsinki aus schon bis in die Niederlande und Großbritannien verbreitet hat.

Und in Deutschland? Hier testet man mit „Jelbi“ so ein Konzept erst seit diesem Jahr sehr zaghaft – und auch erstmal nur in Berlin.

Was in Helsinki getestet wird, könnte in einigen Jahren bei uns ankommen

Dass die Smart City Helsinki bei der Entwicklung moderner Mobilitätskonzepte ganz weit vorne mitmischt, ist natürlich kein Zufall.

Denn die Stadtverwaltung unterstützt diese Entwicklungen tatkräftig. So gibt es mit Forum Virium Helsinki eine Art eigene „Taskforce“, die sich nicht zuletzt der Entwicklung von innovativen Mobilitätslösungen verschrieben hat. Stadt und Firmen arbeiten hier Hand in Hand.

Aktuell wird an 81 verschiedenen Projekten gearbeitet. Der Gedanke hinter der Task Force ist, dass die Privatwirtschaft mit ihrer Innovationskraft öffentliche Projekte vorantreibt.

Auch Bürger werden gehört und können Ihre Ideen und Vorschläge einbringen. Ganz nach dem Motto: alle zusammen für eine bessere Zukunft!

So gilt gewissermaßen die ganze Stadt als Testregion für Smart Mobility-Konzepte, die in wenigen Jahren auch bei uns ankommen könnten.

Denn genau das ist das Ziel der Finnen: Was in Helsinki getestet und für gut befunden wird, das soll zu einem skalierbaren internationalen Business ausgebaut werden. So gehen nachhaltige Lösungen und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand.

Selbstfahrende Busse – bald Normalität?

Wenn es dich demnächst einmal nach Helsinki verschlägt, könntest du selbst eine solch clevere und nachhaltige Mobilitätslösung sehen. Denn innerhalb der kommenden paar Jahre werden etwa selbstfahrende Busse als Teil des kommunalen Personennahverkehrs getestet.

Ob solche Fahrzeuge schon bald Normalität auf Europas Straßen sein werden?

Immerhin: Auch in Deutschland gibt es in diesem Bereich erste Feldversuche.

Doch nicht nur was fahrerlose Busse angeht, auch in puncto Elektromobilität legt die Smart City Helsinki ein ordentliches Tempo vor.

Bereits 2017 nahmen die ersten Elektrobusse ihren Betrieb auf, bis 2025 soll ein Drittel aller öffentlichen Busse in der Hauptstadtregion elektrisch fahren.

Zum Vergleich: Anfang 2019 waren in ganz Deutschland lediglich 228 reine E-Busse zugelassen, Berlin plant aktuell den Einsatz von immerhin 30 E-Bussen.

Grüne Welle statt Emissionen

Doch nicht nur in Sachen ÖPNV und Elektromobilität geht Helsinki mit gutem Beispiel voran. Auch die 5G-Netzwerke werden in Finnlands Hauptstadt stetig ausgebaut und können ebenfalls für Smart-Mobility-Lösungen genutzt werden.

Ein gutes Beispiel dafür ist der neue Hafen der Stadt, wo Verkehrsströme mit smarter Technologie umfassend analysiert und nun Schiffe beim Einlaufen so leiten, dass möglichst wenige Staus entstehen.

LKWs, die für den Weitertransport des Frachtguts zuständig sind, erhalten bis zur Autobahn an den Ampeln eine „grüne Welle“ – so einfach lassen sich Emissionen reduzieren.

Offene Daten als Antriebsstoff

Möglich macht die smarte Entwicklung in Helsinki nicht zuletzt auch der offene Umgang mit Daten, der in Finnland gang und gäbe ist. So kannst du hier zum Beispiel jederzeit einsehen, wie viel Steuern dein Nachbar bezahlt.

Für deutsche Datenschützer, die stets um die Sicherheit diverser Daten fürchten, wäre ein solches Szenario naturgemäß eher abschreckend. Aber Fakt ist, dass genau diese offenen Daten der Antriebsstoff für die digitale Vernetzung der Smart City Helsinki sind.

Sauna-Besuch als Belohnung

Zum Schluss möchte ich dir ein schönes Projekt vorstellen, das verdeutlicht, wie smart die Stadt Helsinki Mobilität denkt – und das typisch finnischer kaum sein könnte.

Im Rahmen der Initiative Mobility Urban Values (MUV) können Einwohner sich ein Game auf ihr Smartphone laden. Dieses registriert dann die eigenen Fortbewegungsarten. Dabei können Punkte gesammelt und Challenges absolviert werden.

Quintessenz des Ganzen ist: Wer umweltfreundliche Verkehrsmittel wie das Fahrrad oder den ÖPNV nutzt oder gar zu Fuß geht, kann sich einen kostenlosen Besuch der im Stadtteil Jätkäsaari gelegenen Uusi Sauna verdienen.

Für solch außergewöhnliche Ideen muss man die Finnen einfach lieben!

 

Über den Autor

René Schwarz ist selbstständiger Texter und Autor. Der halbe Finne lebt in der Nähe von Frankfurt am Main und schreibt sich seine Leidenschaft für sein zweites Heimatland auf dem Blog FinnTouch von der Seele. Zusätzlich zur Website betreibt er auch eine stark frequentierte Facebook-Seite und hat sich dort eine treue Finnland-Community aufgebaut.

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