Future

Die Straße der Zukunft gibt’s schon heute – im ländlichen Georgia

The Ray Highway
Grafik: The Ray Highway
geschrieben von Marinela Potor

Der südliche US-Bundesstaat Georgia ist nicht für seine moderne Verkehrsinfrastruktur bekannt. Georgia verfügt gerade einmal über drei Highways außerhalb von Atlanta. Und doch ist es gerade hier, wo derzeit eine der modernsten Straßen der Welt entsteht.

18 Meilen (knapp 30 Kilometer) am I-85 Highway im Südwesten von Georgia. An diesem Teilabschnitt mitten im ländlichen Georgia wird bereits heute die Straße der Zukunft erprobt – der Ray C. Anderson Memorial Highway. The Ray, wie dieser Abschnitt allgemein genannt wird, ist so etwas wie ein Laboratorium, in dem viele verschiedene Infrastruktur-Technologien getestet werden. The Ray zeigt uns bereits heute, wie die Straße der Zukunft aussehen könnte.

Die Solarstraße

Autofahrer sehen beispielsweise mehrere Photovoltaik-Anlagen am Straßenrand. Die Solarenergie versorgt mehrere Ladestationen entlang der Autobahn, um Elektrofahrzeuge aufzuladen.

Das sind aber nicht die einzigen Solarzellen, die einem auf The Ray begegnen. Einige davon sind im Straßenbelag angebracht. Rund 50 m² sind „Solarasphalt“ . Also ein Stück Straße, das mit Solarzellen gepflastert ist.

Wattway The Ray Highway

Der „Solarasphalt“ (Bild: The Ray)

Das Projekt ist eine Kollaboration mit Wattway aus Frankreich. Die eigens für die Straße entwickelten Solarzellen können über bereits existierendem Straßenbelag angebracht werden, halten das Gewicht von schnell fahrenden Autos gut aus und produzieren Strom. Am Ray Highway wird dieser genutzt, um das nahegelegene Besucherzentrum mit Energie zu versorgen.

The Ray hat auch die eine oder andere smarte Technologie am Start. WheelRight heißt ein Bodenpod, der beim Hinüberfahren automatisch den Reifendruck ermittelt. Das ist deshalb wichtig, da etwa ein zu geringer Druck im Reifen nicht nur dazu führt, dass Reifen schneller kaputt gehen, er führt auch zu höherem Spritverbrauch.

Reifendruckmesser The Ray Highway

So wird der Reifendruck ermittelt (Bild: The Ray)

Sobald ein Fahrzeug über diesen Pod fährt, können Fahrer sich die relevanten Reifendruckinformationen entweder per SMS aufs Handy schicken lassen oder über einen Touch Screen vor Ort abrufen. Damit hofft man, das Messen des Reifendrucks einfacher zu machen.

Die Straße der Zukunft ist multifunktional

Das Prinzip hinter den innovativen Technologien am Ray Highway ist einfach: Eine Straße, die nur einen einzigen Zweck erfüllt – das Fahren von Autos – ist eine Verschwendung von Platz und Ressourcen. Die smarte Straße der Zukunft, wie sie hier suggeriert wird, hat dagegen viele Funktionen.

Sie produziert Energie, lädt Autos, recycelt und generiert im besten Fall auch noch Einkünfte. „Wir sind an einem Wendepunkt des Transportes“, sagt Allie Kellys, Leiterin von The Ray . „In fünf bis zehn Jahren werden wir uns nicht mehr daran erinnern, dass es mal eine Zeit gab, in der wir Geld in eine Infrastruktur investiert haben, die nur eine Sache konnte.“

Wie kann man einen Umweltpionier mit einer dreckigen Straße ehren?

Hinter dem futuristischen Ehrgeiz hinter dem Ray-Highway-Projekt steckt aber nicht nur der Wille, neue, smarte Straßentechnologien auszuprobieren. Es ist auch ein Vermächtnis an den Namensträger des Highways, Ray C. Anderson. Anderson (1934 – 2011) war nicht nur der Gründer von Interface Inc., einem der größten internationalen Teppichhersteller der Welt, er setzte sich in seinem Unternehmen ebenfalls stets dafür ein, die industriellen Prozesse so umweltfreundlich wie möglich zu gestalten. Allem voran, wollte er den Spritverbrauch reduzieren. Das Unternehmen hat beinahe sein Ziel der Emissionsfreiheit, „Mission Zero 2020“, erreicht.

Als das Teilstück des I-85 in Georgia 2014 nach Anderson benannt wurde (Anderson schloss sein Studium am Georgia Institute of Technology mit Auszeichnung ab), war die Ehrung sowohl für seine Familie als auch für die Ray C. Anderson Foundation zunächst problematisch. Wie kann man einen Umweltpionier mit einer dreckigen Autobahn ehren? Sie beschlossen kurzerhand, aus dem entsprechenden Teilabschnitt des Highways, eine der innovativsten, umweltbewusstesten Straßen der Welt zu machen.

Von Bienchen und Blümchen

Bio-Drainage The Ray Highway

Die Bio-Drainage (Grafik: The Ray)

Davon zeugt, neben der Förderung von Elektrofahrzeugen und erneuerbaren Energie sowie der Reduktion von Emissionen, beispielsweise das Projekt „Bioswales“. Das sind Drainage-Gräben am Rande des Highways, die mit nativer Flora bepflanzt sind. Die Pflanzen in diesem Abflusssystem sorgen einerseits dafür, dass das Wasser selbst bei starkem Regen nicht zu einem reißenden Fluss wird. Darüber hinaus filtern die Pflanzen giftige Stoffe aus dem Wasser und sorgen zudem für einen schönen Anblick beim Autofahren.

Eine der neuesten Bemühungen in diese Richtung am Ray Highway ist der „Bestäubungsgarten“. Hier wurde ein kleines Habitat speziell für Blumen, Bienen und Schmetterlinge angelegt.

Alle Projekte von The Ray werden mit der Unterstützung von verschiedenen Kooperationspartnern umgesetzt. Dazu gehören beispielsweise das Georgia Department of Transportation, aber auch Unternehmen wie Walmart oder Kia.

In naher Zukunft sollen noch weitere Technologien hinzukommen. Geplant ist etwa eine mit Solarenergie betriebene Lärmschutzwand, Notfallhilfe per Drohnen sowie Straßen aus alten Autoreifen.

Das große Ziel ist es, gemeinsam einen „Netto-Null-Highway“ zu gestalten: null Tote, null CO2, null Abfälle und null Schäden.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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