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Spazieren gehen: So hat Corona die Freizeitbeschäftigung zum Mega-Trend gemacht

Los Angeles, Kalifornien, L.A. Mann, Tattoos, gehen, spazieren
Corona hat spazieren gehen zum Trend gemacht. (Foto: Unsplash / Mad Rabbit Tattoo)

Die Pandemie hat unser Leben auf den Kopf gestellt, aber auch neue Trends geschaffen. Einer davon: spazieren gehen. Warum eigentlich?

Für Isaac Fitzgerald fing es im Juni mit einem Alert auf seinem iPhone an. „Dieses Jahr gehst du im Schnitt weniger als 2019.“

Im Normalfall wäre die Nachricht seiner Gesundheitsapp wahrscheinlich an ihm vorbeigegangen. Doch für den New Yorker war nichts normal in diesem Sommer. Eine Pandemie fesselte ihn größtenteils an seine Wohnung und draußen mehrten sich die ohnehin schon hohen Fallzahlen der Corona-Infizierten in der Stadt.


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So ignorierte Fitzgerald den Alert nicht. Stattdessen zog er sich bequeme Schuhe an, setzte seine Maske auf – und marschierte los.

Schon dieser erste Spaziergang hatte unmittelbar einen großen Effekt auf ihn. Er fühlte sich glücklicher, gelassener und motivierter. So versucht er seitdem jeden Tag sein persönliches Ziel von 20.000 Schritten zu erreichen.

Neues kennenlernen, entspannter leben

Das klappt mal mehr, mal weniger. Doch insgesamt habe ihn das Spazierengehen nachhaltig verändert, sagt er.

Er lernt dabei nicht nur völlig neue Stadtteile kennen. Sein Körper ist fitter und gesünder geworden. Er ist mental fokussierter und jeder Spaziergang gibt ihm neue Energie.

Isaac Fitzgerald ist nicht der einzige, der spazieren gehen in diesem Pandemie-Jahr neu entdeckt hat. Für viele von uns, war es wochenlang während des weltweiten Lockdowns die einzige Möglichkeit, aus dem Haus zu kommen.

Dabei haben viele Menschen entdeckt, wie gut ihnen die regelmäßige Bewegung tut.

Spazieren gehen hilft gegen Depressionen

Studien bestätigen immer wieder, wie gesund spazieren gehen ist, und zwar nicht nur für den Körper (unter anderem stärkt es Muskeln, Knochen und das Herz-Kreislauf-System), sondern vor allem für die Seele.

In einer aktuellen Untersuchung der University of California mit älteren Spaziergängern etwa stellten Forscher sogar fest, dass es eigentlich sogar andersherum läuft. Weil spazieren gehen in erster Linie gut fürs Gehirn ist, hat es auch einen positiven Effekt auf den Körper.

Besonders wichtig scheint dabei der Aspekt des „Staunens“ zu sein, bei dem man bewusst neue Dinge entdeckt. Dies baut im Gehirn Ängste und Depressionen ab und steigert dabei die Zufriedenheit – und interessanterweise auch die Verbundenheit zu anderen Menschen, auch wenn man alleine spazieren geht.

Insbesondere regelmäßiges Spazierengehen sorgt dafür, dass die Glückshormone Serotonin und Dopamin ausgeschüttet werden.

Gerade in Zeiten, in denen wir lange nur noch negative Nachrichten zu hören und sehen bekommen und uns einsam fühlen, wirkt ein Spaziergang daher wie eine Therapie für Körper und Seele. Kein Wunder also, dass so viele Menschen im Moment spazieren gehen.

Doch das ist nur ein Teil der Antwort.

Darum hat Corona spazieren gehen zum Trend gemacht

Gleichzeitig haben nämlich Gesundheitsapps oder Apps, die unsere Schritte zählen, einen weiteren interessanten Effekt: Sie motivieren uns stärker, ein tägliches Ziel zu erreichen. Neben dem positiven Gesundheitseffekt von spazieren gehen selbst, sorgt das damit verbundene Erfolgserlebnis für weitere Glückshormone.

Unterbewusst passiert aber noch etwas anderes. Viele haben in diesem Jahr das Gefühl, dass sie über alles die Kontrolle verloren haben. Sie können über die meisten Aspekte in ihrem Leben nicht mehr frei entscheiden.

Arbeit, Freizeit, Sport und sogar so banale Dinge wie Einkaufen oder Pendeln werden von außen durch politische oder medizinische Entscheidungen für uns geändert. Unser eigener Entscheidungsspielraum wird dadurch kleiner und viele empfinden das als Kontrollverlust.

Das tägliche Schritte-Ziel beim Spazierengehen zu erreichen, ist darum für viele eine Möglichkeit geworden, wenigstens über einen Aspekt in ihrem Leben die Kontrolle wiederzugewinnen.

Einzige Kontaktmöglichkeit zu anderen

Als Effekt von Städten und Menschen im Lockdown ist aber noch etwas anderes passiert. Plötzlich traf man auf seinen täglichen Routen regelmäßig andere Spaziergänger. Aus einem flüchtigen Gruß entwickelten sich Gespräche und schließlich sogar Spazier-Gemeinschaften.

So war spazieren gehen auch für Isaac Fitzgerald lange Zeit eine der einzigen physischen Kontaktmöglichkeiten zu anderen Menschen.

Der Profi-Spaziergänger aus Berlin

Jens Eike Krüger aus Berlin geht dabei noch einen Schritt weiter. Er hat seine persönliche Leidenschaft fürs Spazierengehen zum Beruf gemacht.

Er organisiert als professioneller Spaziergänger für Interessierte verschiedene Routen durch Berlin. Auch hat er schon Audio-Guides aufgenommen für selbst geführte Spaziergänge durch die Stadt.

Für ihn ist spazieren gehen, das er als spontaner und zufälliger als das Wandern beschreibt, eine ideale Möglichkeit, um sich treiben zu lassen, dabei Neues zu entdecken, aber auch, um die eigenen Batterien wieder aufzuladen.

Du brauchst schließlich keine spezielle Ausrüstung und nicht einmal Proviant. Das macht es wesentlich einfacher und zugänglicher als Wandern. Du musst dir lediglich deine Schuhe anziehen und los geht’s.

Neuer Trend ist alter Trend

So ganz neu ist der Trend nicht. Schon im 19. Jahrhundert schrieben Autoren wie Edgar Allen Poe, Walter Benjamin oder Charles Baudelaire Gedichte, Kurzgeschichten oder ganze Bücher über ihre Erfahrungen als „Flaneur“, wie sich die Spaziergänger im damals modernen Französisch nannten.

Das Coronavirus und die damit verbundenen neuen Spielregeln zu unserer persönlichen Mobilität haben das Flanieren nun wieder trendy gemacht.

Ob sich der Trend auch über den Winter oder gar über die nächsten Jahre hinweg halten kann, bleibt abzuwarten. Isaac Fitzgerald hat jedenfalls nicht vor aufzuhören. „Ich werde weiterhin einen Fuß vor den anderen setzen.“

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitätstrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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