Transport

Turo-Deutschlandmanager Marcus Riecke: „Wir wollen 2018 Marktführer werden“

Turo Deutschland München
Bild: Turo
geschrieben von Marinela Potor

Deutschland bekommt ein neues Carsharing-Angebot. Turo, eine Peer-to-Peer Carsharing-Plattform aus den USA, hat seine Dienste nun auch hierzulande ausgerollt. Wir haben mit Turo-Deutschlandmanager Marcus Riecke über die Pläne des Unternehmens gesprochen und dabei herausgefunden: Andere Carsharing-Anbieter sind nicht die wahren Konkurrenten von Turo.

Seit etwa einer Woche hat Deutschland einen neuen Carsharer. Das US-Unternehmen Turo expandiert nun nach Großbritannien auch nach Deutschland. Die von Daimler unterstützte Plattform bietet privates Carsharing für längere Zeiträume an und glaubt, mit diesem bislang unterbesetzten Nischenangebot, auch in Deutschland erfolgreich sein zu können. Wir haben mit dem Deutschlandmanager von Turo, Marcus Riecke, ausführlich über den Deutschlandstart des Unternehmens gesprochen.

Deutschland ist keine besondere Herausforderung

Mobility Mag: Herr Riecke, warum expandiert Turo gerade jetzt nach Deutschland?

Marcus Riecke: Turo hat eine große Wachstumsdynamik. Allein in den letzten vier Monaten konnten wir mehr als eine Million neuer Anmeldungen in den USA und Kanada verzeichnen. Das macht uns zuversichtlich, dass wir für die nächste Stufe der internationalen Expansion gerüstet sind. Der Eintritt in Deutschland, einem der führenden Automobilmärkte, wird es uns ermöglichen, in Europa Fuß zu fassen.

Marcus Riecke Turo Deutschland

Marcus Riecke übernimmt die Zügel für Turo in Deutschland (Bild: Turo)

Inwiefern unterscheiden sich der deutsche Markt und die deutschen Nutzer von vorigen Turomärkten – sehen Sie besondere Herausforderungen?

Mit insgesamt 45 Millionen angemeldeten Autos ist Deutschland ein Land mit sehr großem Potenzial für uns. Wir glauben nicht, dass Deutschland eine besondere Herausforderung im Vergleich zu anderen Märkten darstellt. Turo ermöglicht, ungenutzte Potenziale von Privatautos zu optimieren, ist eine flexible Mobilitätslösung für Reisende und gibt Autobesitzern ein wertvolles Werkzeug an die Hand, um die Kosten ihrer Fahrzeuge auszugleichen – das ist für Deutsche genau so attraktiv, wie für Amerikaner oder Kanadier.

Daimler hat in der vergangenen Finanzierungsrunde von Turo kräftig investiert. Welche Rolle spielt der Konzern bei Turo Deutschland?

In seiner letzten Series-D-Finanzierungsrunde im September 2017 hat Turo 92 Millionen US-Dollar eingesammelt, davon alleine 35 Millionen von Daimler. In diesem Rahmen wurde Daimlers Peer-to-Peer-Carsharing-Plattform Croove in Turo integriert. Die Partnerschaft zwischen Turo und Daimler betrachten wir als Gewinn für beide Seiten: Das Know-how und die Erfahrung von Croove ermöglichen einen sofortigen Einstieg von Turo in den deutschen Markt. Gleichzeitig baut Daimler mit der Investition in Turo seine starke Position im Bereich der Mobilitätsdienstleistungen weiter aus.

Daimler hat doch mit Car2Go ein eigenes Carsharing-Angebot. Steht Turo damit nicht in direkter Konkurrenz zu dem Angebot von Daimler?

Die Mietdauer bei Turo beträgt mindestens einen Tag. Ausgehend von unserer Erfahrung aus den USA mieten unsere Nutzer durchschnittlich ein Auto für drei bis vier Tage. Turo eignet sich also besonders für Reisende, ob nun für einen Wochenendtrip oder auch einen längeren Urlaub.

Turo tritt also weniger in Konkurrenz zu „klassischen“ Carsharing-Diensten wie Car2Go, sondern deckt eine weitere Facette im Mobilitätsportfolio ab. Lösungen, die wir aus dem Stadtbild kennen und über die auch für sehr kurze Zeiträume Autos angemietet werden können, werden so durch ein Angebot ergänzt, das längere und weitere Strecken bedient. Damit treten wir viel eher in Konkurrenz mit herkömmlichen Autovermieten.

Sie glauben also nicht, dass andere P2P-Carsharing-Anbieter in Deutschland wie Getaway, Sono Motors oder BeeRides Ihre Konkurrenten sind?

Turo ist der erste und größte Peer-to-Peer-Carsharing-Marktplatz der Welt. Als Pionier in diesem Bereich hat Turo umfangreiche Erfahrungen und Know-how beim Aufbau eines solchen Marktplatzes gesammelt. Mit Fahrzeugen in über 5.500 Städten in den USA, Kanada, Großbritannien und jetzt auch in Deutschland hat Turo das größte globale Netzwerk – mit einem Angebot aus derzeit über 200.000 gelisteten Fahrzeugen und mehr als 850 Marken und Modellen. Für Reisende bietet Turo eine echte Alternative zu herkömmlichen, teureren Angeboten professioneller Autovermieter. Reisende können Fahrzeuge über die Plattform in der Regel 35 Prozent günstiger mieten, als bei traditionellen Vermietern.

Wichtig ist auch, dass der Aufbau des P2P-Marktplatzes mit einem breiten Angebot hohe Investitionen erfordert. Mit Gesamtinvestition von 200 Millionen Dollar, die wir bisher beschafft haben, sind wir sehr stark auf dem Markt positioniert.

Wie viele Transaktionen finden auf eigentlich auf Turo insgesamt pro Monat statt?

Diese Zahl möchten wir aus strategischen Gründen aktuell nicht nennen.

Menschlicher Kontakt statt Technologie

Neben der starken Marktposition ist ein interessantes Alleinstellungsmerkmal von Turo der „erzwungene“ persönliche Kontakt zwischen Autovermieter und Mieter. Die Personen müssen sich persönlich treffen. Warum ist das so wichtig?

Wir sind überzeugt, das beim Peer-to-Peer-Carsharing, wie bei anderen Peer-to-Peer Services, der persönliche Kontakt zwischen Besitzer und Reisendem der entscheidende Faktor ist. Turo baut in erster Linie eine Community auf und verzichtet deshalb bewusst auf den Einsatz mobiler Technologien zur Türöffnung, sodass Autobesitzer und Reisende bei der Anmietung eines Autos miteinander interagieren und eine zuverlässige und vertrauenswürdige Gemeinschaft entstehen kann. Außerdem hat sich gezeigt, dass Reisende verantwortungsvoller mit Autos umgehen, die sie von Leuten mieten, die sie persönlich kennengelernt haben.

Turo Hosts und Vermieter

Turo setzt auf menschlichen Kontakt statt Technologie (Bild: Turo)

Wir haben mal probeweise auf der Webseite von Turo nach Autos in Deutschland gesucht. Das Angebot sah noch recht spärlich aus, keine Autos in Köln und eine Handvoll in München und Berlin zusammen. Zugegeben, Ihr Angebot gibt es erst seit ein paar Tagen. Wie viele Nutzer haben sich in Deutschland denn bisher schon angemeldet?

Wir sind natürlich am Anfang mit dem Aufbau unseres Angebots, da wir erst seit letzter Woche in Deutschland präsent sind. Wir beobachten jedoch bereits ein rasantes Wachstum bei den Anmeldungen.

Um unser Angebot noch attraktiver für Anbieter zu machen, haben wir gerade eine Sonderaktion für die deutschen Autobesitzer. Die Autobesitzer, die ihre Fahrzeuge bis zum 22. Juli 2018 auf Turo einstellen, bezahlen keine Provision auf die Anmietung und behalten somit während des Aktionszeitraums 100% ihres Gewinns.

Eine konkrete Nutzerzahl gibt es nicht?

Wir gesagt, wir freuen uns, nicht einmal eine Woche nach offiziellem Marktstart einen rasanten Anstieg feststellen zu können. Aber jede Zahl, die wir heute nennen, wäre morgen schon veraltet. Wir planen, im weiteren Verlauf des Jahres diesbezüglich konkret Stellung nehmen zu können.

Neun Tage Autoverleih kann im Schnitt laufende Kosten eines Autos kompensieren

Kommen wir mal zum konkreten Angebot für Nutzer bei Turo. Sagen wir mal jemand vermietet einen VW Golf. Wie viel kann er im Schnitt damit verdienen?

Die Anbieter sind frei, den Preis der Vermietung ihres Fahrzeugs selbst festzulegen, obwohl wir auch eine automatische Bepreisung bieten. Für Deutschland ist es noch zu früh zu sagen, wie viel man mit einem konkreten Modell durchschnittlich verdienen kann.

Die durchschnittliche US-Zahlen für das Jahr 2017 (alle Modelle) sind folgende. Die durchschnittliche Anzahl der Tage pro Monat, an denen ein Fahrzeug auf Turo vermietet wird, liegt bei 11 Tagen. Die Durchschnittseinnamen pro Monat von einem Turovermieter, Hosts genannt, liegen bei 625 US-Dollar. Damit reicht es im Schnitt, sein Fahrzeug neun Tage pro Monat zu vermieten, um die laufenden Kosten eines Autos kompensieren oder erheblich senken zu können.

Ein großes Thema beim Peer-to-Peer-Carsharing ist die Versicherung. Dazu arbeitet Turo in Deutschland mit dem Versicherer Allianz zusammen: Wie sieht der Versicherungsschutz konkret aus?

Bei Unfällen oder Schäden sind sowohl Fahrzeughalter als auch Mieter bei der Allianz in Deutschland versichert. Es gibt einen Teil- und Vollkaskoschutz bei Beschädigung, Zerstörung, Totalschaden oder Verlust des Fahrzeugs einschließlich seiner mitversicherten Teile. Es gibt keine Selbstbeteiligung für den Vermieter und eine frei wählbare Selbstbeteiligung für den Mieter von 1000 Euro bis 250 Euro über alle zugelassenen Fahrzeugkategorien und Schadensarten.

Dann haben wir noch eine Haftpflichtversicherung. Also, bei einem Unfall und Schaden mit Fremdbeteiligung liegt die Deckungssumme bei 100 Millionen Euro, bei Personenschäden bei maximal 15 Millionen Euro je geschädigte Person.

Hinzu kommt eine Pannenhilfe bei jeglicher Art von Unfällen oder technischen Problemen sowie ein erweiterter Schutzbrief für Mieter und Vermieter. Der beinhaltet wahlweise Leihwagen aus dem Turo-Angebot, Übernachtungen, Transport zum Zielort oder Rücktransport.

Ziel 2018: Marktführer in Deutschland werden

Nach dem Start in Deutschland: Was ist für die nächsten Monate geplant?

In den nächsten Monaten werden wir uns darauf konzentrieren, die kritische Masse an Nutzern von Turo in Deutschland aufzubauen. Wir gehen davon aus, dass Großstädte wie Berlin, München oder Hamburg zu Beginn unsere Leitmärkte sein werden, während wir unsere Präsenz überall in Deutschland sukzessive ausbauen.

Wo soll Turo in Deutschland in einem Jahr stehen?

Unser erklärtes Ziel ist es, bis Ende 2018 Marktführer in Deutschland zu werden.

Sollen weitere Länder in Europa dazukommen?

Wir sind seit Ende 2016 in Großbritannien präsent. In diesem Jahr werden wir uns auf Deutschland konzentrieren, da es ein wichtiges Land für unseren Einstieg in Europa ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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