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Unterwegs mit Kind: Digitales Nomadentum zu zweit

Unterwegs mit Kind
geschrieben von Eva Wieners

Ich bin schon immer viel gereist und war permanent in Europa unterwegs, direkt nach dem Abitur hab ich meinen Rucksack gepackt und bin auf nach Südamerika. Meinetwegen hätte dieses Leben ewig weitergehen können, aber dann wurde meine Tochter geboren. Ihre ersten Lebensjahre haben wir in Deutschland verbracht und versucht, Wurzeln zu schlagen. Je länger wir da waren, desto mehr wurde mir jedoch klar, dass das so nicht klappt. Eine Arbeit zu finden war schwer, Kinderbetreuung teuer, und ich war die meiste Zeit nur noch unzufrieden. Als dann ein Angebot aus Nepal kam, habe ich nicht lange überlegt, sondern bin mit Kind und Kegel losgefahren. Seit jetzt fast vier Jahren lebe ich mit meiner Tochter im Ausland, die meiste Zeit weiterhin in Nepal, aber auch auf Reisen. Aber geht das eigentlich mit Kind? Auch wenn natürlich nicht immer alles ganz einfach ist, so wird mir doch auch immer wieder klar, was für unglaubliche Vorteile Miriam dadurch hat, dass sie im Ausland und unterwegs aufwächst.

„Reisen ist ja schön und gut, aber brauchen Kinder nicht eher Wurzeln?“ ist ein Satz, den ich schon oft gehört habe. Viele Menschen können sich nicht vorstellen, dass Miriam eine glückliche und erfüllte Kindheit hat ohne eigenes Kinderzimmer, einen riesigen Haufen Spielzeug und ein festes Zuhause. Wenn ich mir mein Kind aber heute anschaue, wird mir immer wieder bewusst, wie unglaublich viel sie in den letzten vier Jahren gelernt hat und wie sehr sie unsere Zeit in Nepal und unterwegs geprägt hat. Obwohl sie natürlich manchmal Deutschland vermisst, so sind die Vorteile, die sie durch unseren Lebensstil hat glaube ich unzählbar.

Das fängt natürlich schon bei den Sprachen an. Meine Tochter spricht mit ihren sechs Jahren schon drei Sprachen, die sie sich vollkommen selbstständig angeeignet hat. Deutsch spricht sie mit mir, Nepali mit ihren Freunden, und Englisch kam irgendwie einfach so dazu. Ich spreche Englisch im Büro mit meinen Kollegen und den Volontären, und obwohl ich wusste, dass sie einiges versteht, war ich dann doch selbst überrascht, als sie eines Tages mit einem englischsprachigen Kind ein fast fehlerloses Gespräch geführt hat. Viele Studien belegen ja auch, dass der frühe Erwerb einer zweiten Sprache das Gehirn beeinflusst und es ein Leben lang leichter macht, Fremdsprachen zu lernen.

Mit 6 Jahren schon multilingual

Da Kaule ein kleines Dorf ist und ich in einem landwirtschaftlichen Projekt arbeite, wächst Miriam hier auch viel näher an der Natur auf. Jeden Morgen frühstücken wir draußen, und jeden Abend machen wir ein Lagerfeuer und schauen uns den Sternenhimmel an. Miriam weiß, dass Fleisch von Tieren kommt und dass diese geschlachtet werden müssen, und sie versteht genau, wie Pflanzen wachsen und wie viel Arbeit es benötigt, bis das fertige Produkt auf dem Tisch steht. Sie lernt den respektvollen Umgang mit der Natur und lernt genauso, die Natur zu lieben. Schon jetzt geht sie gerne Wandern und hält mit ihren kleinen Beinchen sogar mit mir mit.

Das Wort „interkulturelle Kompetenz“ hat heutzutage ja große Bedeutung, es gibt kaum eine Bewerbung mehr, in der es nicht mindestens einmal vorkommt. Ich musste mir meine „interkulturelle Kompetenz“ hart erarbeiteten, und ehrlichgesagt würde ich mich immer noch nicht als komplett offen anderen Kulturen gegenüber bezeichnen. Der erste Reflex, anderes als komisch zu empfinden, greift bei mir immer noch viel zu oft, auch wenn ich natürlich versuche, mich durch bewusste Auseinandersetzung davon zu distanzieren. Meine Tochter wird diesen Prozess niemals durchlaufen müssen. Sie wächst in dem Bewusstsein auf, dass es viele unterschiedliche Kulturen gibt und dass alle ihren Platz haben und gleichwertig sind. Sie wird es niemals komisch finden, dass man in anderen Ländern mit den Händen isst, da sie dies in Nepal selbst gemacht hat. Genauso wird sie es niemals komisch finden, dass das in Deutschland nicht geht, da sie selbst erfahren hat, dass hier die Gabel benutzt wird. Sie weiß, wie es sich anfühlt, in der Minderheit zu sein und kann sich daher viel besser in andere hineinversetzen und würde niemals jemanden auf Grund seiner Andersartigkeit diskriminieren. Sie hat schon in jungem Alter gelernt, wie man Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede überbrückt und trotzdem gemeinsam spielen und Spaß haben kann.

Von Buddha bis Maya-Gottheiten

Am deutlichsten fällt mir das immer wieder in Bezug auf Religion auf. Miriam wächst mit so vielen verschiedenen Einflüssen auf, die für sie aber alle gleichwertig sind. Wenn wir in Deutschland in der Kirche sind, dann zündet sie eine Kerze an und versucht, die Bilder an der Wand zu verstehen. Kommen wir an einer buddhistischen Stupa vorbei, dann betet sie und murmelt Mantras, die sie von ihrer Tagesmutter gelernt hat. An einem hinduistischen Schrein weiß sie, wie sie das Tikka – den roten Punkt auf der Stirn – nimmt, und als wir in Mexiko waren hat sie Maya-Gottheiten ganz selbstverständlich in ihr Religionssystem eingeordnet. Für sie schließt sich nichts aus, sondern alles ergänzt sich und hat seine eigene Richtigkeit. Und in der heutigen Welt, in der sich so viele Menschen aus Unwissenheit oder Angst abgrenzen, ist das meiner Meinung nach genau das, was wir für die nächste Generation brauchen.

Natürlich ist nicht alles rosarot, es gibt auch viele Schwierigkeiten, mit denen wir klarkommen müssen. Für mich persönlich fast die größte Herausforderung, ist da die Arbeit. Auch wenn das ortsunabhängige arbeiten mit dem Computer natürlich das ist, was uns diesen Lebensstil erst ermöglicht, so komme ich doch immer wieder in die Gefahr, kein Ende zu finden. Da ich kein Büro habe, kann ich auch nicht nach Hause gehen und aufhören zu arbeiten, eigentlich könnte ich immer etwas machen. Miriam hat das jetzt schon verstanden und rollt manchmal die Augen, wenn sie mich am PC sieht: Mama, du sagst immer du guckst nur eine Sache, und dann bist du eine Stunde lang weg. Und Recht hat sie, da muss ich dringend an mir arbeiten.

„Was kann man sich mehr wünschen?“

Jetzt kommt Miriam in das schulpflichtige Alter, und es kommen auch noch ganz andere Entscheidungen auf uns zu. Im Moment geht sie auf eine nepalische Schule, aber ob das für immer so bleiben kann, ist ungewiss. Und ganz bestimmt ist diese Art und Weise aufzuwachsen nicht etwas für jedes Kind. Ich habe nur einfach das Glück, dass meine Tochter und ich in dieser Hinsicht sehr ähnlich sind. Ob das für immer so bleibt? Auch das weiß ich nicht, aber im Moment haben wir etwas gefunden, das uns beiden viel gibt und uns ein erfülltes, spannendes und zufriedenes Leben ermöglicht. Und was kann man sich mehr wünschen?


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Über den Autor

Eva Wieners

Seit bald fast vier Jahren sind Eva (31) und ihre Tochter Miriam (6) nun schon in der Welt unterwegs und weiterhin voller Abenteuerlust. Die meiste Zeit verbringen die beiden in Nepal, wo Eva ihre Doktorarbeit schreibt und in einem Agroforstprojekt arbeitet und Miriam mittlerweile zur Schule geht.

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