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Tempolimit, ja oder nein? Zwei Autobahnen streiten sich

Autobahn Luftansicht
Tempolimit? Zwei Autobahnen debatieren (Foto: Pixabay / StockSnap)
geschrieben von Marinela Potor

Tempolimit, ja oder nein? In Deutschland wird das gerade (mal wieder) heiß diskutiert. Dabei dürfen alle zu Wort kommen – bis auf die Hauptbetroffenen. Die Autobahnen selbst! Genau deshalb haben wir die A45 und die A3 zu einem offenen Streitgespräch eingeladen.


Die Freiheit zu rasen oder mehr Sicherheit und weniger Emissionen? Es gibt wenige Debatten, die die Gemüter so erregen, wie die Diskussion um das Tempolimit auf deutschen Autobahnen … abgesehen vom Diesel-Fahrverbot oder der Trennung zwischen Florian Silbereisen und Helene Fischer, vielleicht.

Doch während bei der aktuellen Diskussion Wissenschaftler, Politiker und Autofahrer lang und breit zu Wort kommen, wird eine beteiligte Partei völlig ignoriert – die Autobahnen selbst. Wir haben deshalb die A45 und die A3 zu einem Streitgespräch gebeten.

Tempolimit: Schwachsinn oder wichtig?

Mobility Mag: Vielleicht könnt ihr euch zunächst für die Leser, die euch nicht kennen, kurz vorstellen!

A45: Mich kennt man vielleicht besser als „Sauerlandlinie“ oder als „Königin der Autobahnen“. Meine Strecke beginnt am Kreuz Dortmund Nord-West und ich reiche über 257 Kilometer bis nach Bayern, nach Aschaffenburg.

A3: Ich bin streckenweise die Nachbarin der A45. Meine Strecke geht von Emmerich nach Passau. Ich bin insgesamt 769 Kilometer lang und damit die zweitlängste Autobahn in Deutschland.

Wir haben euch beide eingeladen, weil ihr die zwei Gegenseiten beim Tempolimit veranschaulicht. Als A45 bist du voller Geschwindigkeitsbegrenzungen, während bei dir auf der A3 meist „freie Fahrt“ gilt. Wie seht ihr beide denn das Tempolimit auf Autobahnen in Deutschland? Ist das sinnvoll?

A3: Nö, das ist absoluter Schwachsinn!

A45: Ich finde das total wichtig, dass wir endlich mal dieses dämlich Tabu um das „Tempolimit“ brechen.

Äh, ja. Das sind ja recht klare Positionen. Ihr kennt die Debatte aber natürlich auch bestens. Das Thema kommt seit den 70er Jahren immer wieder auf. Aktuell geht es vor allem um ein Ideenpapier zur Zukunft der Mobilität. Eine der wichtigen Aussagen darin: Ein Tempolimit vermindert schädliche Emissionen.

A45: Ich finde das ein wichtiges Argument. Es geht ja einmal um die Luftqualität und Gesundheit von uns allen, aber auch darum, dass man bei geringerem Tempo weniger Sprit verbraucht. Tempolimit heißt also Geld sparen. Also mehr Sicherheit, weniger Geld ausgeben und nebenbei noch was für die Umwelt tun – ist doch super!

A3: Das ist doch Quatsch! Du würdest viel mehr schädliche Ausstöße reduzieren, wenn es weniger Kreuzfahrtschiffe gäbe oder weniger Industrie-Abgase als mit diesem lächerlichen Tempolimit. Das trägt insgesamt so wenig zur Verringerung der Emissionen bei, dass das für mich ein Scheinargument ist.

A45: Na ja, drei Millionen Tonnen Kohlendioxid weniger pro Jahr ist besser als nichts. Das sind immerhin neun Prozent der Gesamtausstöße im Land.

„Sollen denn alle mit einem Renault Twizy fahren?“

Wie sieht es denn aus mit dem Verkehrsfluss? Auch das ist ein oft gebrachtes Argument in dem Zusammenhang. Hier ist es nachgewiesen, dass es weniger Staus gibt, wenn alle ein einheitliches Tempo fahren, vor allem bei geringeren Geschwindigkeiten um 100 km/h.

A3: Das wird doch schon umgesetzt! An vielen Strecken in Deutschland gibt es an ausgewählten Strecken Geschwindigkeitsbegrenzungen oder Tempo-Vorschläge, die genau das bewirken.

A49: Und wir wissen ja alle, wie Autofahrer sich an solche „Vorschäge“ halten… Die rasen trotzdem, egal was da steht. Hauptsache, sie können die Geschwindigkeit von ihrem tollen Porsche ausfahren.

A3: Da spricht doch jetzt der pure Neid. Nur, weil bei mir alle schicken Autos fahren, die das ausreizen wollen und können, was die Straße übrigens auch hergibt. Sollen denn alle – wie bei dir – mit einem Renault Twizy fahren?

A45: Na toll! Gut, dass wir die deutsche Autolobby haben, die jede Debatte um nachhaligere Autos sofort im Keim erstickt. Die könnten ja Geld verlieren, wenn Menschen nachhaltigere Autos fahren würden.

A3: Gut, dass wir Neider wie dich haben, die den Konsumenten jeden Spaß verbieten wollen. Die Autokonzerne stellen doch nur das her, was die Autofahrer haben wollen! Wenn 90 Prozent der Deutschen einen Renault Twizy fahren wollen würden, glaubst du nicht, dass Daimler und BMW die auch bauen würden?

Kommen wir zurück zum Tempo. A3, bei dir ist die Strecke an einigen Stellen sogar sechsspurig ausgebaut und ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Erlebst du da besonders unvorsichtiges Fahrverhalten?

A3: Ehrlich gesagt nicht mehr als auf anderen Teilen von mir. Es gibt Autofahrer, die gerne rasen und die tun das überall, egal ob die Geschwindigkeit begrenzt ist oder nicht. Und dann gibt es Autofahrer, die fahren lieber langsam und tun das auch, wo man freie Fahrt hat.

A45: Das kann ich gar nicht bestätigen. Bei mir passieren die meisten und schwersten Unfälle immer genau dort, wo man schnell fahren kann.

A3: Auf das Argument habe ich ja nur gewartet! Deutschland hat die sichersten Autobahnen in ganz Europa. Bei uns passieren die wenigsten Unfälle auf den Autobahnen und die gehen auch noch seit Jahren zurück. Die meisten Unfälle passieren stattdessen auf Landesstraßen – wo es ein Tempolimit gibt.

Ist es aber nicht wünschenswert, auch die Unfälle zu vermeiden, wenn man das durch ein Tempolimit kann?

A3: Ja, klar! Aber wer rasen will, rast auch, wenn da Tempo 100 steht. Das wird sich auch mit einem Tempolimit nicht ändern.

A45: Das sehe ich anders. Sicher rasen die Leute! Weil die Strafen dafür völlig lächerlich sind, sie selten erwischt werden und es überhaupt kein Bewusstsein dafür gibt, dass langsamer fahren entspannter und sicherer ist.

A3: Was heißt denn hier entspannter?! Es gibt eine schwedische Studie, die zeigt, dass Tempolimits Autofahrer sogar aggressiver machen!

A45: Das ist bestimmt wieder so eine schwedische Studie, die keiner lesen kann! Es ist ja soooooo unheimlich stressig, wenn man mit gemütlichen 130 Kilometern pro Stunde fährt anstatt mit 200 und dafür ganze 13 Minuten später am Ziel ankommt.

A3: Was soll das denn jetzt? Wer langsam fahren will und das entspannter findet, soll das doch tun! Aber warum will man den anderen Leuten den Spaß am schnellen Fahren nehmen?

A45: Weil es für viele Autofahrer nicht so spaßig ist, wenn sie wegen dem bisschen Fahrfreude einer anderen Person einen schweren Unfall haben!

Deutschland ohne Tempolimit wie Bayern ohne Brezeln?

Was haltet ihr denn von der Idee, das Tempolimit dynamisch zu gestalten. Also: Wenn der Verkehrsfluss und die Emissionslage es verlangen, die Geschwindigkeit über smarte Geschwindigkeitsanzeigen zu drosseln. Und wenn es dann entspannter ist, freie Fahrt erlauben?

A45: Auch das fände ich sinnvoll. Aber darüber wird ja auch nicht mal diskutiert, weil das Tempolimit heilig ist.

A3: Was heißt denn „heilig“? Es ist immerhin eins der wenigen Alleinstellungsmerkmale von Deutschland weltweit.

A45: Meinst du das Alleinstellungsmerkmal, bei dem jedes andere Industrieland der Welt ein Tempolimit hat?

A3: Denk doch mal darüber nach. Wofür ist Deutschland, außer uns Autobahnen ohne Tempolimit, weltweit bekannt?

A45: Bier, Oktoberfest, Brezeln, Lederhosen …

A3: Merkste was? Deutschland wird damit für die Welt quasi zu Bayern.

A45: Okay, das ist bislang das erste Argument, das du gebracht hast, das wirklich Sinn macht.

Viele sagen auch, dass sich die Diskussion in ein paar Jahren ohnehin erledigt, wenn wir selbstfahrende Autos haben und deren Geschwindigkeit dann automatisch von einem Computer gedrosselt wird …

A45: Eben! Deswegen können wir ja auch jetzt schon das Tempolimit einführen.

A3: Wir sollten genau das Gegenteil tun. Wir sollten die freie Fahrt noch so lange genießen, wie wir können.

[Reißt plötzlich die Arme auf und schreit] CARPE DIEEEEEM!!!

A45: Du hast wohl einen an der Waffel! Auf dir wurde offenbar schon so schnell gefahren, dass du die rechte Spur von der linken nicht mehr unterscheiden kannst!

A3: Jetzt reicht es mir aber, du lahme Kröte! Du bist so geschwindigkeitsbeschränkt, dass du ein Argument erst drei Tage später verstehst!!!

[Es folgt lautes Gebrülle und die ersten Kilometerpfosten fliegen durch die Luft.]

[Wir entfernen uns auf einen akzeptablen Sicherheitsabstand]

Ähm ja, vielen Dank an dieser Stelle an euch beide. Es war ein sehr konstruktives Gespräch! Wir fahren dann mal lieber über die A1 zurück nach Hause …

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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