Mobile Living

Probleme im Paradies? Egal! Warum ich mein Leben als digitale Nomadin trotzdem liebe

geschrieben von Marinela Potor

Nachdem ich ja vor Kurzem tief in die Depressionskiste gegriffen habe, und lang und breit über die Schattenseiten des Nomadenlebens berichtet habe, möchte ich diese Woche wieder etwas Sonnenschein in diese Kolumne bringen. Denn natürlich sitze ich nicht jeden Tag in einer Ecke und heule über mein ach-so-hartes Dasein. Mir geht es lediglich darum, dass anderen klar wird, dass das Leben der digitalen Nomaden keine dauerhafte rosarote Wolke ist, sondern auch mit Unwettern und Stürmen einhergeht. Warum ich trotzdem so lebe und wie ich mit diesen Hürden umgehe, darüber möchte ich dieses Mal sprechen.

Heimweh ade!

Ich kann nicht leugnen, dass auch ich ab und zu mal Heimweh habe, beziehungsweise mich nach bestimmten Orten und Menschen sehne, wenn ich Tausende von Kilometern entfernt bin. Doch es ist natürlich nicht so, dass ich ständig traurig bin. Wer dauerhaft ein Heim vermisst, sollte sowieso meiner Meinung nach den reisenden Lebensstil überdenken. Wenn bei mir also mal wieder das Heimweh anklopft – was wirklich selten ist – schwelge ich manchmal wirklich darin. So ab und zu tut es auch einfach mal gut, sich dem Heimatlichen hinzugeben.

Wenn ich aber wirklich jemanden vermisse, dann schreibe ich dieser Person einfach eine E-mail oder skype mit ihnen. Das ist natürlich nicht das gleiche, wie gemeinsam in die Eisdiele gehen, aber das Internet gibt uns unendlich viele Möglichkeiten der Kommunikation, sodass ich mich nie völlig weit weg von meinen Liebsten fühle.

Darüber hinaus ist natürlich auch genau mein Lebensstil ideal dafür, um Freunde auf aller Welt zu besuchen. Ich richte nicht unbedingt meine Reisen danach aus, aber es ist natürlich ein unglaublicher Vorteil, wenn ich spontan entscheiden kann, meine Freundin in Mexiko Stadt zu besuchen, um mich danach mit Kumpels in Washington D.C. zu treffen. So schlage ich dem Heimweh einfach ein Schnippchen.

Das allerbeste Mittel gegen das Weh nach dem Daheim ist aber tatsächlich, den Ort zu genießen, an dem man gerade ist. Denn jedes Fleckchen auf dieser Welt hat Dinge, die kein anderer Ort bieten kann, Freunde, die gerade hier sind und Abenteuer, die auf einen warten. Das ist für mich auch mit das Größte an meinem Leben, dass ich die Möglichkeit habe, all diese Orte kennen- und lieben zu lernen.

Gemeinsam ist man nicht einsam

Da ich bereits seit vier Jahren mit meinem Freund die Welt erkunde, fühle ich mich sowieso fast nie einsam. Doch auch für Alleinreisende digitale Nomaden sind neue Bekanntschaften oft nur einen Klick entfernt. Es gibt eine digitale Gemeinschaft von anderen Ortsunabhängigen, die auch immer weiter wächst.

So ist es wirklich ein leichtes, seine Onlinebekanntschafte auch Offline zu treffen. Darüber hinaus kann man sich mit Gleichgesinnten in Coworking Spaces, bei Meetups oder über Couchsurfing-Treffen ganz schnell kennen lernen und ist damit eigentlich nur dann allein, wann man es wirklich will.

Wenn Arbeit zum Vergnügen wird

Ich kann nicht leugnen, dass ich viel zu viel für viel zu wenig Geld arbeite. Hinzu kommt, dass ich in den ersten Jahren meiner Ortsunabhängigkeit auch noch Jobs hatte, die mich zwar ernährt, aber nie erfüllt haben. Da fragt man sich natürlich schon hin und wieder, warum man das eigentlich alles macht. Doch gerade in den letzten zwei Jahren hat sich für mich viel geändert. Ich arbeite immer noch zu viel (full disclosure: ich war schon immer und bin auch jetzt noch ein absoluter Workaholic), dafür aber fast ausschließlich in Jobs, die mir sehr viel Spaß machen. Ich kann fast völlig von meiner Arbeit als freie Journalistin leben und habe zudem noch ein paar neue aufregende Projekte am Start, eins davon unser Onlinemagazin MeinLeben.digital.

Zusammengefasst kann ich nicht bestreiten, dass ich sehr viele Stunden vorm Laptop verbringe, aber wie viele Menschen mit einer Festanstellung können sagen, dass ihnen ihre Arbeit wie Vergnügen vorkommt?

Sicherheit ist eine Illusion

Tja, das mit der Sicherheit ist so eine Sache. Meiner Meinung nach ist das Konzept, dass etwas „fest”,  „sicher“ und „verwurzelt“ ist sowieso nur ein ideologisches Konstrukt. Alles verändert sich ständig und die Vorstellung einer Heimat, eines Ursprungs, wo wir „hingehören“ ist absolut beliebig. Meine Familie hat – ohne den Ort zu wechseln – im Laufe eines Jahrhunderts im russischen Zarenreich, im Österreich-Ungarischen Reich, in Rumänien und in der Ukraine gelebt. Die Zugehörigkeit zu einem Ort war für mir als Migrantenkind sowieso schon immer suspekt und so glaube ich weder, dass Heimat tatsächlich örtlich gebunden ist, noch dass sie einem Sicherheit verleiht.

Sicherheit ist ein Geisteszustand, den ich genauso auf Reisen in Südostasien wie an der Nordsee haben kann. Ob ich mich daher unsicher fühle, liegt für mich nicht am Ort, sondern an der Psyche.

Auch andere Sicherheitskonzepte wie das feste Einkommen und die Rente sind reine Interpretationssache. Natürlich geht jeder Selbstständige erstmal ein finanzielles Risiko ein. Doch ist er dann auch sein eigener Herr, und damit auch Herr über sein Einkommen. Je mehr Erfahrung ich als Freiberuflerin sammle, umso mehr kann ich auch mein Gehalt selbst bestimmen und kein Chef schreibt mir vor, was meine Arbeit wert ist.

Die Rente – das wissen wir sowieso alle – ist eh nicht mehr sicher, zumindest nicht als staatlich geregeltes Einkommen, sodass auch Angestellte sich auf anderen Wegen absichern müssen. Oder, was noch schlimmer ist, sich auf den Staat und diese „Sicherheit“ verlassen haben und nun mit sehr wenig bis nichts dastehen. Da ist es mir viel lieber, dass ich meine eigene Sicherheit in der Hand habe und mich hier nicht auf andere verlassen muss.

Ich mach mir meine Routine selbst

So ähnlich sehe ich das auch mit dem ungeregelten Tagesablauf. Es stimmt, dass wir als Webworker, Selbständige und Freiberufler keine feste Routine haben, doch es stimmt auch, dass uns niemand einen Rhythmus vorschreibt. Mir diktiert niemand, wann ich aufstehen muss und auch nicht, wann ich am Schreibtisch zu sitzen habe. So habe ich die Freiheit, mir meine ganz eigenen Rituale nach meinen persönlichen Wünschen zu gestalten. Wenn ich also als Routine morgens Fernsehserien schauen joggen gehen will, kann ich das tun. Wenn ich immer von 15 Uhr bis 20 Uhr produktiv sein will, kann ich das ebenfalls selbst entscheiden.

Denn es ist ja nicht so, als könnten wir uns als digitale Nomaden keine Routine einrichten. Auch wenn natürlich nicht immer alles nach Plan läuft und wir mit Sicherheit keine 9-to-5 Tage haben, können wir selbst bestimmen, was Routine ist und wie sie für uns aussieht.

Stress ist Kopfsache

Ähnlich wie Sicherheit, ist Stress für jeden etwas anderes. Natürlich ist es stressig, wenn das blöde WLAN mitten im Skype-Interview ausfällt. Oder wenn die Krankenkasse mir einfach nicht sagen kann, wie mein Fall nun konkret ist – weil sie keine Versicherungen für digitale Nomaden anbieten.

Doch zeigt mir das Leben, das absolut stressfrei ist! Okay, von dem Dasein als buddhistischer Mönch mal abgesehen. Genau! Eltern haben Stress, wenn sie sich um ihre Kinder sorgen. Angestellte haben Stress, wenn ihr Chef sie unter Druck setzt. Rentner haben Stress, wenn die Bahn Verspätung hat. Alle haben Stress, wenn sie im Stau stehen. Stress kann man immer haben, doch wie man mit solchen Situationen umgeht, entscheidet letztendlich, ob es eine Katastrophe oder nur ein Problemchen ist.

Ich wage sogar zu behaupten, dass Menschen, die viel reisen entspannter sind, weil wir so oft ungeplanten Situationen ausgesetzt sind. Man kann sich dann versuchen mit dem Busfahrer in Bolivien anzulegen oder eben einfach abwarten, die Landschaft genießen und sich mit seinen Mitreisenden unterhalten. Unverhofft kommt so oft auf Reisen, dass mein Freund und ich bei ausgefallener Klimaanlage in der deutschen Bahn und 50 Grad Innentemperatur völlig entspannt waren, während alle anderen im Zug völlig ausgerastet sind.

Darüber hinaus kann man natürlich auch bei unserem Lebensstil Stresssituationen nie zu 100 Prozent vermeiden, doch auch wir können planen. Wir können uns vorab darüber informieren, wie das Internet an einem Ort ist und mit Datenpaketen auf lokalen SIM-Karten für den Fall der Fälle vorsorgen. Wir können in Coworking Spaces arbeiten und so zumindest den technischen Stressfaktor reduzieren.

Ein Leben mit Hochs und Tiefs

Das Thema Versicherungen ist, vermute ich mal, für die wenigsten jemals entspannt. Doch so langsam aber sicher bewegt sich auch hier etwas. Es gibt mehr Menschen, die die gleichen Fragen haben und es wird einfacher, bürokratische Angelegenheiten auch als digitaler Nomade zu regeln.

Vorwürfe zum eigenen Lebensentwurf müsste ich mir wahrscheinlich sowieso anhören. Wenn ich sesshaft mit einem festen Job wäre, würde mir jemand vorwerfen, ich sei langweilig. Oder ich würde dauernd gefragt werden, warum ich noch keine Kinder habe. Oder warum ich in einer Großstadt wohne. Oder warum ich nicht vegan lebe. Egal, wie wir unser Leben leben – irgendjemand wird immer etwas daran zu meckern haben. Was andere denken, sollte daher NIE der Grund für den eigenen Lebensentwurf sein. Wichtig ist, dass ihr glücklich seid. Und falls nicht: Dann seid auch ihr in der Verantwortung, an eurem Leben etwas zu ändern.

So kann ich ganz ehrlich sagen, dass ich mein Leben mit allen Hochs und Tiefs liebe und aktuell so rein gar nichts daran ändern möchte. Und das sollte eigentlich nicht nur für digitale Nomaden, sondern für alle gelten!


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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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