Transport

Uber-Unfall: Notfallbremse war nicht aktiviert und Fußängerin hatte Drogen intus

Uber autonomes Fahren
Nach dem tödlichen Uber-Unfall liefert ein offizieller Bericht erste Erkenntnisse (Foto: Uber)
geschrieben von Marinela Potor

Nachdem ein autonomes Testauto von Uber in Tempe, Arizona am 18. März eine Fußgängerin bei einem Unfall tödlich verletzt hatte, fragten sich alle: Was war passiert? Bisher gab es lediglich Vermutungen, jetzt hat die Verkehrsbehörde National Transportation Safety Board (NTSB) einen ersten vorläufigen Unfallbericht herausgebracht. Interessanteste Erkenntnisse: Uber hat geschlampt und die Fußgängerin war möglicherweise high.

Der vorläufige Bericht des NTSB ist etwa drei Seiten lang, beschreibt ausführlich den Tathergang und liefert mögliche Erklärungen für den tragischen Uber-Unfall.

Die Ausgangslage

Am 18. März 2018 um 21.58 Uhr überquerte eine 49-jährige Fußgängerin die Straße, während das Uber-Fahrzeug auf sie zufuhr. Dabei erfasste das Fahrzeug die Frau mit einer Geschwindigkeit von etwa 62 Kilometer pro Stunde (erlaubt waren umgerechnet etwa 72 Kilometer pro Stunde). Die Frau erlag im Krankenhaus ihren Verletzungen.

Zwei Fakten sind dabei noch interessant: Die Straße war beleuchtet und die Fußgängerin hat die Straße nicht ordnungsgemäß an einem Fußgängerüberweg überquert. Dieser befand sich etwa 100 Meter von der Unfallstelle entfernt.

Uber Unfall Bericht Unfallort

Luftansicht auf den Unfallort und Unfallauto (Foto: Screenshot / NTSB)

Das Fahrzeug

Beim Testfahrzeug handelte es sich um einen selbstfahrenden Volvo. Das Auto kann sowohl manuell, also über die Sicherheitsfahrer, als auch autonom operiert werden. Das Wechseln vom autonomen zum manuellen Modus erfolgt über das Eingreifen der Sicherheitsfahrer.

Wenn also ein Sicherheitsfahrer eine Lenkfunktion übernimmt, indem er zum Beispiel die Bremse betätigt oder das Lenkrad bewegt, schaltet das Fahrzeug automatisch in den manuellen Modus um.

Das Uber-Auto war mit Kameras ausgestattet, die nach vorne, nach hinten und zur Seite blicken konnten. Uber hatte das Auto mit einer zusätzlichen Rück-Kamera ausgestattet.

Darüber hinaus hatte das Auto LIDAR– und Navigationssensoren sowie eine vorprogrammierte Karte, die dem Auto unter anderem Informationen zur Route, Geschwindigkeitsbegrenzungen und erlaubten Spurenwechseln liefern konnte.

Nach Angaben des Reports funktionierten während der gesamten Fahrt alle Sensoren, Kameras und Computersysteme.

Richtig spannend wird der Report dann bei den Sicherheitssystemen. Der Volvo war unter anderem mit einem Notbremsassistenten sowie mit einer automatischen Notbremsfunktion – City Safety – ausgestattet.

Doch: All diese Funktionen waren laut Bericht bei der Uber-Testfahrt im autonomen Modus (nicht im manuellen!) deaktiviert. Uber sagt, das sei Absicht gewesen, um so das zu erratische Verhalten der Fahrzeuge zu verhindern.

Gleichzeitig sei es, nach Angaben von Uber, Aufgabe der Sicherheitsfahrer bei Fehlfunktionen sofort das Steuer zu übernehmen. Allerdings ist es gleichzeitig auch die Aufgabe der Sicherheitsfahrer auf einem Monitor alle Systemfunktionen zu verfolgen und für den Fahrbericht während der Fahrt bestimmte Checkboxen zu markieren.

Wer das Unfallvideo gesehen hat: Das ist es, was die Sicherheitsfahrerin kurz vor dem Zusammenprall tut. Sie schaut nicht, wie von einigen vermutet, auf ihr Smartphone. Gegenüber den Behörden sagte die Fahrerin, sie habe während der Fahrt weder ihr privates Handy noch das Unternehmenshandy benutzt.

Der Unfall

Nach Informationen, die das NTSB vom autonomen System einsehen konnte, haben Radar und LIDAR die Fußgängerin etwa sechs Sekunden vor dem Zusammenprall registriert. In dem Augenblick fuhr das Auto etwa 70 Kilometer pro Stunde.

Das System ordnete die Frau beim Weiterfahren erst als unbekanntes Objekt, dann als Auto und schließlich als Fahrrad ein – mit jeweils unterschiedlichen Erwartungen an das jeweilige Verhalten und somit auch mit unterschiedlichen Fahrempfehlungen für das eigene System.

Etwa 1,3 Sekunden vor dem Zusammenprall entschied das System, dass ein Notbremsmanöver notwendig sei, um eine Kollision zu vermeiden. Wie bereits erwähnt, können die Uber-Fahrzeuge diese Funktion nicht selbst ausführen, da Uber diese Funktion abgestellt hat.

Im vorliegenden Fall hätte also die Sicherheitsfahrerin eingreifen müssen. Nur: Das Uber-System war ebenfalls nicht darauf programmiert, die Sicherheitsfahrerin zu warnen oder zu einer Handlung aufzufordern.

Ohne Warnsignal, im Dunkeln und durch gesenkten Blick auf den Kontrollmonitor erkannte die Sicherheitsfahrerin so die Gefahr auf der Straße zu spät. Sie versuchte zwar noch zu bremsen, da war es aber schon zu spät.

Die Fußgängerin

Der Report deckt auch einen interessanten Aspekt über die verstorbene Fußgängerin auf: Der Toxikologie-Bericht der Verstorbenen war positiv für Marihuana und für Methamphetamin.

Methamphetamin kann in den USA sowohl als Arznei bei Aufmerksamkeitsdefizitstörung als auch als Droge, zum Beispiel in Crystal Meth vorkommen. Der Report liefert hier keine genaueren Informationen.

Die Folgen

Der vorläufige Unfallbericht klärt zumindest einige Punkte, über die bislang spekuliert wurde. So wissen wir jetzt zum Beispiel, warum die Sicherheitsfahrerin abgelenkt war. Auch ist klar, dass das Uber-Auto nicht zu schnell unterwegs war und dass alle Systeme die Fußgängerin erkannt und das richtige Fahrverhalten abgeleitet hatten.

Gleichzeitig wirft der Bericht auch eine Reihe von neuen Fragen auf.

  1. Fahren autonome Fahrzeuge wirklich so unberechenbar, wenn der Notbremsassistent eingeschaltet ist?
  2. Wissen die Sicherheitsfahrer, dass sie im Notfall eingreifen müssen?
  3. Wieso hat Uber entschieden, die Warnfunktion für Sicherheitsfahrer auszuschalten?
  4. Reichen 1,3 Sekunden, um zu bremsen, oder warum hat das Fahrzeug nicht schon vorher versucht zu bremsen?
  5. Hat Uber hier möglicherweise absichtlich einige Sicherheitsstufen übersprungen, um die Entwicklung der autonomen Fahrzeuge so schnell wie möglich voranzutreiben?
  6. Wissen die Sicherheitsfahrer, dass das System sie im Notfall nicht zum Bremsen auffordert?
  7. Ist es wirklich verantwortungsvoll, die Sicherheitsfahrer einerseits mit dem Beobachten des Systems auf einem Monitor zu beauftragen, während sie gleichzeitig in Notfallsituationen voll aufmerksam sein müssen?
  8. Hätte der Unfall vermieden werden können, wenn die Fußgängerin am Zebrastreifen die Straße überquert hätte? Denn theoretisch hätte das Fahrzeug dann erstens schneller erkannt, dass es sich um einen Menschen handelt und zweitens automatisch vor dem Fußgängerüberweg gestoppt…
  9. Hatten Drogen einen Einfluss auf das Verhalten der Fußgängerin?

Da dies nur ein vorläufiger Bericht ist, bleibt abzuwarten, ob der endgültige Report uns mehr Antworten liefert.

Uber darf seit dem Unfall keine autonomen Fahrzeuge mehr in Arizona testen. Das Unternehmen hat gesagt, dass es sich aktuell auf seine Programme in Pittsburgh und San Francisco konzentrieren möchte.

Wenn sich allerdings herausstellt, dass die Fahrzeuge dort nach dem gleichen Prinzip wie in Arizona operieren, scheint der nächste Unfall schon vorprogrammiert.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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