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Exklusiv-Interview mit Daimler-Futurologin: So verändert sich Mobilität

geschrieben von Marinela Potor

Wie sieht die Zukunft der Mobilität aus? Darüber kann man spekulieren – oder man kann sie erforschen. Wie beispielsweise die Daimler-Zukunftsforscherin Dr. Marianne Reeb. Wir haben mit ihr über autonomes Fahren, Smart Cities und das große Missverständnis rund um die Shared Mobility gesprochen.

Seit 20 Jahren blickt Dr. Marianne Reeb für die Daimler AG in die Zukunft. Wie sieht die Mobilität von morgen aus? Welche Trends werden sich langfristig durchsetzen? Im Interview spricht sie auch darüber, wie sie ihre Prognosen erstellt und weshalb sie nicht so recht an fliegende Autos glaubt.

Mobility Mag: Sie sind bereits seit 20 Jahren Mitglied der Forschungsgruppe „Forschung für Gesellschaft und Technik“ der Daimler AG. Woher kommt Ihre Faszination für Themen rund um die Zukunft der Mobilität?

Dr. Marianne Reeb: Sich mit Zukunft zu beschäftigen, hat, glaube ich, für uns alle etwas Faszinierendes. Die Menschheit tut das schon immer. Die einen verbinden damit Hoffnungen, dass sich etwas bessert, die anderen Ängste vor dem Unbekannten.

Science-Fiction in Film und Literatur vergemeinschaftet Zukunftsvisionen für ein breiteres Publikum und prägt zum Teil das gesellschaftliche Bild von unserer Zukunft – von „1984“ bis „Avatar“. Und hier habe ich bewusst zwei Beispiele gewählt, die auch eine gesellschaftlich stark veränderte Zukunft zeigen – sehr häufig werden die Geschichten ja eher von der technologischen Entwicklung her beschrieben.

Die Zukunft ist ihr Beruf (Bild: Marianne Reeb / LinkedIn)

Mich interessiert an Zukunft vor allem, wie Menschen in der Zukunft leben werden, wie technologische Innovationen und zukünftige Lebenswelten ineinander greifen werden. Und da spielt Mobilität eben eine bedeutende Rolle – zukünftig vermutlich noch mehr, weil wir ja immer mobiler werden, trotz Virtual Reality, Internet und Smartphones.

Mit welchen Fragen beschäftigt sich die Daimler-Forschungsgruppe im Allgemeinen?

Wir starten den frühen Innovationsprozess, indem wir Bilder und Visionen entwickeln, die anderen Lust auf die Gestaltung von Zukunft machen. Also nicht die Frage: „Was wird passieren?“, sondern: „Was kann passieren und was wird dadurch möglich?“

Wie genau erstellen Sie diese Prognosen? Welche Werkzeuge nutzen Sie dafür?

Wir nutzen sowohl klassische Methoden wie die Szenarioanalyse, vor allem aber auch das breite Wissen unseres internationalen Netzwerks von Experten aus unterschiedlichen Disziplinen und mit verschiedenen Begabungen. Prognosen machen wir nicht, eher entwickeln wir komplexe Zukunftsbilder auf Basis dieses multidisziplinären Wissens. Methoden setzen wir ein, um die komplexen Themen zu strukturieren, auch ein Szenarioprozess ist letztendlich nichts anderes als ein strukturierter Diskussionsprozess über mögliche Zukünfte.

Sie haben einmal gesagt, dass man für einen „educated guess“ der Zukunft ein optimistisches und ein pessimistisches Szenario erstellen sollte. Wie sieht denn Ihr optimistisches und Ihr pessimistisches Szenario für die Zukunft der Mobilität aus?

Im pessimistischen Szenario bleibt alles, wie es ist, beziehungsweise verschlimmern sich Verkehrssituationen weiter. Stau, Umweltbelastungen, verschenkte Lebenszeit. Neue Technologien wie das autonome Fahren führen zu noch mehr Verkehr, der unsere Städte verstopft. Emissionsfreie Antriebe bringen nicht die gewünschte Entlastung, da sie sich nicht breit durchsetzen konnten.

Im optimistischen Szenario arbeiten beispielsweise Städte und Mobilitätsanbieter Hand in Hand, um zu jeder Zeit für jeden das optimale Mobilitätsangebot bereitzustellen. Mobilität wird mit Hilfe intelligenter Systeme optimiert, jeder einzelne Verkehrsteilnehmer trägt seinen Teil dazu bei. Die so optimierten Städte werden wieder lebenswerter und der oder die Einzelne gewinnt wertvolle Lebenszeit.

Mit welchen Zukunftsprognosen haben Sie bisher ins Schwarze getroffen?

Richtig lagen wir bei vielen Themen. Dass Gesundheit wichtiger werden würde, haben wir schon zur Jahrtausendwende postuliert, heute ein zentrales gesellschaftliches Thema und mittlerweile auch im Auto angekommen. Auch um diese Zeit haben wir begonnen, uns mit China intensiver zu beschäftigen. Zu einer Zeit, als das noch ein Land mit einer großen Mauer war und Mercedes dort im Vergleich zu heute nur „eine Handvoll“ Autos verkaufte.

Und bei welchen lagen Sie völlig daneben?

Vor fast schon 20 Jahren waren wir der Meinung, dass das steigende Umweltbewusstsein sich stark im Konsumverhalten der Menschen niederschlagen wird. Mit der Zeit mussten wir aber erkennen, dass den Menschen eine saubere Umwelt zwar wichtig ist, sie aber nur in Ausnahmefällen auch bereit sind, nur ihretwegen auf Komfort oder Qualität zu verzichten oder auch einen höheren Preis zu bezahlen. Das tun sie nur, wenn ihre eigene Gesundheit direkt betroffen ist.

Wir haben das Thema damals nicht in seiner gesamten Komplexität erfasst und erst später festgestellt, dass beim Thema „Umwelt“ Einstellungen und Verhalten doch recht weit auseinander liegen.

Eins der Themen, mit denen Sie sich aktuell in der Daimler-Forschungsgruppe beschäftigen, sind Smart Cities. Warum ist das ein Thema für Futurologen?

Mit der Entwicklung von Städten beschäftigen wir uns ebenfalls schon sehr lange, da nicht nur in China immer mehr Menschen in Städten leben. Auch bei uns nimmt der Anteil der urbanen Bevölkerung stetig zu. Dabei lohnt sich auch für Zukunftsforscher der Blick zurück.

Waren in den 60er- und 70er-Jahren die Leitbilder der Stadtentwicklung noch stark vom Auto und vom Verkehrsfluss dominiert, also mehr Straßen, breitere Straßen etc., gehen Städte aktuell und in der Zukunft dazu über, die Lebensqualität der Bewohner ins Zentrum zu stellen. Auch auf Kosten von Verkehr und Verkehrsfläche.

Was tut sich noch?

Heute werden auch andere Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer und Fußgänger gestärkt. Smart Cities gehen da noch einen Schritt weiter und nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung, um beispielsweise den Verkehr, die Energieversorgung oder die Logistik zu optimieren. Diese Entwicklung steht aber noch ziemlich am Anfang.

Es gibt viele Pläne, Strategien und Konferenzen, aber die nachhaltige Umsetzung wird sich erst in einigen Jahren oder Jahrzehnten zeigen. Von daher ist es selbstverständlich ein relevantes Thema für Zukunftsforscher.

Aktuelle Trends in der Mobilität sind die Shared Economy und E-Mobilität. Wie glauben Sie, dass sich diese Trends weiter entwickeln werden?

Beim Thema „Shared“ bin ich der Meinung, dass in der öffentlichen Diskussion ein Missverständnis gepflegt wird. Sharing-Modelle gewinnen an Bedeutung, aber das Motiv, Carsharing zu nutzen, ist nach meiner Erfahrung weniger das Bedürfnis, etwas zu teilen, als das viel stärkere Motiv, flexibel mobil zu sein.

Was genau meinen Sie damit?

Das heißt, ein Auto dann zur Verfügung zu haben, wenn man es braucht, keine langfristige finanzielle Verpflichtung einzugehen und sich um nichts Weiteres kümmern zu müssen. Aus Sicht von Städten liegt die Attraktivität von solchen Nutzungsmodellen darin, dass die Anzahl von Fahrzeugen in der Stadt dadurch verringert werden kann.

Viele Städte erwarten heute aber auch schon, dass die Fahrzeuge einer Sharingflotte emissionsfrei fahren, weil das emissionsfreie Fahren in den Zielen von vielen Städten in Europa und vor allem China fest verankert ist. Das heißt, beide Themen sind nicht unabhängig voneinander zu betrachten. Zumal das Sharing eine gute Gelegenheit ist, bei den Nutzern Barrieren in puncto Elektroantrieb zu beseitigen. Die Möglichkeit, Neues auszuprobieren, ohne sich langfristig binden zu müssen, ist ein unterschätzter Nebeneffekt von Sharingmodellen.

Wie stehen Sie zu einem anderen großen Mobilitätstrend, den autonomen Fahrzeugen? Haben diese eine Zukunft?

Das autonome Fahren bietet tatsächlich das stärkste Veränderungspotential. Wenn Autos alleine zum Kunden kommen und sich nach der Fahrt auch wieder zum nächsten Kunden bewegen, wachsen Carsharing und das gute alte Taxi zusammen. So kann einerseits die absolute Zahl der Fahrzeuge reduziert werden – ein starkes Motiv in chinesischen Städten –  andererseits aber auch der öffentliche Verkehr – vor allem in europäischen Städten – effizient unterstützt werden.

Aber nicht jeder wird in jeder Situation auf solche Angebote zurückgreifen wollen, Routinen verändern sich erfahrungsgemäß langsam. Dennoch bietet gerade die intelligente Kombination der Trends Chancen für Städte und Kunden in der Zukunft.

Ihr Kollege Aric Dromi, der unter anderem die Volvo-Group berät, hat einmal gesagt, er glaube, dass wir fliegende Autos lange vor selbstfahrenden Autos haben werden. Wie sehen Sie das?

Das halte ich eher für einen gewollten Effekt in unserer Aufmerksamkeitsökonomie. Die technischen Herausforderungen sind bei beiden Technologien immens, und die echten Use-Cases für das Fliegen und dessen breite Anwendung scheinen mir sehr viel fraglicher. Oder, anders herum gefragt: Wollen Sie in einer Stadt leben, wo auch nur zehn Prozent des Straßenverkehrs über Ihrem Kopf stattfinden?

Wie sehen Sie denn den Pioniergeist im Bereich der Innovation der Mobilität in Deutschland? Uns wird ja oft vorgeworfen, zu sehr hinter den Trends der USA hinterherzuhinken…

Hätten Sie nach Innovationen im Bereich der digitalen Welt gefragt, hätte meine Antwort vermutlich anders gelautet. Aber gerade in Bezug auf Mobilität ist Amerika doch sehr konservativ. Das Auto als Garant der individuellen Freiheit hat auch aufgrund der Siedlungsstruktur – der Großteil der Amerikaner lebt nach wie vor in Suburbia – einen deutlich höheren Stellenwert als in Europa. Öffentlicher Verkehr und Transport ist etwas für Ältere und sozial Schwache.

Da sind viele europäische Städte auf sehr viel progressiveren Wegen unterwegs und suchen nach Wegen, alle Mobilitätsformen und -bedürfnisse optimal zu kombinieren. Daraus resultieren dann auch Angebote im Bereich Carsharing, von denen einige nicht durch Zufall aus Deutschland kommen. Innovationen haben nur da eine Chance am Markt zu bestehen, wo die Veränderung in den Alltagsroutinen ebenfalls stattfindet.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Über den Autor

Marinela Potor

Marinela Potor ist Journalistin auf Weltreise und Chefredakteurin vom Mobility Mag. Seit 2013 hat sie keinen festen Wohnsitz mehr und schlägt sich als digitale Nomadin um den Globus.

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