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Warum wir die „Weltraumnation Asgardia“ ernst nehmen sollten

Asgardia Weltraumkönigreich Illustration
Foto: James Vaughan / Asgardia
geschrieben von Marinela Potor

Das erste selbsternannte Weltraumkönigreich der Welt, „Asgardia“, versucht derzeit als Nation von der UN anerkannt zu werden – und könnte damit die kommerzielle Raumfahrt und unser Verständnis von Nationen radikal verändern.

Asgardia möchte im Kern eine neue Form von Staat sein: friedlich, tolerant und weltoffen. So ist das „Weltraumkönigreich“ auf drei Prinzipien gegründet:

  1. Im Weltraumkönigreich soll es keine Nationen oder Ländergrenzen geben, sodass die Konflikte der Erde nicht ins All gelangen.
  2. Alle Menschen – ganz gleich welcher Herkunft, Hautfarbe, Sprache oder Religion sie angehören – sollen in der Weltraumnation gleiche Rechte und Pflichten haben.
  3. Asgardia möchte das Wohl der gesamten Menschheit garantieren.

Darüber hinaus verspricht Asgardia auch, das Wissen der Nation mit der gesamten Menschheit über eine Art Open-Source-Plattform Zugriff zu teilen.

Asgardia Weltraumnation Illustration

Asgardia möchte die Menschheit voranbringen (Foto: James Vaughan / Asgardia)

Mit wenigen Klicks „Bürger“ von Asgardia werden

Eine vorurteilsfreie Nation, die in Frieden lebt und Wissen verbreiten möchte – das klingt sehr verlockend. Was für manche wie eine Utopie klingen mag, meint Asgardia-Gründer Igor Ashurbeyli aber ganz ernst.

Für ihn ist die neue Weltraumnation, „keine Verurteilung des aktuellen Zustands auf der Erde, sondern ein evolutionärer Schritt nach vorne“, wie es eine Asgardia-Sprecherin gegenüber Mobility Mag ausdrückt.

Die Idee zu Asgardia kam Igor Raufovich Ashurbeyli 2016 auf einem internationalen Kongress zu Weltraumgesetzen in Montreal. Er hatte schon länger überlegt, wie er eine neue, friedliche Nation schaffen könnte und hier kam ihm schließlich die Idee. Warum sollte er diese neue, unabhängige Nation nicht im Weltraum gründen?

Schritt für Schritt möchte Ashurbeyli so im All einen brandneuen Staat schaffen, mit Gesetzen, einem Parlament und einer Verfassung. Jeder, den die Idee von Asgardia überzeugt, kann sich – ganz futuristisch – mit nur wenigen Klicks über die Webseite der Weltraumnation nach einer Registrierung und der Anerkennung der Verfassung einbürgern lassen.

Rund 190.000 Menschen haben dies seit der Gründung von Asgardia im Jahr 2016 getan. Wie all diese Menschen im Weltall leben sollen, ist bislang allerdings noch unklar.

Asgardia Stadtzentrum Weltraum Illustration

So könnte das „Stadtzentrum“ von Asgardia aussehen (Foto: James Vaughan / Asgardia)

Allein schon deshalb kling das Konzept für viele wahrscheinlich nach einer irren Spinnerei, doch tatsächlich lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Ziele und die Staatenbildung von Asgardia zu werfen.

Denn sollte das Weltraumkönigreich tatsächlich als Nation anerkannt werden, wäre das ein revolutionärer Schritt für die private Raumfahrt und die Kolonialisierung des Weltraums.

Wie wird man ein Staat im Weltraum?

Um eine offizielle, von der UN anerkannte Nation zu werden, muss Asgardia eine Vielzahl von Bedingungen erfüllen. Ein Staat braucht zum Beispiel eine permanente Bevölkerung sowie ein festgelegtes Territorium und eine Regierung. Darüber hinaus muss eine Nation Beziehungen zu anderen Staaten aufbauen können und von anderen Staaten anerkannt werden.

Asgardia ist sichtlich bemüht, all diese Voraussetzungen zu erfüllen – wenn auch nicht ohne Kritik, Skepsis und ersten Stolpersteinen.

Festplatte Asgardia

Reicht eine Festplatte in einem Satelliten als Territorium? (Foto: Asgardia / NanoRacks)

Der erste Schritt war der Weltraum-Launch des ersten Satelliten von Asgardia im Vergangenen November, mit dem die selbsterklärte Nation ihr Territorium markieren will. Der Satellit wurde gemeinsam mit einer Versorgungsmission der ISS in den Weltraum geschickt und enthält eine Festplatte mit 512 GB an Daten.

Diese enthält angeblich Informationen von 18.000 Asgardia-Bürgern. Die Festplatte kann von der Erde aus mit gängiger Satellitenkommunikation aktualisiert und heruntergeladen werden.

Während Asgardia diese Mission als ersten erfolgreichen Schritt auf seinem Weg zur Staatenbildung ansieht, haben viele Experten Bedenken geäußert. Zum einen wirft dieser Schritt Zweifel an der Utopie von Asgardia auf.

Will Asgardia in Wirklichkeit einen Schurkenstaat schaffen?

Einige fragen sich zum Beispiel, ob es Ashurbelyi möglicherweise weniger darum geht eine friedliche Nation zu gründen, und eher darum empfindliche Daten im Weltraum zu speichern, sodass sie nicht mehr von irdischen Gesetzen belangt werden können.

Andere weisen darüber hinaus auf rechtlich problematische Aspekte der Mission hin. So flog der Asgardia-Satellit mit einer US-Rakete ins All. Nach dem geltendem Weltraumvertrag bedeutet das aber, dass der Satellit offiziell unter US-Rechtssprechung fällt.

Es könnte daher sein, dass Asgardia auf der Suche nach Partnerländern ist, die nicht Teil des internationalen Weltraumvertrages sind. Sollte eine dieser Nationen einen weiteren Satelliten für Asgardia in den Weltraum schicken, müsste Asgardia sich nicht mehr an die inernationalen Weltraum-Abkommen halten.

Einige Beobachter sagen deshab, dass Asgardia einen Schurken-Bankenstaat gründen möchte – etwas, das Asgardia selbst strikt dementiert.

Der Weg zur Weltraumnation ist voller irdischer Probleme

Doch Asgardias Gründer lassen sich davon nicht beirren und gehen den Weg Richtung unabhängige Nation mutig weiter. So haben in diesem Jahr die Asgardia-Bürger über eine Verfassung sowie über ein Parlament abgestimmt – eine weitere Voraussetzung, damit die UN Asgardia als Nation anerkennen kann.

Hierbei zeigten sich dann aber ganz irdische Probleme bei der Weltraumnation. Viele „Bürger“ fanden, dass die Verfassung Igor Ashurbelyi zu viel Macht einräume. Sie beschwerten sich ebenfalls darüber, dass es nicht die Möglichkeit gab, gegen die Verfassung zu stimmen.

Auch bei der Parlamentswahl gab es, gelinde gesagt, einige Ungereimtheiten. So durften die „Bürger“ sich nur dann zur Wahl aufstellen, wenn sie mindestens 40 Jahre alt waren. Wenn man bedenkt, dass der Altersdurchschnitt der Asgardia-Bürger eher um die 25 liegt, ist das etwas seltsam.

Auf Nachfrage von Mobility Mag, hieß es dazu in blumigen Worten: „Wir glauben, dass ein Kandidat neben Berufserfahrung auch Lebenserfahrung braucht, die man nur gewinnen kann, wenn man ein eben solches Leben gelebt hat.“

Auch tauchten nach Beobachtungen von Gizmodo in letzter Sekunde völlig unbekannte Kandidaten auf, die dennoch bei der Online-Abstimmung ins Parlament gewählt wurden, während andere Bewerber auf mysteriöse Weise nicht genug Stimmen erhielten.

Einige vermuteten, dass Ashurbelyi sich auf diesem Weg Vertrauensleute ins Parlament schmuggelte. Gegenüber Mobility Mag dementierte Asgardia dies: „Diese Behauptungen sind nicht wahr und wir haben unser Bestes gegeben, um eine reibungslose, demokratische Wahl abzuhalten.“

Aktuell läuft die zweite Runde der Parlamentswahlen für Asgardia.

Asgardia auf dem Weg zur Nation

Ob die Vorwürfe nun wahr sind oder nicht, Asgardia hat jedenfalls – wenn auch ein strittiges – Territorium im Weltall, Staatsbürger sowie eine Verfassung und ein Parlament. Der nächste Schritt zur ersten souveränen Weltraumnation zu werden, ist nun von anderen Nationen anerkannt zu werden. Hier gibt es laut Asgardia aktuell Verhandlungen mit einigen Ländern.

Wie weit diese Verhandlungen fortgeschritten sind und um welche Länder es sich dabei handelt, wollte Asgardia aber nicht verrraten. Mehr Informationen dazu werde es auf dem Parlamentsgipfel von Asgardia im Juni geben.

Doppelte Staatsbürgerschaft auf der Erde und im Weltraum?

Doch, selbst wenn Asgardia einen legitimen Antrag auf einen eigenen Staat stellen kann, ist dies erst der Anfang des Anerkennungsprozesses. Danach muss der Sicherheitsrat den Antrag überprüfen und mindestens neun Ratsmitglieder müssten ihn anschließend ratifizieren.

Auch darf keiner der fünf ständigen UN-Mitgliedsstaaten (China, Frankreich, Russland, Großbritannien oder die USA) dagegen stimmen.

Sollte das alles tatsächlich eintreffen, muss dann noch die Generalversammlung dem Antrag mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit zustimmen.

Die meisten Experten halten dies für sehr unwahrscheinlich.  Sollte die UN Asgardia dennoch irgendwie als Nation anerkennen, könnte dies weitreichende Konsequenzen haben.

Denn wenn man den Gedanken zu Ende denkt, ergeben sich tausend Fragen: Welche Rechtssprechung gilt eigentlich im Weltraum? Kann eine Nation im Weltraum den Gesetzen der Erde entkommen? Kann man gleichzeitig eine doppelte Staatsbürgerschaft im Weltraum und auf der Erde haben?

Auch wenn Asgardia seine Pläne nicht umsetzen kann, sind dies dennoch einige spannende Fragen, die angesichts der immer weiterreichenden kommerziellen Raumfahrt und der geplanten Kolonialisierung von neuen Planeten, viel Diskussionspotenzial bieten.

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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