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Brauchen digitale Nomaden eine eigene Website?

geschrieben von Marinela Potor

Es mag viele von euch verwundern, dass ich diese Frage überhaupt stelle. Die Antwort scheint doch glasklar: Natürlich brauchen vor allem digitale Nomaden, die im und mit dem Internet arbeiten, auch eine Webseite, auf der sie sich, ihre Dienste und Angebote präsentieren können. Deshalb ist meine Antwort auf diese Frage vielleicht zunächst überraschend. Ich sage nämlich: Nein, digitale Nomaden müssen keine Webseite haben – zumindest nicht am Anfang.

Wenn ich mal von mir ausgehen darf, ich lebe und arbeite seit fast 5 Jahren als digitale Nomadin und habe noch immer keine eigene Webseite (gut, derzeit hat das vielleicht eher etwas mit einem sehr unfähigen Webdesigner zu tun – wer mir also hier aushelfen möchte, kann sich gerne bei mir melden!). Doch trotzdem, oder ich sage sogar, gerade deshalb, hatte ich nie Probleme neue Kunden zu gewinnen. Ich hatte in all meinen Jahren als Online-Nomadin noch nie eine Auftragsflaute. Denn meine Kunden hat weniger interessiert wie schick mein Blog aussieht, sondern mehr, was ich tatsächlich leisten kann.

Daher empfehle ich auch besonders in der ersten Phase, wenn ihr euch in eurer Anfangszeit als digitale Nomaden vielleicht erstmal als Freiberufler ausprobiert und noch viel testet, erstmal keine eigene Homepage zu haben. Ja, ihr habt richtig gelesen, ich glaube, für Anfänger kann es sogar Vorteile haben, erstmal keine Webseite zu haben.

Eine Webseite lenkt vom Wesentlichen ab

Ich sehe das immer wieder, viele wollen den Traum vom digitalen Nomadentum am besten jetzt und gleich leben. Sie starten sofort einen Reiseblog, stellen ihre Social Media Kanäle auf, am besten noch den YouTube Channel dazu und wenn es geht noch einen Podcast – und hoffen, dass sie damit dann das große Geld verdienen. Auch wenn das natürlich ein ganz legitimer Weg zum digitalen Nomadenleben ist, er funktioniert natürlich nur, wenn die Produkte dahinter oder das eigene Wissen, das man verkaufen will, auch herausstechen. Ich sage nicht, dass wenn ihr eine wirklich tolle Idee habt, dieser nicht nachgehen solltet. Nur scheinen mir viele Webseiten von digitalen Nomaden als schön designte Hülle, mit wenig dahinter. Klar, es ist super, wenn ihr einen schicken Blog habt und ihr mir Newsletter schicken und auch noch ein Ebook verkaufen wollt. Doch wenn es das 74.632 Ebook zur Reiseplanung in Thailand ist oder der 938.449 Blog zum Onlinemarketing – dann müsst ihr eure Leser und potentiellen Kunden wirklich aus den Flip-Flops hauen, damit sie euren Newsletter auch abonnieren und sich euren Ratschlag gegen Geld herunterladen möchten.

Nehmt euch Zeit, um eure Stärken zu finden

Bevor ihr also Monate in den Aufbau eurer Webpräsenz steckt, überlegt euch sehr gut, was ihr überhaupt präsentieren wollt. Was habt ihr, was alle anderen nicht haben? Seid ihr ein Bastler, der jeden Tag 20 neue Ideen für kreative Produkte hat, die er im Netz verkaufen möchte? Dann entwickelt erstmal diese Produkte, und achtet darauf, dass die Qualität einwandfrei ist. Fragt im Freundeskreis, wer sich euer cooles, faltbares Nackenkissen oder das T-Shirt, das in 3 Sekunden trocknet, kaufen möchte. Oder: Kennt ihr Osteuropa wie kein anderer und wollt individuelle Reiseführer erstellen? Dann sammelt Daten, erkundet Orte und erstellt den besten Prototypen, den ihr nur könnt. Erst wenn ihr wirklich überzeugt von eurem Produkt seid und sicher glaubt, dass ihr das tollste, beste, ultimative Produkt erstellt habe, könnt ihr dann auch gerne einen Blog mit Podcast und Videochannel dazu entwickeln. Geht ihr das Ganze andersherum an, sehen Leser vielleicht, dass ihr viel Zeit in euren Webauftritt gesteckt habt, wenden sich dann aber enttäuscht ab, weil nur heiße Luft dahinter steckt. Und so viele Chancen, um Kunden von eurer Idee zu überzeugen, bekommt ihr bei der vielen Konkurrenz im Web nun mal nicht.

Webseiten für Freelancer als Startplattform

Noch unsinniger an einer eigenen Webseite zu arbeiten ist es, wenn ihr erstmal noch gar nicht so recht wisst, was ihr eigentlich machen wollt. Das ist an sich nichts Schlimmes, wenn ihr zunächst ein paar Dinge ausprobiert, bis ihr das Richtige für euch findet. Denn oft dauert es einfach Zeit, bis man herausfindet, wo die eigenen Stärken liegen. Gerade in diesem Fall ist es einfach überflüssig, Zeit und Energie in eine Webseite zu stecken, auf der ihr euch als Marketingcoach präsentiert, wenn ihr vielleicht nach 6 Monaten feststellt, dass ihr viel mehr Geld mit euren Buchhalter-Kenntnissen verdienen könnt. Gerade wenn es also darum geht, euer Know-how zu testen und festzustellen, wohin eure Reise als digitale Nomaden überhaupt gehen kann, halte ich es für einfacher, erstmal Freelancer-Portale zu nutzen.

Hier habt ihr den großen Vorteil, dass ihr am Anfang keine Zeit verliert, und relativ schnell zur Kundenakquise übergehen könnt. Denn seien wir mal ehrlich, gerade wenn wir unser Leben als digitale Nomaden beginnen, brauchen wir dringend Startkapital. Auf einer Freiberufler-Plattform müsst ihr vielleicht 30 Minuten in die Erstellung eines guten Profils investieren und könnt dann schon die ersten Aufträge absahnen. Das ist vielleicht nicht so sexy wie eine eigene Webseite, aber ihr erhaltet drei Dinge, die euch eine Webseite so schnell nicht geben kann: Geld, Erfahrung und einen Kundenstamm.

Viele tun die Jobportale voreilig ab, weil sie glauben, hier nicht schnell viel verdienen zu können. Während es natürlich stimmt, dass Freelancer oft mit Preisdumping zu kämpfen haben, habe ich doch die Erfahrung gemacht, dass Kunden auch bereit sind, für gute Qualität entsprechend zu zahlen. Ein weiteres Plus: Mit einem Freelancer-Profil könnt ihr relativ schnell euren eigenen Marktwert einschätzen. Ihr könnt so rasch erkennen, was euch Spaß macht, worin ihr gut seid, und welche Kunden sich überhaupt für eure Dienste interessieren. Sobald sich das herauskristallisiert hat, spricht natürlich nichts dagegen, euch auch mit einer eigenen Webseite professionell zu präsentieren.

Weniger Web-Blasen, mehr Inhalte

Damit will ich nicht sagen, dass ihr euch und euer Angebot nicht im Web vermarkten sollt. Natürlich ist das vor allem für digitale Nomaden extrem wichtig. Dennoch: So fantastisch euer Webauftritt auch sein mag, wenn dahinter nur ein langweiliges oder unausgereiftes Produkt steht, könnt ihr lange nach Einnahmequellen suchen und ihr werdet euch wundern, wie schnell eure wunderbare Webseite im Niemandsland des weiten Webs verschwindet. Wenn ihr nicht gerade großen Spaß am en dauerhaften Erstellen von neuen Webseiten habt, ist es also besser, sich die Zeit zu nehmen, erstmal die Inhalte vor dem Webauftritt zu entwickeln. Daher würde ich mir wünschen, dass mehr digitale Nomaden, sich weniger mit Web-Kosmetik beschäftigen würden und dafür mehr mit wirklichen Inhalten.


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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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