Transport

Lebensgefahr Warschauer Straße? Wer wirklich vom Umbau profitiert [Kommentar]

Warschauer Straße Berlin
Bild: Wibke Reckzeh, Bearbeitung: Rabea Seibert
geschrieben von Dirk von Schneidemesser

Vor rund einem Jahr wurden die Bauarbeiten an der Warschauer Straße in Berlin beendet. Die Stadt feierte die Umbauten als Gewinn. Doch Gewinn für wen eigentlich? Fragt Fahrradaktivist und Wahlberliner Dirk von Schneidemesser…

Berlin hat 9.950 Straßen. Doch man muss sie nicht alle kennen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie die Dinge in der Hauptstadt laufen. Die Ausrichtung der Berliner (und deutschen) Verkehrspolitik kann man am Beispiel von Berlins Warschauer Straße beispielhaft ablesen.

Vier Verkehrsarten, eine Straße: Wer profitiert?

Die Straße befindet sich in Berlin Friedrichshain. Sie ist  eine wichtige Nord-Süd Achse der Stadt. An der vielbefahrenen Straße befinden sich viele Geschäfte – vor allem Einzelhandel und Gastronomie – ebenso wie Wohnungen, Clubs, und durch wichtige S- und U-Bahn-Haltestellen auch Knotenverkehrspunkte. 2016 wurde ein Umbau von 940 Metern der insgesamt 1600 Meter langen Straße vollendet. Die Maßnahme wurde von Stadt- und Bezirksregierung als Erfolg gefeiert. Doch wenn ein Erfolg gefeiert wird, muss man immer fragen: Erfolg für wen? Schauen wir uns also die Straße genauer an…

Auf der Warschauer Straße sind vier Verkehrsarten vertreten: Autos, Radfahrer, Fußgänger sowie der öffentliche Transport. Täglich fahren hier also tausende Autos und LKWs. Ähnlich wichtig ist die Straße für den Radverkehr. Daneben gibt es viele Fußgänger. Nicht nur weil sie Einkaufen, Bummeln oder nach Hause, beziehungsweise zur Arbeit gehen, sondern auch weil sie die vierte Verkehrsart nutzen: den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV). Schauen wir also im Einzelnen auf die verschiedenen Verkehrsteilnehmer, um zu sehen, wer nach dem Umbau der Warschauer Straße wirklich als Gewinner hervorgeht.

Haltestelle gefühlt zwischen Mini-Autobahnen

Fangen wir mit den Fahrgästen des ÖPNV an. Es gibt zwei große Haltestellen an der Warschauer Straße: Die U-Bahn-Haltestelle Frankfurter Tor sowie die S- und U-Bahn-Haltestelle Warschauer Straße. Das Frankfurter Tor ist eine ordentliche U-Bahn-Haltestelle, an der überirdisch auch Busse und Tram-Bahnen halten. An der Haltestelle Warschauer Straße steigen so insgesamt täglich 85.000 Fahrgäste ein, um oder aus.

Die Haltestelle besteht eigentlich aus drei Haltestellen: einer U-Bahn-, einer S-Bahn- und einer Tramhaltestelle. Zwischen ihnen liegen mehr als 350 Meter Fußweg. Das ist kein Problem für Menschen wie mich. Für meine Oma ist es nicht gerade optimal. Die Tram hält zwischen zwei vielbefahrenen Autospuren, sodass man manchmal meint, zwischen zwei Mini-Autobahnen auszusteigen. Erneut kein großes Problem für mich. Für Kinder auf dem Schulweg allerdings ist das wahrscheinlich auch nicht okay, es sei denn, die Eltern kommen mit.

Die Bürgersteige, die man auf dem Weg von der Tram zur U- und S-Bahn überqueren muss, sind hier sehr eng. Sie reichen für die vielen Pendler und Touristen, die von der U-Bahn zur S-Bahn laufen, kaum aus. Da viele es eilig haben und schnell umsteigen wollen, kommt es öfter zu Konflikten. Gegenwärtig wird ein neuer S-Bahnhof gebaut. Bei dem Neubau wird aber nicht beabsichtigt, die U- und S-Bahn-Stationen näher aneinander zu legen – sorry, Umsteiger! Wo man danach das Fahrrad abstellen soll, um in die Bahn zu springen, bleibt auch unbeantwortet.

Wer hat gewonnen?

Nicht die Nutzer des ÖPNV.

Schön für ÖPNVler ist allerdings, dass die Tram verlängert werden soll, damit Fahrgäste auch künftig weiter nach Süden gen Kreuzberg fahren können.

Wer zu Fuß geht, muss sich quetschen

Das Schicksal der Fußgänger überschneidet sich weitgehend mit dem der ÖPNV-Kunden. Die Gehwege in der Warschauer sind relativ breit verglichen mit einem durchschnittlichen Bürgersteig. Allerdings ist das Verkehrsaufkommen auch sehr groß. Das heißt, wenn Park- und Ladebuchten vorhanden sind, müssen Passanten sich auf wenigen Zentimeter aneinander vorbeiquetschen.

Tatsächlich schön für Fußgänger an der Warschauer Straße ist die Mittelinsel. Zwischen zwei leisen Tramgleisen (und vier lauten Autopisten) gibt es einen Bereich, der zum Flanieren einlädt. Der Bereich ist mit Bänken und Bäumen schön gestaltet. Leider ist er aber von Eisdielen, Imbissen und Spätis durch die vielbefahrene Straße abgetrennt, sodass er unzugänglich für kleine Kinder ist, die sonst den Raum gut nutzen könnten.

Wer hat gewonnen?

Offensichtlich auch nicht die Fußgänger.

Autos können Tag und Nacht fahren

Den Autofahrern wurde am meisten Platz überlassen. Allerdings sind viele Autoparkplätze durch den Umbau weggefallen. Trotzdem dürfen Autos auf mindestens zwei, manchmal drei schönen, breiten Spuren fahren, je mindestens drei Meter breit. Stadtplaner Tim Lehman führt in einer Evaluation des Umbaus aus:

Statt vorher nur einer durchgängig befahrbaren KFZ-Spur – die andere war praktisch immer von Lieferverkehr oder Zweite-Reihe-Kurzzeitparkern blockiert – stehen nun zwei durchgängig freie Autospuren zur Verfügung, eine Verdopplung.

Da die Oberfläche der Straße neu ist, drohen den Autos keine Schäden durch Schlaglöchern mehr. Ein Bonus für die Anwohnerinnen und Anwohner ist auch, dass für die Fahrbahnoberfläche ein teurer lärmmindernder Spezialbelag benutzt wurde. So können Autos und LKWs Tag und Nacht fahren, ohne die Anwohner zu sehr mit Lärm zu belästigen.

Wer hat gewonnen?

Die Lage für Autofahrer hat sich zumindest verbessert, wenn man von denen absieht, die in der Warschauer Straße parken wollen.

Warschauer Straße Berlin Parken

Bild: Dirk von Schneidemesser

Lebensgefahr für Radfahrer

Offensichtlich sieht das Bezirksamt dies etwas anders, und behauptet, dass hauptsächlich Radfahrer von den Umbauten profitiert haben. So stimmt dies aber nicht. Ja, es ist richtig, dass es nun möglich ist, Fahrräder in der Warschauer Straße abzustellen. Doch mit dem Rad auf der Straße zu fahren ist weiterhin unangenehm und gefährlich.

Auch Autofahrer müssen zwar durch den Umbau verstärkt auf die vielen Fahrräder aufpassen, die immer wieder auf die Autofahrbahn ausschwenken. Das kommt aber daher, dass der Raum, der für die zahlreichen Radfahrer übrig geblieben ist, oft nur eine aufgepinselte Spur von nicht mehr als 1,30 Meter Breite ist. Weil sie eben nur aufgepinselt ist, wird sie regelmäßig zugeparkt. Um weiter zu kommen, müssen Radler folglich auf die Autospur ausweichen, was lebensgefährlich sein kann und dazu auch noch den Autoverkehr ausbremst.

Warschauer Straße Berlin Radwege

Bild: Dirk von Schneidemesser

An manchen Stellen müssen sie zusätlich aufpassen, da Türen von Lieferwagen und Autos oft aufgerissen werden. Das ist für Radfahrer lebensgefährlich, denn der vorgesehene Abstand der Autos zum Radverkehr ist nicht einmal so breit wie eine Autotür. Diese Art der sogenannten Dooring-Unfälle kostete dieses Jahr bereits zwei Radfahrer in Berlin das Leben. Daher starteten Aktivisten vor einigen Wochen eine Aktion, um die enge Radspur mit Leib und Leben zu schützen.


Immerhin fahren trotz dieser schlechten Bedingungen rund 10.000 Fahrräder täglich über die Oberbaumbrücke, die direkte südliche Verlängerung der Warschauer Straße.

Ich frage also nochmals: Wer hat gewonnen? Denn aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Fahrradfahrer sicher nicht!

Dit is Berlin?

Ein Jahr nach Beendigung der Bauarbeiten für den Umbau der Warschauer Straße scheint das implementierte Verkehrskonzept bereits um mehrere Jahre veraltet. Der Autoverkehr wird auf eine Weise bevorzugt ermöglicht, die die Lage für alle anderen Verkehrsteilnehmer erschwert und behindert. Soll man also die Achseln zucken und sagen: „Dit ist Berlin“?

Nein, denn es ist nicht nur Berlin.

Diese eindimensionale Art, Verkehr zu denken, lässt sich leider in den meisten Städten in Deutschland beobachten. Die Stadtplaner müssen stark umsteuern, zugunsten der Menschen. Auch zugunsten der Menschen, die nicht gerade im Auto sitzen.

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Über den Autor

Dirk von Schneidemesser

Dirk von Schneidemesser ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hertie School of Governance in Berlin. Dort forscht er zu politischer Kommunikation innerhalb einer dynamischen Medienlandschaft. Schwerpunkte seiner Forschung sind Wahlkampagnen und lokalpolitische Diskurse, etwa zum Thema Bikesharing.

Darüber hinaus genießt er Radfahren in all seinen Facetten, was sich gut mit einer seiner anderen großen Leidenschaften ergänzt – Kuchen.

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