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Neuester Corona-Trend: Travel-Shaming

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Travel Shaming ist der neueste Corona-Trend. (Foto: Pixabay / SplitShire )

Darf man in Corona-Zeiten reisen? Ist das unverantwortlich? Sollte man Fotos davon auf Social-Media posten? Für viele Reisende ist die Antwort darauf immer öfter „nein“. Denn sie erleben gerade die negative öffentliche Reaktion auf ihre Reisen – in Form von Travel Shaming. 

Travel Shaming gab es in gewisser Form auch vor Corona. Meist hängt es damit zusammen, dass bestimmte Menschen ganz klare Vorstellungen davon haben, was man beim Reisen tun darf und was nicht.

Das kann beispielsweise dazu führen, dass man sich über Camping-Urlauber lustig macht, die es sich „nicht leisten können“ in einem Luxushotel abzusteigen. Auch das Travel Shaming von Flugreisenden oder All-inclusive-Urlaubern in Zeiten von Klimawandel und nachhaltigem Tourismus ist nicht selten.


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Doch Corona hat Travel Shaming auf eine neue Stufe gehoben. Und das Problem dabei ist, dass keiner so genau weiß, was eigentlich legitim ist und was nicht.

Travel Shaming findet vor allem auf Social Media statt

Denn es geht dabei nicht etwa um Menschen, die reisen, obwohl sie es nicht dürfen. In der Regel halten sich die Urlauber an existierende Hygienevorschriften, Reisebeschränkungen und Regelungen zu Corona-Tests oder Quarantänevorschriften.

Dennoch: Die Tatsache, dass Menschen in diesen Zeiten reisen, stößt insbesondere in den sozialen Medien nicht auf viel Gegenliebe.

Insbesondere Reiseblogger oder Menschen, die auch vor Corona schon viel auf Reisen waren, bekommen nun die volle Wucht der negativen Kommentare per Social Media zu spüren. Meist erfolgt dies aber eher anonym über private Nachrichten.

Per Nachricht beschimpft

Der Reiseblogger Matt Long berichtet zum Beispiel gegenüber der Washington Post, dass er nach der Lockerung der Lockdown-Vorschriften in den USA langsam wieder begann durchs eigene Land zu reisen. Zu den Fotos, die er davon postete, bekam er fast durchweg positive Kommentare. Anders sah es in seiner Inbox aus.

Hier bekam er eine Nachricht nach der anderen von Menschen, die ihm seine Reisen übelnahmen. In einer Nachricht schrieb ihm jemand: „Ich habe mich seit zwei Monaten nicht über meine Einfahrt hinaus bewegt. Meine Tochter kann nicht zum Schwimmunterricht, aber du gehst in ein Resort. Nein, das ist nicht fair.“

Auch Sarah Archer, digitale Nomadin aus Boston, bekam das Travel Shaming hautnah zu spüren.

Um sich mit ihrem Freund in der Schweiz zu treffen, unternahmen die beiden eine Reihe von Reisen. Weil Sarah Archer zunächst nicht in die Schweiz einreisen durfte, flog sie nach Serbien. Das Land erlaubte zu diesem Zeitpunkt Einreisen aus den USA. Dort traf sie sich mit ihrem Freund.

Danach öffnete Kroatien seine Grenzen für US-Bürger, also reisten sie dorthin. Als die Schweiz dann wieder Einreisen aus Kroatien erlaubte, konnten die beiden dann gemeinsam in die Schweiz reisen.

Obwohl das Verhalten eigentlich regelkonform war und sie ihren Weg darum als „Reise-Tipps“ postete, waren die Reaktionen negativ. Follower fragten sie, ob es ihr nicht unverantwortlich und egoistisch vorkäme, in diesen Zeiten zu reisen.

Es gibt keine klaren Regeln

Tatsächlich gibt es keine einfachen Antworten darauf. Schließlich gibt es keine klaren Regeln oder eine passende Social-Media-Netiquette zum Reisen während Corona.

Wer entscheidet, welche Reisen wirklich notwendig sind und wie verantwortungsvoll jemand dabei ist? Theoretisch kann schließlich jemand achtsamer auf Reisen sein als eine andere Person im örtlichen Restaurant.

Weil es aber keine etablierten Normen dazu gibt, tendieren Menschen um so mehr dazu, diese Normen an existierenden Beispielen festzusetzen, sagt Krista Thomason, Professorin am Swathmore College und Scham-Expertin. Das sind in dem Fall die sehr sichtbaren Reise-Influencer.

Fehlende Normen wiederum beeinflussen auch, wie Scham entsteht und wie stark sie wirkt.

Als Ergebnis fehlender gesellschaftlicher Normen wirkt dann Social Media ersatzweise als soziales Korrektiv für Reisende. Manchmal kann das hilfreich sein, etwa, wenn man selbst einsieht, dass man auf dem Foto keine Maske getragen hat und dies künftig ändert.

In anderen Fällen ist Travel Shaming aber auch mit anderen Emotionen verbunden. Viele sind neidisch, weil sie ihre Reisen absagen mussten und selbst nicht reisen können. Andere wiederum sind ganz bewusst nicht gereist, um sich und andere zu schützen. Dann sorgt es für Unmut, wenn sie sehen, dass andere nicht so handeln.

In Zeiten, in denen wir nicht so genau wissen, was eigentlich richtig ist und was nicht, gibt es darum recht unterschiedliche Reaktionen auf das Travel Shaming, sowohl von Nutzern als auch von den Influencern selbst.

Reisen wird lange nicht „normal“ sein

Einige scheren sich gar nicht um die negativen Kommentare. Andere Influencer haben wiederum die Art ihrer Posts geändert und beschreiben darin nun vielmehr die Schwierigkeiten und Vorsichtsmaßnahmen auf ihren Reisen.

Andere wiederum nutzen ihre Posts, um anderen Mut zu machen und zu zeigen, wo und wie man auch während Corona reisen kann, ohne sich oder andere zu gefährden.

Doch ein großer Teil der Influencer wählt einen anderen Weg: Sie posten gar nicht mehr über ihre Reisen. Sei es, um dem Travel Shaming zu entgehen, sei es um anderen Nutzern die Ansicht auf etwas zu ersparen, das sie im Moment nicht tun können.

Im Endeffekt gibt es hier kein allgemeines „Richtig“ und „Falsch“. Klar ist, dass Reisen natürlich ein höheres Risiko birgt als zu Hause zu bleiben. Solange es aber keine Gesetze oder Auflagen gibt, wird jeder für sich entscheiden müssen, ob und wie er verreist und in welcher Form er das mit der Öffentlichkeit teilen möchte.

„Normal“ wird sich reisen aber sicher eine Weile nicht anfühlen. Im besten Fall führt Travel Shaming aber dazu, dass wir uns alle mehr Gedanken über unser Verhalten machen, dies gegebenenfalls ändern und Reisen kein Tabu-Thema bleibt, sondern wir vielmehr einen Dialog dazu starten.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin mit einer Leidenschaft für alles, was mobil ist. Sie selbst pendelt regelmäßig vorwiegend zwischen Europa, Südamerika und den USA hin und her und berichtet über Mobilitätstrends aus der ganzen Welt. Seit 2016 ist sie Chefredakteurin von Mobility Mag.

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